Lieblingsspiel - de Camargos Rückkehr auf den Bolzplatz

 Igor de Camargo

Lieblingsspiel

Lieblingsspiel - de Camargos Rückkehr auf den Bolzplatz

Von Christian Steigels

19.05.2011 - Im Hinspiel der Relegation spielt Borussia Mönchengladbach gegen den VfL Bochum - und scheitert und scheitert und scheitert. Bis zur Nachspielzeit. In der Reihe "Lieblingsspiel" erinnert sich unser Autor an diesen besonderen Abend, der einen Wendepunkt in der jüngeren Historie der "Fohlen" darstellen sollte.

"Dabrowski. Und da ist de Camargo. Und da ist schon wieder Luthe. Und da ist Hanke. De Camargo. Tor. Gladbach eins null." (Steffen Simon, ARD-Sportschau)

Im Jahr 1879 erfand Thomas Edison die Glühbirne. Eine bahnbrechende Erfindung für die Moderne. Teil der Geschichte ist aber auch, dass Edison zuvor so oft gescheitert war, dass ein Mitarbeiter ihn fragte, wie viele Fehlschläge er ertragen könne. "Ich bin nicht tausendmal gescheitert", entgegnete Edison. "Ich habe erfolgreich tausend Möglichkeiten entdeckt, wie die Glühbirne nicht zum Leuchten gebracht wird."

Am 19. Mai 2011 entdeckte auch Borussia Mönchengladbach tausend Möglichkeiten, kein Tor gegen den VfL Bochum zu erzielen. Bis aus dem stetigen Scheitern irgendwann doch ein Erfolg wurde.

"Danke für diese Chance"

Relegation 2011 Mönchengladbach gegen Bochum

Der 19. Mai 2011 ist ein Donnerstag. Wenige Tage zuvor hat sich Borussia Mönchengladbach durch ein Remis beim Hamburger SV in die Relegation gerettet. Nach einer katastrophalen Saison, die nur durch die Neuverpflichtung des genialischen Trainers Lucien Favre auf Rang 16 endete. "Danke für diese Chance" steht auf einem der Schilder, die die Anhänger vor dem Hinspiel der Relegation in die Höhe recken.

Ich fahre mit einem Freund im Auto zum Spiel, und schon bei der einstündigen Hinfahrt ist ein seltsames Gefühl vorherrschend. Irgendwo zwischen Abstiegsangst und panischem Optimismus. Wir reden ohne Pause, alte Geschichten, Kindheitserinnerungen. Auch noch als wir schon im Stadion sind.

Audio-Collage: Andy Luthes VfL-Paraden in der Bundesliga-Relegation 2011

Sportschau 17.04.2020 00:42 Min. Verfügbar bis 17.04.2021 ARD

Fans als Motivationstrainer

Um 20.30 Uhr pfeift Schiedsrichter Günter Perl die erste von zwei Relegationspartien an. Juan Arango - dessen linker Fuß nach wie vor zum schönsten gehört, das dieser Sport je hervorgebracht hat - scheitert nach nicht einmal einer Minute. Mo Idrissou, Marco Reus - wieder nichts. Mike Hanke scheitert am Bochumer Keeper Andreas Luthe, Arango scheitert am zunehmend unüberwindbaren Schlussmann.

Relegation 2011 Mönchengladbach gegen Bochum

Mit zunehmender Dauer gleicht das Stadion einem Motivationsseminar. Mehrere 1000 Motivationstrainer schreien mit einem Headset-Mikro von der Bühne herunter und wollen ihre Schützlinge zu mehr Selbstvertrauen und Fokussiertheit anleiten. Doch die Versuche verhallen, Zweifel nistet sich ein. Bochums Trainer ist immerhin Friedhelm Funkel, der schon fünfmal aufgestiegen ist.

Mittlerweile ist die Schlussphase angebrochen. Das Bild ist gleich: Hanke scheitert per Kopf an Luthe. Dante köpft freistehend über das Tor. Arango hat mit einer Volleyabnahme kein Glück. Kurz vor dem Ende noch eine Direktabnahme von Bochums Christoph Dabrowski, die in meiner Erinnerung weitaus knapper am Tor vorbeirauschte als in der Realität. Luft anhalten.

Hankes Scheitern ist de Camargos Glück

Das Spiel ist aus. Quasi. Zwei Minuten und fünf Sekunden sind in der Nachspielzeit gespielt. Ein letzter Einwurf. Havard Nordveit, der Norweger, bei dem man sich an schlechten Tagen wunderte über diese geballte Menge an fehlendem fußballerischen Talent, wirft den Ball in den Sechzehner. Ein Bochumer Abwehrspieler verlängert - und da taucht Igor Alberto Rinck de Camargo am Fünfmeterraum auf. 1,87 Meter misst der Belgier, doch in diesem Moment fliegt er drei Meter über dem Boden. Der Borussia-Park zu Mönchengladbach liegt 80 Meter über dem Meeresspiegel, de Camargo fliegt also 83 Meter darüber.

Relegation 2011 Mönchengladbach gegen Bochum

Ein wuchtiger Kopfstoß - aber es ist noch nicht sein Moment, Luthe wehrt den Ball zur Seite ab, wo Arango den Ball mit Gewalt wieder nach innen befördert, dort scheitert Hanke - und alleine dieses Scheitern wäre einen eigenen Bericht wert, denn es ist ebenso unbegreiflich wie magisch, ermöglicht es doch de Camargo nur Sekunden später den größten Moment seiner Karriere.

Hankes Kläglichkeit wird von einem Bochumer zu de Camargo abgewehrt. Und auf einmal ist der Belgier nicht mehr in einem Stadion vor 54.000 Menschen und Millionen Fernsehzuschauern, sondern auf einem kleinen Bolzplatz daheim in seinem Geburtsort Porto Feliz. Wie er diesen Ball instinktiv mit dem Außenrist des rechten Fußes nimmt, nicht richtig trifft, ihm dadurch eine unmögliche Flugbahn verleiht und an der entsetzten Bochumer Verteidigerschaft vorbei unter die Latte löffelt, das kann man nicht rational erklären. "Gladbach Eins Null. Und was jetzt los ist. Das ist ja unfassbar. Der Borussia-Park flippt aus. Auf den Rängen, auf dem Rasen", sagt Steffen Simon live im Ersten.

Beginn einer Renaissance von Borussia Mönchengladbach

Ein Freund, ebenfalls im Stadion zugegen, schreibt später eine SMS: So laut habe er den Fansong "Die Elf vom Niederrhein" noch nie in seinem Leben gehört, schreibt er ehrlich berührt. Meine damalige Freundin kündigt an, unseren ersten Sohn "Igor" nennen zu wollen. Wenige Tage später macht Borussia Mönchengladbach durch ein 1:1 in Bochum (der eingewechselte de Camargo legt den Ausgleichstreffer für Reus auf) den Klassenerhalt perfekt.

Relegation 2011 Mönchengladbach gegen Bochum

Der Verbleib in der Bundesliga ist mehr als nur der Klassenerhalt. Es ist der Beginn einer Renaissance von Borussia Mönchengladbach, die sich vor beinahe einem Jahrzehnt von einem nur auf Erinnerungen an bessere Zeiten lebenden Ausstellungsstück zu einem Team entwickelte, das sich seither zwei Mal für die Champions League und vier Mal für die Europa League qualifizierte und in der laufenden Saison kurzzeitig um den Meistertitel spielte.

Igor de Camargo spielt heute wieder in Belgien, beim KV Mechelen, wieder in der Provinz. Denkt man an die Wegbereiter der Gladbacher Erfolgsgeschichte des ablaufenden Jahrzehnts, fallen andere Namen. Favre, Reus, Marc-André ter Stegen, Dante. Aber auch ihre Karrieren wäre vermutlich anders verlaufen ohne diesen einen Moment in der Nachspielzeit der Relegation.

Stand: 16.04.2020, 06:32

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