Lieblingsspiel – Nowitzkis Fever Game

Dirk Nowitzki - Lieblingsspiel

Sportschau History

Lieblingsspiel – Nowitzkis Fever Game

Von Christian Mixa

Dirk Nowitzki führt die Dallas Mavericks im vierten Spiel der NBA-Finalserie 2011 gegen Miami mit Fieber zum Sieg - und sichert sich selbst einen Platz in den NBA-Geschichtsbüchern. In der Reihe "Lieblingsspiel" erinnert sich unser Autor an eine kurze Nacht.

Es sind kurze Nächte im Frühsommer 2011. Zumindest für alle, die das Vergnügen haben, die Playoffs in der nordamerikanischen Basketball-Liga NBA live zu verfolgen. Oder darüber zu berichten, als Reporter für die Sportschau, der frühmorgens den ersten Spielbericht online stellen darf.

Und es sind auch nicht die ersten Nächte, die man sich um die Ohren schlägt, um Dirk Nowitzki zuzuschauen, dem deutschen NBA-Star, der auch schon eine halbe Ewigkeit seinem großen Ziel hinterherjagt: dem Meistertitel in der NBA mit seinen Dallas Mavericks. Nowitzki wird in diesem Sommer 33 Jahre alt, es ist vielleicht schon seine letzte Chance auf den ersehnten Titel.

Starke Vorstellungen gegen Lakers und OKC

Aber dieses Mal, so hat man es irgendwie im Gefühl, könnte es tatsächlich der Sommer von Nowitzki und den "Mavs" werden: Im Conference-Halbfinale haben sie die Lakers von Kobe Bryant überrollt, den aktuellen Champion, vier Siege in vier Spielen, die ultimative Demütigung.

Im Anschluss schaltet Dallas auch die jungen Überflieger aus Oklahoma City aus, mit den drei zukünftigen MVPs Kevin Durant, Russell Westbrook und James Harden. Nowitzki zeigt in Spiel eins eines seiner besten NBA-Spiele überhaupt: 48 Punkte, 24 von 24 Freiwürfen verwandelt.

Finale 2006 gegen Miamis Superteam

Im Finale wartet nun Miami, für Nowitzki und die "Mavs" bedeutet dies: ein Wiedersehen mit ihrem großen Trauma aus der Finalserie 2006, als sie den schon sicher geglaubten Titel aus der Hand gegeben haben.

Diesmal aber sind die Rollen anders verteilt: Die Heat sind klarer Favorit, das erste Super-Team dieser Dekade, angeführt von LeBron James, der im Sommer zuvor den Wechsel nach Miami verkündet hat, mit einer selbstverliebten TV-Inszenierung, und großspurig gleich mehrere Titel versprochen hat.

Heat-Stars wie aufgebrezelte Rap-Millionarios

Dirk Nowitzki im Duell mit Miamis Chris Bosh in Spiel vier der NBA Finals 2011

Die Heat strotzen vor Selbstbewusstsein, und von Anfang an schimmert auch etwas Überheblichkeit durch. Bei der Ankunft vor den Spielen rauschen King James und Co. in ihren Designeranzügen durch die Katakomben, wie ein paar aufgebrezelte Rap-Millionarios auf dem Weg zu den Grammys.

Auf der anderen Seite steht die verschworene Veteranen-Truppe der Dallas Mavericks - Typen, die schon viel erlebt haben in der NBA, aber auch sie warten alle noch auf den einen großen Titel: Jason Kidd, der 38 Jahre alte Spielmacher. Peja Stojakovic, der Dreierkönig aus Serbien.

Der sympathisch durchgeknallte Jason Terry, der sich zu Beginn der Saison den Meisterpokal auf den Oberarm hat tätowieren lassen, weil er sich sicher war, dass es mit diesem Team einfach klappen muss. Und als Anführer, natürlich: der große Blonde aus Würzburg.

Vorentscheidung in Spiel vier

Die meisten Leute, inklusive dem Rest der Familie, denen man morgens um halb acht über den Weg läuft, noch etwas mitgenommen und übernächtigt, haben nicht die leiseste Ahnung, welche Dramen sich in den Stunden zuvor in einer amerikanischen Basketball-Arena abgespielt haben. Es sind enge, packende Spiele, von Beginn dieser Best-of-Seven-Serie.

Die "Mavs" schaffen es, ein Spiel in Miami zu klauen - doch die Heat schlagen sofort zurück, gewinnen das erste Spiel in Dallas und führen mit 2:1-Siegen. In Spiel vier kann schon eine Vorentscheidung fallen, die Mavericks sind zum Gewinnen verdammt, einen 1:3-Rückstand hat bis dahin noch kein Team aufgeholt in einer NBA-Finalserie.

Aber es läuft nicht, an diesem 8. Juni 2011, vier Uhr morgens deutscher Zeit. Vor allem nicht bei Dirk Nowitzki, dem Anführer der "Mavs": Udonis Haslem, den die Heat gegen Nowitzki gestellt haben, beackert ihn von Beginn an erfolgreich.

Dirk Nowitzki mit einem Handtuch auf der Bank in Spiel vier der NBA Finals 2011

Doch richtig Sorgen macht, dass Nowitzki auch seine offenen Würfe danebenlegt. Er wirkt platt, fühlt sich offenbar nicht wohl. Wenn er auf der Bank sitzt, hat er den Kopf unter einem Handtuch vergraben und hustet - die Bilder verheißen nichts Gutes.

Verschwörung der Basketball-Götter

Irgendwann sickert die Meldung durch: Dirk ist mit einem fiebrigen Infekt ins Spiel gegangen. Die Finals laufen hierzulande auf einem Spartenkanal, aber im Netz bekommt man auch den amerikanischen Livekommentar: Doris Burke, die für ESPN immer als erste die Infos am Spielfeldrand einsammelt, bestätigt, dass Nowitzki mit Fieber spielt.

Dem Vernehmen nach bis zu 102 Degrees Fahrenheit, sagt sie, bei uns würde das Thermometer also knapp unter 39 anzeigen. Es ist, als hätten sich die Basketballgötter gegen Nowitzki und die "Mavs" verschworen - und säßen nun grinsend auf einer Jacht in Miami, benebelt von Rum-Cocktails: "Dirkules" im wichtigsten Spiel seiner bisherigen Karriere, ausgeknockt von einer fiebrigen Erkältung.

Dirk Nowitzki in Spiel vier der NBA Finals 2011

Die Nachricht lässt die Hoffnungen aller, die es mit Nowitzki und den Mavericks halten, dramatisch schrumpfen - zumal Dallas weiter einem Rückstand hinterherrennt. LeBron James ist abgetaucht, dafür glänzt Dwyane Wade, Miamis anderer Starspieler.

Aufholjagd - mit 39 Grad Fieber

Zehn Minuten vor dem Ende liegt Dallas mit neun Punkten hinten, das Ende des Titeltraums scheint näher zu rücken - doch dann passiert das, was später Teil von Nowitzkis "legacy" wird, wie sie es in den USA nennen: ein großer Moment, mit dem er sich in den NBA-Geschichtsbüchern verewigt. Nowitzki, der drei Viertel lang fast nichts getroffen hat, rafft sich noch einmal auf, mit dem "letzten Schub Energie, der irgendwo noch da war", wie er später in einem der Karriere-Rückblicke erzählen wird, führt er die "Mavs" zur Aufholjagd.

Nowitzki sucht jetzt mehr den direkten Weg zum Korb. Und tatsächlich schafft er es endlich, seinen Bewacher Haslem abzuschütteln. Er verkürzt per Layer, zieht Fouls und trifft auch von der Freiwurflinie, sechs von sechs Würfen. Der Rückstand schmilzt - und kurz vor Schluss bringt Jason Terry, der Mann mit dem Meistertattoo, Dallas erstmals wieder in Führung.

Entscheidung durch einen simplen Korbleger

Dann läuft die letzte halbe Minute, die "Mavs" sind mit einem Punkt vorne, sie können die Uhr nicht ganz herunter spielen. Natürlich übernimmt Nowitzki, die Teamkollegen machen für ihn die Zone frei.

Dirk Nowitzki in Spiel vier der NBA Finals 2011 im Duell mit Miamis Udonis Haslem

Er steht hinter der Freiwurflinie, wieder klebt Haslem an ihm, doch Nowitzki startet exakt im richtigen Moment, schlängelt sich rechts am Gegner vorbei und zieht zum Korb. Von der anderen Seite fliegt Wade heran, beide Arme ausgestreckt, will den Wurf noch blocken, doch er kommt zu spät, Nowitzki legt den Ball hoch ans Brett und versenkt ihn - drei Punkte Führung für Dallas, 14 Sekunden vor dem Ende.

Der womöglich wichtigste Korb in der Karriere von Dirk Nowitzki - der Mann, der mit seinem Mentor Holger Geschwindner immer am perfekten Wurf gearbeitet hat, so heißt ja auch der Kinofilm über seine Karriere. Kein Zauberwurf, wie sein berühmter Flamingo Shot, der Fadeaway-Jumper auf einem Bein, sondern ein Korbleger mit Brett. Der erste Wurf, den man im Basketball lernt, aber in diesem Moment ist es eben der perfekte Wurf vom angeschlagenen Leader der Mavericks, ein Produkt aus unbedingtem Willen, Widerstandskraft, Präzision und Entscheidungsstärke.

Heat vergeben Ausgleichschance schlampig

Die Halle in Dallas steht Kopf - Miami hat einen letzten Angriff, noch sechs Sekunden auf der Uhr, aber die Heat spielen es einmal mehr schlampig arrogant, als hätte ihnen Coach Erik Spoelstra in der Auszeit zuvor keinen Spielzug für diese letzten Sekunden angesagt.

Miamis Dwyane Wade in Spiel vier der NBA Finals 2011 in Dallas

Mike Miller braucht viel zu lange beim Einwurf, dann wirft er den Ball mehr vor die Füße von Wade, als dass er ihn passt - und Miami verdaddelt die letzte Chance, Dallas hat den Ausgleich in der Serie geschafft. 86:83, ein echter Abnutzungskampf.

Nowitzkis "Fever Game" - auf einer Stufe mit Jordan

Nowitzki ist am Ende Topscorer seines Teams, 10 seiner 21 Punkte hat er in der entscheidenden Schlussphase erzielt. Und das trotz seiner schlechten körperlichen Verfassung, vor dem Spiel haben die Ärzte ihn noch ins Sauerstoffzelt stecken müssen.

Die ersten US-Kommentatoren ziehen schon Vergleiche mit Michael Jordan und dem legendären "Flu Game" aus den NBA-Finals 1997, als Jordan sich krank aufs Parkett schleppte und 38 Punkte erzielte.

Mit seinem "Fever Game" hat sich jetzt auch Nowitzki unsterblich gemacht. "Er ist einer der Größten überhaupt", sagt Dallas-Coach Rick Carlisle nach dem Spiel, das auch zum Wendepunkt in dieser Finalserie wird. Nowitzkis Kraftakt wird endgültig zum Symbol für den Siegeswillen der Mavericks, dem auch die Stars aus Miami nichts entgegenzusetzen haben.

Heat scheitern an ihrer Arroganz

Vor dem fünften Spiel machen sich James und Wade beim Training vor laufender Kamera über den verschnupften Nowitzki lustig, hüsteln demonstrativ in ihre Shirts. Wie zwei dumme, spätpubertäre Jungs, die nicht verstanden haben, was auf dem Spiel steht.

Dirk Nowitzki mit Pokal bei der Meisterschaft nach Spiel sechs der NBA Finals 2011

Doch Miami gewinnt kein Spiel mehr in dieser Finalserie, Nowitzki und Dallas marschieren weiter bis zum Titelgewinn. Und für den Rest des Sommers ist wieder Durchschlafen angesagt.

Stand: 20.04.2020, 08:00

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