Angst vor längerem Lockdown: "Dann geht es an die Substanz"

Ein leeres Sportbecken im Westbad in München

Sportvereine in der Coronakrise

Angst vor längerem Lockdown: "Dann geht es an die Substanz"

Von Niklas Schenk

Bund und Länder beraten heute über die Corona-Maßnahmen. Erwartet wird eine Verlängerung der Auflagen - damit bliebe Vereinssport weiterhin überwiegend verboten. Vertreter von Amateurvereinen und Schwimmbad-Betreiber schlagen Alarm.

Profisport nur ohne Zuschauer. Kein Freizeit- und Amateursport auf öffentlichen und privaten Sportanlagen. Schwimmbäder und Fitnessstudios geschlossen. All diese Einschränkungen gelten seit Anfang November nahezu deutschlandweit - nur einige Bundesländer haben Extra-Regeln etwa für den Vereinssport von Kleinkindern. Ansonsten steht der Sport aber nahezu still - und das dürfte wohl bis mindestens Weihnachten so bleiben.

Dafür sprechen jedenfalls alle Stimmen, die im Vorfeld der Beratungen am Mittwoch (25.11.2020) von Bundesregierung und Bundesländern zu hören waren. Eine Aufhebung der Corona-Maßnahmen erwartet niemand mehr so wirklich, zumal die Infektionszahlen nicht wie erhofft sinken. Eher geht es um die Fragen: Wie lange geht es mit den Maßnahmen noch so weiter, und welche Regeln werden womöglich noch einmal verschärft?

Die Hälfte der Eintrittsgelder fehlt

"Das geht jetzt wirklich an die Substanz für viele Badbetreiber, wenn die Bäder im Dezember auch noch zubleiben", sagt Götz Konrad. Er ist Bürgermeister der mittelhessischen Stadt Eschenburg und kümmert sich im Zweckverband auch um den Erhalt des Freizeitbades "Panoramablick" in der Gemeinde.

260.000 Euro hätte die Gemeinde sonst jährlich ungefähr mit Eintrittsgeldern im Schwimmbad eingenommen - dieses Jahr sei es nicht einmal die Hälfte. "Fast alle Bäder haben nur 30 bis 40 Prozent der sonstigen Einnahmen", sagt auch Michaela Fisseler-Weinrich, Vorsitzende des Landesverbandes Hessen der Deutschen Schwimmmeister. Sie fürchtet "eine Welle von Bäderschließungen". Noch würden viele Betreiber durchhalten, "aber die Haushaltslage in vielen Kommunen spitzt sich zu, das Donnergrollen hört man schon", sagt Fisseler-Weinrich.

Zum Sport in die Niederlande Lokalzeit Münsterland 17.11.2020 02:43 Min. Verfügbar bis 18.11.2021 WDR Von Jessica Merten

Dass die Politik strengere Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie getroffen hatte, verstehen beide. Aber: "Es gibt keine Nachweise für Infektionen in unseren Bädern bisher, die Betreiber haben ausgeklügelte Sicherheitskonzepte entworfen", so Fisseler-Weinrich. Da sei die Schließung der Bäder schon "sehr schade" gewesen, Bürgermeister Konrad nennt sie "unfair". Schwimmbäder seien sicher, Chlor hätte sich außerdem gegen Pandemien schon bei der Spanischen Grippe bewährt.

Schließung statt Sanierung: Corona als "Todesstoß"

Im Panoramablick seien zudem Whirlpool und Dampfbad geschlossen worden, ein Hygienekonzept wurde eigens entwickelt. Alle Sanierungen habe man im Bad schon im ersten Lockdown im Frühjahr erledigt - ein Loch im Babybecken wurde etwa nach vielen Jahren endlich beseitigt. "Von anderen Betreibern, die Sanierungen schon lange vor sich herschieben, höre ich jetzt bei dem erneuten Lockdown oft: Jetzt ist es endgültig vorbei, das ist der Todesstoß." Statt einer teuren Sanierung würden manche Bäder da lieber gleich geschlossen werden.

Auch 100 Kilometer weiter nördlich in Lüdenscheid nehmen die Sorgen angesichts der drohenden Lockdown-Verlängerung zu. Brigitte Klein hat in den vergangenen Jahrzehnten aus einer Laufgruppe mit dem "Turbo Schnecken Lüdenscheid e.V." einen mehr als 2.000 Mitglieder zählenden Breitensportverein gemacht.

"Die Maßnahmen sind schon hart", sagt Klein, "alle fühlen sich hier wohl und sicher, wir haben sogar extra Luftfilter gekauft". Warum Rehasport erlaubt sei, der vereinseigene Fitnessraum jedoch nicht wenigstens für manche Mitglieder geöffnet werden könne, verstehe sie nicht. Mindestens 50.000 Euro Minus würden die Turbo Schnecken 2020 machen - und da seien die Lockdown-Auswirkungen ab November noch nicht eingerechnet.

Kursgebühren, Firmenlauf: Alles bricht weg

Ein Blick auf ihren Verein zeigt, wie viele Aktivitäten und Einnahmenquellen für einen Breitensportverein aktuell wegfallen. Da sind die Kursgebühren und Mitgliedsbeiträge - die fallen teilweise komplett weg, mehr als 100 Mitglieder haben schon gekündigt. Dann fehlen die Einnahmen für die Vermietungen der Vereinsanlagen, etwa für Feiern. Der Weihnachtsmarkt oder St.-Martins-Umzug des Vereins: abgesagt. Genauso wie der Firmenlauf mit sonst knapp 10.000 Teilnehmern, die wichtigste Einnahmequelle ihres Vereins.

"Das macht einem schon etwas Angst", sagt Klein. "Aktuell zehren wir noch von den Polstern der sehr guten Vorjahre." In der Not ist ihr Verein aber auch erfinderisch geworden. Es gibt Online-Trainings, einen Bewegungs-Adventskalender und ein Outdoor-Camp zum Trainieren für jeweils zwei Mitglieder.

Unterstützt wird der Verein unter anderem vom Landessportbund NRW oder den Soforthilfen des Landes - bald sollen wohl auch Gelder fließen, die auch Gastronomen für den November versprochen worden waren. Klein möchte sich mit anderen Vereinsvertretern in den kommenden Tagen zusammensetzen - um vorsichtshalber einen späteren Termin ins Auge zu fassen, falls der Firmenlauf im Sommer 2021 auch noch nicht wieder stattfinden kann.

Sport als Gesundheitsfaktor

"Sport ist gesund, wir alle brauchen Sport", sagt Brigitte Klein. Und auch die Schwimmbad-Betreiber appellieren an die Politik, den gesundheitlichen Wert des Sports nicht zu unterschätzen. "Gerade den älteren Besuchern fehlt das Schwimmen ungemein. Viele sagen uns, sie können sich ohne das Schwimmen aktuell kaum bewegen", erzählt Bürgermeister Götz Konrad aus Eschenburg.

Michaela Fisseler-Weinrich vom Verband der Deutschen Schwimmmeister befürchtet Langzeitfolgen: "Schon jetzt können 60 Prozent der unter 10-Jährigen nicht schwimmen. Das wird nicht weniger werden, die Gefahr einer Nichtschwimmer-Generation wird durch Corona noch verstärkt."

Schwimmbad-Betreiber fordert Perspektive

Am Donnerstag (26.11.2020) wollte Götz Konrad mit den Mitarbeitern des Panoramablicks eigentlich eine Dienstbesprechung abhalten - um alle auf die Wiedereröffnung am 1. Dezember vorzubereiten. Dass es dazu doch noch kommt, da hat der Bürgermeister noch nicht alle Hoffnung aufgegeben. "Wenn wir noch länger zu bleiben, dann nehme ich das aber auch klaglos hin, aber nur, wenn uns danach längerfristig eine Perspektive aufgezeigt wird, dass es sich lohnt, Schwimmbäder zu betreiben."

Es geht also auch um sehr grundlegende Diskussionen, die in der Corona-Krise neue Fahrt aufnehmen. Egal, wann die Schwimmbäder wieder öffnen dürfen, eines ist laut Götz Konrad sicher: "Es wird dauern, bis die Leute wieder Vertrauen haben, dass es sicher ist, ins Schwimmbad zu gehen. Das hat nach der Wiedereröffnung im Sommer auch gedauert."

Stand: 25.11.2020, 14:37

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