Amerikas Sport-Tempel werden zu Wahllokalen

Der Fenway Park in Boston

US-Wahl

Amerikas Sport-Tempel werden zu Wahllokalen

Von Heiko Oldörp

Wer wählt, geht für gewöhnlich ins Rathaus oder eine örtliche Schule. In den USA können Millionen Menschen bei der Präsidentschaftswahl diesmal ihre Stimme in Footballstadien, Basketball- und Eishockeyarenen oder Baseball-Parks abgeben.

Besondere Umstände erfordern bekanntlich besondere Maßnahmen. Die Präsidentschaftswahl in den USA am 3. November darf zweifelsohne als ein solch besonderer Umstand bezeichnet werden. Es geht schließlich darum, ob Donald Trump vier weitere Jahre im Amt bleiben darf - oder Herausforderer Joe Biden am 20. Januar 2021 ins Weiße Haus einzieht.

Das Land ist gespalten, die Stimmung angespannt. Bei einer Umfrage der Marktforschungsgruppe "Yougov.com" gaben 69 Prozent der mehr als 6500 Befragten an, dass es sich um "die wichtigste Wahl ihres bisherigen Lebens" handele. Und deshalb sind diesmal auch die US-Sportligen so engagiert, wie noch nie. Von der National Football League, über die Basketball-Ligen NBA und WBNA, die Major League Baseball, Eishockey-Liga NHL bis zur Major League Soccer wird für die Wahl geworben.

Wahlhinweise während der TV-Übertragungen

"Vote" ("Geht wählen") ist seit dem Sommer ligenübergreifend auf T-Shirts und Trainingsjacken der Sportlerinnen und Sportler zu lesen gewesen. In den Live-Übertragungen der diversen Ligen wird seit Wochen darauf hingewiesen, was zu tun ist, um seine Stimme im Vorfeld, oder am 3. November abgeben zu können. Auch auf den Internetseiten der Ligen gibt es wichtige Tipps.

So hat die NFL auf ihrer Homepage die fünf Schritte aufgeführt, die jeder US-Bürger zur Stimmabgabe machen muss. Von der Registrierung bis hin zum Abstimmen im Wahllokal. Dies mag in Deutschland vielleicht etwas amüsant klingen, ist in den USA jedoch notwendig, um vor allem Minderheiten an die Wahlurnen zu locken.

LeBron James rekrutiert mehr als 10.000 Wahlhelfer

"In den sozialen Brennpunkten gibt es Menschen, die denken, dass ihre Stimme ohnehin nicht zählt. Und deshalb gehen sie gar nicht erst wählen", hebt Basketballstar LeBron James von den Los Angeles Lakers hervor. Er steht an der Spitze der Initiative “More than a vote” (Mehr als eine Wahl), die mehr als 10.000 Wahlhelferinnen und Helfer rekrutiert hat.

Die Erstwählerinnen Mirsa und Lizzie

Die Erstwählerinnen Mirsa und Lizzie

Damit Spieler und Vereinsangestellte am Dienstag, dem 3. November, die Möglichkeit haben, wählen gehen können, bleiben in der NFL alle Trainingsstätten und Klubgebäude geschlossen. Und da es in Zeiten von Covid-19 mitunter schwierig ist, in Rathäusern oder Schulen die vorgeschriebenen Sicherheitsabstände einzuhalten, stellen in einer noch nie da gewesenen Aktion 50 Vereine aus sechs Profiligen ihre Arenen, Trainingshallen oder Stadionvorplätze als Wahllokale zur Verfügung. Darunter sind die amtierenden Meister Kansas City Chiefs (NFL), Los Angeles Lakers (NBA), Tampa Bay Lightning (NHL) und Washington Nationals (MLB).

Madison Square Garden größtes Wahllokal in New York

In Boston gaben am Wochenende Tausende Frühwähler in Amerikas ältestem Baseball-Stadion, dem Fenway Park der Red Sox, ihre Stimmzettel abgeben. In New York City ist der Madison Square Garden, wo die Knicks Basketball und die Rangers Eishockey spielen, das größte Wahllokal der Stadt. Und in Green Bay stehen die Wahlurnen unter anderem vor dem Lambeau Field der Packers aus der NFL.

Man stelle sich vor, in Deutschland wären das Berliner Olympiastadion, die Kieler Ostseehalle oder die Arena in Köln Schauplätze der Bundestags-Wahl im kommenden Jahr. Oder Joachim Löw würde während der Übertragungen der Bundesliga-Spiele im Fernsehen auftreten und an seine Landsleute appellieren, wie wichtig es doch sei, wählen zu gehen. Genau so hatte es Basketball-Coach Gregg Popovich gemacht, der die San Antonio Spurs und die US-Nationalmannschaft trainiert. Seine Botschaft: "Geht wählen - euer Leben hängt davon ab."

Wahlwerbung, aber kein Wahlkampf

Was auffällt - es wird kein Wahlkampf gemacht, sondern Wahlwerbung. Niemand ergreift Partei, spricht sich für Herausforderer Biden und gegen Amtsinhaber Trump aus - oder umgekehrt. Es geht schlichtweg um die Botschaft, wählen zu gehen. Und dies ist durchaus angebracht. 2016 entschieden sich 43 Prozent, das sind rund 100 Millionen Wahlberechtigte, gegen eine Stimmabgabe.

Stand: 20.10.2020, 10:57

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