WADA - Das Scheitern wahrer Reformen

WADA-Präsident Sir Craig Reedie spricht während einer Anti-Doping-Konferenz

Doping

WADA - Das Scheitern wahrer Reformen

Von Nick Butler

Die Welt-Anti-Doping-Agentur steckt in einer tiefen Krise. Daraus wollte sie sich mit strukturellen Veränderungen befreien. Doch fast alle ernsthaften Ansätze sind letztlich auf der Strecke geblieben, weil Regierungen und Sportinstitutionen auf ihrer Macht beharren.

Der neue Reformansatz sollte ein großer Wurf werden für die in Bedrängnis geratene Welt-Anti-Doping-Agentur. Die plötzliche Wiederzulassung der Russen hatte die Weltöffentlichkeit alarmiert. Der Vorwurf lautete, der Agentur mangele es an echter Unabhängigkeit. Doch als nun in Lausanne Möglichkeiten diskutiert wurden für eine bessere Führungsstruktur, blieb am Ende höchstens ein Reförmchen übrig. Die Überprüfung der Führungsstrukturen ist damit weit hinter den radikalen Forderungen zurückgeblieben, die die Athleten postuliert hatten.

Das Reformpaket wurde ausführlich beim Treffen der zuständigen WADA-Gruppe in dieser Woche in Lausanne besprochen. Es wird nun im Paket dem Foundation Board - einer Art Aufsichtsrat - zur Absegnung in Baku am 15. November vorgelegt.

Nach der ARD-Dopingredaktion vorliegenden Informationen sind indes keine ernsthaften Änderungen zu erwarten – vor allem, was die Zusammensetzung des aus 38 Mitgliedern bestehenden Foundation Boards betrifft. Der Grund ist simpel: Bisher entsenden Regierungen und Sportinstitutionen jeweils 50 Prozent der Mitglieder. Und nun ist keine der beiden Parteien bereit, ihre Macht zu reduzieren.

Hajo Seppelt über das Reformprogramm der WADA Sportschau 24.10.2018 03:22 Min. Verfügbar bis 24.10.2019 Das Erste

Allerdings sollen zwei neue, vermeintlich unabhängige Mitglieder in den Vorstand der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA), das Exekutiv-Komitee, um den Präsidenten Craig Reedie, seinen Vize sowie jeweils fünf Vertreter aus Politik und Sport einrücken. Diese beiden sollen keiner der zwei Gruppierungen angehören - sie könnten etwa der Wirtschaft oder Kultur entstammen. Allerdings sollen Politik und Sport weiterhin entscheidenden Einfluss haben: Denn sie sollen die Kandidaten bestimmen. Klar ist damit: Eine echte Unabhängigkeit steht damit von vornherein in Frage.

Ein noch zu gründendes WADA-Nominierungskomitee würde – so die Planung -Tauglichkeit und Unabhängigkeit der Kandidaten überprüfen. Indes dürfte dieser Prozess kaum abgeschlossen werden können, bevor der WADA-Chef Reedie im November 2019 turnusgemäß abgelöst wird.

Ein unabhängiger Präsident?

Ein Vorschlag soll zudem vorsehen, einen unabhängigen Präsidenten und Vizepräsidenten zu ernennen. Doch handelt es sich dabei eher um ein Langzeitprojekt, das kaum vor 2025 realisiert würde. Das liegt daran, dass die Politik erst von ihrem Anrecht Gebrauch machen will, 2019 einen Präsidenten zu stellen, wie es nach den Regeln vorgesehen ist. Craig Reedie, Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees, hat zuletzt als Sportvertreter sechs Jahre lang das Amt ausgeübt.

Das Exekutiv-Komitee gilt als einflussreichstes Organ der WADA. Es ist verantwortlich für alle Kernentscheidungen wie etwa die Wiederzulassung der Russischen Anti-Doping-Agentur im vergangenen Monat bei der Sitzung auf den Seychellen. In dem Organ wird es laut der vorliegenden Planung keine zusätzlichen Repräsentanten aus dem Kreise der Athleten geben. Auch aus dem Kreise der Testlabore oder Nationalen Anti-Doping-Agenturen ist, Stand jetzt und auch in Zukunft, niemand im Gremium vertreten.

Insgesamt steckt der Kampf gegen Doping gerade in einer kritischen Phase. Nie zuvor in der Geschichte der WADA gab es derartige Spannungen wie jetzt- seit die Russen wieder zugelassen wurden. Die WADA wurde von Nationalen Anti-Doping-Agenturen wie Athleten gleichermaßen kritisiert.

Eine neue Gruppierung, die sich „Athleten für sauberen Sport“ nennt, hat zu Beginn dieses Monats ein Arbeitspapier veröffentlicht, das radikale Veränderungen des WADA Exekutiv-Komitees fordert: Das Komitee sollte sich demnach aus zwölf unabhängigen Vertretern und drei Repräsentanten der Athleten zusammensetzen.

Dieses Element beinhaltet Daten von Twitter. Sie können die Einbettung auf unserer Datenschutzseite deaktivieren.

Keine radikalen Änderungen

Es wird erwartet, die WADA werde bekräftigen, dass zusätzliche Athletenvertreter nur dann für das Exekutiv-Komitee in Frage kommen, wenn insgesamt im internationalen Sport das Modell der Athleten-Repräsentation von Athleten verändert wird. Letzteres wäre eine Konzession an das IOC, das wiederholt die Berufung der Athleten in die WADA kritisiert hat. In seine eigene Athletenkommission lässt es zwei Drittel der Mitglieder wählen.

Derzeit ist die slowakische Schützin Danka Bartekova die einzige Athletenvertreterin im WADA-Exekutiv-Komitee. Sie gehört auch der Athletenkommission des IOC an. Beckie Scott, die Vorsitzende der WADA-Athletenkommission, ist zu den Treffen auch zugelassen, allerdings ohne Stimmrecht. Scott, die zu den Anführern an der Kritik an der Russland-Entscheidung zählt, hat Vertreter der Olympischen Bewegung nach dem Treffen auf den Seychellen der Einschüchterung bezichtigt.

Die für Reformen zuständige Governance Gruppe der WADA will dem Vernehmen nach allerdings sehr wohl weitere Athletenvertreter für die weiteren nachrangigen Komitees der WADA vorschlagen, die sich mit spezifischen Themen des Anti-Doping-Kampfes befassen. Zu den weiteren Neuheiten soll die Einführung eines WADA-Ethikgremiums zählen, das für interne Disziplinarangelegenheiten verantwortlich sein soll.

Stand: 24.10.2018, 17:00

Darstellung: