Rassismus in den USA: Proteste der Sportler werden lauter

Outside Linebacker Eli Harold (l.), Quarterback Colin Kaepernick (M.) und Safety Eric Reid

Fall George Floyd in Minneapolis

Rassismus in den USA: Proteste der Sportler werden lauter

Von Marco Schyns

Der Fall George Floyd versetzt Minneapolis in den Ausnahmezustand. Mal wieder debattieren die USA über Rassismus und Polizeigewalt. Mittendrin: die Basketball-Superstars LeBron James und Stephen Curry - und die Symbolfigur im Kampf gegen Rassismus.

"Believe in something. Even if it means sacrificing everything." Mit diesen Worten und dem Gesicht von Colin Kaepernick sorgte der US-Sportartikelhersteller Nike im Sommer 2018 für Aufsehen.

"Glaube an etwas. Auch wenn es bedeutet, alles zu opfern." Kaepernick hatte zwei Jahre zuvor genau das getan. Im Kampf gegen Rassismus in den USA hatte der ehemalige NFL-Quarterback seine Karriere geopfert. Seit vielen Jahren kämpft der heute 32-Jährige gegen Rassismus und Polizeigewalt gegenüber Afroamerikanern in den USA. Als er 2016 zur US-Nationalhymne kniete und damit seinen Protest ausdrückte, löste Kaepernick eine landesweite Debatte aus.

Dieser Tage werden die Bilder des knieenden Kaepernick millionenfach in den sozialen Netzwerken geteilt. Daneben die verstörenden Bilder von Polizeigewalt aus Minneapolis. "This is why", steht über den Fotos, die Basketball-Superstar LeBron James wenige Stunden nach dem schrecklichen Vorfall bei Instagram postete - gepaart mit der Frage: "Do you unterstand NOW!!??!!??" Frei übersetzt: "Das ist der Grund für den Protest von Kaepernick - versteht ihr es jetzt?"

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Fall George Floyd sorgt für Ausnahmezustand in Minneapolis

Der Fall George Floyd erschüttert dieser Tage die USA und sorgt in Minneapolis für Chaos. Ein Video zeigt einen Polizisten, wie er minutenlang sein Knie auf den Hals von Floyd drückt. Wiederholt sagte Floyd, er könne nicht atmen - bis er irgendwann das Bewusstsein verlor. Kurz darauf verstarb er im Krankenhaus. Die beteiligten Polizisten wurden mittlerweile entlassen, das FBI hat Ermittlungen aufgenommen.

Aber die Stadt befindet sich seither im Ausnahmezustand: Tausende Demonstranten versammeln sich auf den Straßen, ein Polizeigebäude wurde in Brand gesteckt. Die Nationalgarde wurde aktiviert. Die Lage in der größten Stadt im Bundesstaat Minnesota ist angespannt und beschäftigt auch die Politik in Washington. US-Präsident Donald Trump twitterte am Mittwochabend: "Der Gerechtigkeit wird Genüge getan!" Der Vorfall sei "sehr traurig und tragisch."

Colin Kaepernick - Symbolfigur im Kampf gegen Rassismus

Zuspruch bekommen die Demonstranten nun von der Symbolfigur im Kampf gegen Rassismus in den USA: Colin Kaepernick. "Wenn gutes Benehmen zum Tod führt, ist Revolte die einzig logische Reaktion", schrieb er bei Twitter: "Wir haben das Recht zurückzuschlagen. Ruhe an der Macht, George Floyd". Gut möglich, dass diese Aussagen die Proteste weiter anfachen - und dass er und Trump erneut aneinandergeraten.

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Als Kaepernicks Hymnen-Proteste dazu führten, dass es ihm viele NFL-Kollegen gleichtaten, warf ihm Trump vor, Amerika nicht ausreichend zu würdigen. Kaepernick legte er nahe, auszuwandern. NFL-Teams sollten zudem alle protestierenden Spieler entlassen. Als Nike später seine Kampagne startete, sprach Trump von einer "furchtbaren Botschaft".

Stephen Curry und LeBron James erheben ihre Stimme

Weil die Polizeigewalt gegen Afroamerikaner in den USA auch 2020 ein Thema ist, stehen beide nun wieder im Fokus. US-Sportgrößen wie James, aber auch Stephen Curry befeuern die Debatte. "Wenn euch dieses Foto nicht verstört und stinksauer macht, dann weiß ich auch nicht", schrieb der Basketball-Star von den Golden State Warriors unter dem Foto von dem am Boden liegenden Floyd bei Instagram. Dass seine Hilferufe ignoriert wurden, mache deutlich, dass sein schwarzes Leben keine Rolle gespielt habe, so Curry.

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Die gesellschaftliche Debatte zu einem Problem, dass es in einer zivilisierten Welt gar nicht geben darf, holt die USA immer wieder ein. 2014 wurde die Bewegung "Black Lives Matter" ins Leben gerufen, nachdem der Afroamerikaner Eric Garner bei einer Festnahme von Polizeibeamten gewürgt wurde und verstarb. Sein Flehen "I can't breathe" wurde zum Leitspruch der Bewegung. Ligaweit trugen NBA-Profis damals T-Shirts mit diesem Aufdruck.

Sportstars machen klar: Der Fall George Floyd ist kein Einzelfall

Dass sich Sportstars in eine solche Debatte einschalten, ist also nicht neu. Die Tendenz aber ist klar: Es werden mehr, und sie werden lauter. Während früher noch häufig der Leitspruch galt, den Job zu erledigen und den Mund zu halten, erheben viele Sportler, darunter die größten ihrer Zunft, heute ihre Stimme. Und es beschränkt sich schon lange nicht mehr auf die USA. Union Berlins Profi Anthony Ujah veröffentlichte am Donnerstag (28.05.2020) bei Twitter ein Foto von ihm aus der Zeit beim 1. FC Köln: Auf seinem hochgezogenen Trikot ist der Name George Floyd nachträglich aufgedruckt. Ursprünglich hatte Ujah bei der Aufnahme des Bildes an Eric Garner erinnert.

Ujah will damit, ähnlich wie James, Curry und Co., eines klarmachen: Der Fall George Floyd ist kein Einzelfall, sondern lediglich das jüngste Beispiel von weit verbreiteter Polizeigewalt gegen Schwarze. Um dagegen anzukämpfen, bietet der Sport eine Plattform, wie es sie in dieser Form kein zweites Mal gibt. Denn vor allem hier sind die "Menschen of Color" Helden einer ganzen Generation und haben im Zeitalter von sozialen Netzwerken eine riesige Reichweite. Alleine James und Curry kommen zusammen auf 100 Millionen Follower bei Instagram.

Welches Risiko gehen Sportler ein?

Angesicht einer ständig über Rassismus diskutierenden, politisch gespaltenen Nation ist es nicht ohne Risiko, dass sich Sportler politisch äußern und in gesellschaftliche Debatten einschalten. Der beste Beweis dafür ist Kaepernick, der seit seiner Entlassung in San Francisco Anfang 2017 keinen Vertrag mehr in der NFL bekam. Nach einer Klage wegen systematischer Ausgrenzung und entgangener Einnahmen einigte er sich außergerichtlich auf eine Entschädigung in Millionenhöhe.

Auch wenn der Fall einzigartig ist, dürfte sich James dieses Risikos bewusst sein. Er will seine Reichweite nutzen, um auf die Missstände aufmerksam zu machen. Drei Posts setzte er seit Mittwoch bei Instagram zu dem Thema ab - und bekommt Unterstützung von vielen Kollegen, die auch nicht davor zurückschrecken Trump direkt zu kritisieren. So schrieb beispielsweise Ex-NBA-Profi Dwayne Wade: "Der Gerechtigkeit wird erst dann Genüge getan, wenn die Nichtbetroffenen ebenso empört sind, wie die Betroffenen."

Stand: 29.05.2020, 14:35

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