Team USA bei der Basketball-WM - die Jungs von der Straße

US-Coach Gregg Popovich (l.) mit Kemba Walker

Vor dem Auftakt der Basketball-WM

Team USA bei der Basketball-WM - die Jungs von der Straße

Von Christian Mixa

Die US-Basketballer reisen erstmals seit langem wieder ohne die Superstar-Fraktion zu einer Weltmeisterschaft - begleitet von großer Skepsis in der Heimat.

Sicher, der 98:94-Sieg der Australier gegen die USA war nur ein Testspiel. Eins von vielen vor dieser Basketball-WM. Dennoch hatte der Erfolg der "Aussies" gegen den Titelverteidiger eine Woche vor dem Auftakt der WM in China durchaus eine Signalwirkung: Es war die erste Niederlage einer US-Profiauswahl seit dem verlorenen WM-Halbfinale 2006. Seitdem hatte Team USA alles gewonnen, zuletzt dreimal Gold bei Olympia und zwei WM-Titel, 78 Siege hintereinander.

USA nicht mehr Nummer eins im Power Ranking

Eigentlich galten die US-Basketballer als unbezwingbar, solange nur eine halbwegs erfahrene und nicht fußlahme Auswahl an NBA-Spielern auf dem Parkett steht. Bis zu jenem Abend vor 52.000 Zuschauern in Melbourne, der einen ungeheuerlichen Verdacht bestätigte: dass das Mutterland des Basketballs, Heimat der alles überstrahlenden NBA, dessen Meister sich World Champion nennt, erstmals seit langem wieder ein irdisches, sprich schlagbares Team zu einem großen Turnier schickt.

Das Team USA bei der Basketball-WM Sportschau 29.08.2019 01:10 Min. Verfügbar bis 29.08.2020 ARD

US-Coach Gregg Popovich hatte den Australiern schon vor dem direkten Vergleich die Rolle des WM-Favoriten zugeschrieben - nicht etwa seiner Mannschaft - und sah sich bestätigt: "Sie haben uns eine sehr gute Lektion erteilt, darüber wo wir stehen und wie man ein solches Turnier angehen muss." Im Power Ranking des Weltverbands FIBA, das die Form der Teams in der Vorbereitung wiedergibt, hatten die USA vor dem WM-Auftakt den ersten Platz an Serbien verloren.

Absagenflut im Team USA

Es hat tatsächlich den Anschein, dass die US-Basketballer bei der WM erstmals seit langem nicht als haushoher Favorit antreten. Dies hat zum einen damit zu tun, dass die anderen Nationen weiter aufgeholt haben. Weitaus mehr europäische Spieler als früher etwa spielen in der NBA tragende Rollen bei ihren Klubs.

Vor allem aber gab es bei "Team USA" eine Absagenflut, die man allein aufgrund ihres gewaltigen Ausmaßes nicht einfach ignorieren kann: Insgesamt sagten 40 Spieler, die eine Einladung für einen Platz im WM-Kader bekamen, dem US-Verband ab. Darunter die komplette Superstar-Fraktion um LeBron James, Kevin Durant, Stephen Curry, James Harden oder Russell Westbrook - die bei den vergangenen Turnieren noch erfolgreich als Erben des legendären Dream Teams von 1992 aufgetreten waren.

Aber auch aus der zweiten Reihe verzichteten viele Allstars und erfahrene Spieler auf die Reise nach China - beileibe nicht alle wegen Verletzungen: Vielen Klubs und Spielern ist nach einer kräftezehrenden Saison die Regeneration wichtiger. Hinzu kommt, dass im kommenden Jahr die Olympischen Spiele in Tokio anstehen. Die Aussicht auf zwei verkürzte Sommer in Folge mit großen Turnieren in Übersee schreckte wohl viele Spieler ab, vor allem die Topstars dürften den Start beim deutlich prestigeträchtigeren olympischen Turnier gegenüber der WM vorziehen.

"Junior-Varsity" statt Dream Team

Nachdem auch Kyle Lowry kurzfristig verletzt passen musste, sind im WM-Kader gerade einmal drei NBA-Allstars übrig. Das Fehlen der ersten NBA-Garde und die vielen Absagen bis kurz vor dem Turnierstart wurden auch in den US-Medien mit zunehmendem Argwohn betrachtet. Die Situation beim Team USA sei so, als ob man "Einladungen zu seiner Hochzeit verschickt und eine Absage nach der anderen bekommt", lästerte die "L.A. Times". Anderswo war vom "Junior-Varsity-Team" die Rede, frei übersetzt: einer besseren College-Auswahl.

Dies blieb auch den Spielern nicht verborgen, die sich davon an ihrer Ehre gepackt fühlten: "Man könnte meinen, sie hätten uns irgendwo auf der Straße aufgelesen", sagte Jayson Tatum von den Boston Celtics bei "ESPN". "Wir sind NBA-Spieler - und immer noch sehr gut, in dem was wir machen."

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Walker, Mitchell - und Coach "Pop"

Manche Kommentatoren fühlen sich bei der aktuellen Auswahl aber auch an das Team von 2010 erinnert, als die USA nach dem Rückzug zahlreicher Stars ebenfalls mit viel Skepsis im Gepäck zur WM reisten, wo dann aber die damaligen Jungstars Kevin Durant und Derrick Rose groß auftrumpften und das Team zu Gold führten. Auch im Team von 2019 gibt es durchaus Potenzial für neue Helden. Von der individuellen Klasse her sind die US-Amerikaner nach wie vor hochklassig besetzt, vor allem im Backcourt: mit Bostons Spielmacher Kemba Walker, dem pfeilschnellen Donovan Mitchell und dem defensiv bärenstarken Marcus Smart, ebenfalls von den Celtics.

Talent, Offensivstärke und vor allem das Tempo sind bei den US-Amerikanern immer noch groß genug, um jede Verteidigung der Welt vor sich her zu spielen - wenn sie denn zu einer Mannschaft zusammenwachsen und es schaffen, sich an den etwas anderen Spielstil bei einer WM anzupassen. Dafür dürfte aber im Zweifelsfall der Coach sorgen: Gregg Popovich ist in der NBA der Grandseigneur der Trainerszene, mit den San Antonio Spurs hat er fünf Meisterschaften gewonnen. Den typischen Spurs-Basketball mit schnellem Passspiel wird Coach "Pop" auch dem US-Team versuchen zu vermitteln, denn darauf wird es auch bei der WM ankommen.

Asien als wichtiger Markt für die NBA

Ein Scheitern bei der WM in China, auf einem der Kernmärkte, würde dem globalen Unterhaltungsbetrieb NBA wohl eher nicht ins Konzept passen. Doch die Expansionsmaschinerie der Milliardenliga läuft auch so: Im Oktober touren sechs NBA-Teams zur Saisonvorbereitung durch Asien, auf dem Programm stehen unter anderem auch Spiele in Indien, dem nächsten großen Markt, den die NBA erschließen will. Die Lakers spielen übrigens in China, im WM-Spielort Schanghai - im Gegensatz zu Team USA dann wohl mit LeBron James und Anthony Davis auf dem Parkett.

Stand: 30.08.2019, 06:00

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