Lieblingsspiel – Nadal tritt aus Federers Schatten

Roger Federer (l.) und Rafael Nadal

Sportschau History

Lieblingsspiel – Nadal tritt aus Federers Schatten

Von Marco Schyns

Rafael Nadal ist 2008 in der Tennis-Weltspitze angekommen, Roger Federer aber thront über allen. Im Wimbledon-Finale liefern sich die beiden einen sensationellen Kampf über fast fünf Stunden. In unserer Reihe "Lieblingsspiel" erinnert sich unser Autor an eines der größten Tennis-Spiele aller Zeiten.

Es ist still, als Rafael Nadal nach 4 Stunden und 48 Minuten zum Match aufschlägt. Auf dem Center Court, und in meinem Wohnzimmer. Man könnte auch denken, ich hätte den Fernseher stumm geschaltet. Um meine Nerven zu beruhigen, an jenem denkwürdigen Sonntagabend im Juli 2008, wäre das wohl auch angebracht gewesen.

Dann der Aufschlag, kurzer Ballwechsel – und Federers Vorhandfehler, der im Netz endet. Anschließend nur noch Ekstase. Nadal, damals 22 Jahre jung, fällt auf dem "Heiligen Rasen" zu Boden und genießt den Jubel der gut 15.000 Zuschauer. Er war dort angekommen, wo er immer hinwollte. Und wo er heute, zwölf Jahre später, noch immer steht – an der Spitze der Weltrangliste.

"Sandplatzkönig" fordert "Rasenkönig"

Es war nicht weniger als eine sportliche Sensation. Und doch erschien es im Moment des Sieges plötzlich folgerichtig. Es war an der Zeit für Nadal, aus dem Schatten seines großen Widersachers herauszutreten. Und das ausgerechnet an jenem Ort, an dem Federer zuvor fünf Jahre nicht verloren hatte.

Zwischen 2003 und 2007 triumphierte der Schweizer in Wimbledon. 2009, 2012 und 2017 sollten drei weitere Siege folgen - Rekord. Was für Federer das Rasentennis ist, sind für Nadal seit jeher die Sandplätze. Dort hatte er als Teenager trainiert, dort – bei den French Open in Paris – feierte er 2005 seinen ersten Grand-Slam-Sieg. Seither gab es nur drei Jahre, in denen Nadal in Roland Garros nicht gewinnen konnte.

Nadal – ein Kämpfer mit besonderen Eigenarten

Wie aber sollte der "Sandplatzkönig" am 6. Juli 2008 in der Lage sein, Federer auf dessen Terrain überhaupt nur gefährlich zu werden?

Mit unbedingtem Willen und einer schier unglaublichen Physis. Jenen Eigenschaften, die mich besonders an Nadal begeistern. Als er 2005 wie ein Wirbelwind durch das Turnier in Paris fegte, wurde ich zum Fan. Der bin ich bis heute geblieben, stehe während eines Grand-Slam-Marathon-Matches am Fernseher noch immer mehr als ich sitze, fiebere mit, freue mich mit und leide mit. Und amüsiere mich noch immer über seine Eigenarten beim Aufschlag, die so manchen Gegner und Stuhlschiedsrichter zur Verzweiflung bringen.

6:4 und 6:4 – Nadal auf der Siegerstraße

An jenem sonnigen Tag in London lässt Nadal von Beginn an keine Zweifel an seinem Vorhaben aufkommen. Er breakt Federer gleich im dritten Spiel. Äußerlich bleibt er ruhig, geht kaum emotional aus sich raus. Und Federer? Der ist keineswegs unterlegen, hat beim Stand von 4:5 sogar Breakball, aber ein Rückhandfehler besiegelt den ersten Satz – 6:4 für Nadal.

Gerade als man als Nadal-Fan einen leichten Anflug von Optimismus erlebt, schlägt Federer nur Minuten später eiskalt zurück, führt im zweiten Satz schnell mit 3:0. Die Machtverhältnisse sind vorerst zurechtgerückt. Aber Nadal kommt zurück, macht aus einem 1:4 ein 6:4 und gewinnt auch den zweiten Satz.

Dabei spielt er Federer nicht plötzlich an die Wand, sondern profitiert von seiner Kraft, gewinnt lange Ballwechsel, zwingt dem Schweizer sein Spiel auf. Als dieser bei Nadals Satzball erneut eine Rückhand ins Netz setzt, bleibt der Spanier weiter cool. Keine Faust, kein "Vamos", so wie man es heute von ihm kennt.

Das komplette Gegenteil spielt sich in meinem Wohnzimmer ab. Die letzten zehn Minuten im Satz habe ich stehend verbracht, beim Satzgewinn fällt eine riesige Anspannung ab. Mir wird klar: Nadal kann das schaffen.

Comeback von Federer – und große Zweifel

Mit Beginn des dritten Satzes kommt ein Thema auf, das Nadal durch seine Karriere begleiten sollte. Leichte Probleme am Knie, die Patellasehne ist gereizt, er muss getaped werden. Davon unbeeindruckt liefern sich die beiden Superstars eine Tennis-Schlacht, die beim Stand von 5:4 für Federer wegen Regens kurz unterbrochen werden muss. Der Schweizer holt sich den Satz im Tie-Break, meldet sich zurück. In mir werden die Zweifel größer, ob "Rafa" das Match nach Hause bringen kann.

Am Ende des vierten Satzes wird es dramatisch. Die Spannung ist kaum auszuhalten im Tie-Break. Dann vergibt Nadal zwei Matchbälle, setzt bei Satzball Federer den Return ins Aus – und Federer lässt einen kurzen, lauten Schrei los, während sich das Publikum von den Plätzen erhebt. Es gibt einen Entscheidungssatz. Den hatte dieses, laut John McEnroe, "beste Tennis-Match aller Zeiten" verdient. Nur wollte ich das damals nicht wahrhaben.

Das beste Tennis-Match aller Zeiten

Zu Beginn des fünften Satzes nehme ich noch einmal Platz, das hält aber nicht lange an. Während sich Federer und Nadal weiter einzigartige Ballwechsel liefern, laufe ich auf und ab im Wohnzimmer. Beim Stand von 2:2 wird das Match wieder wegen Regens unterbrochen – es sollte das letzte Jahr sein ohne Dach auf dem Center Court.

Mittlerweile ist es Abend geworden, allmählich setzt die Dämmerung ein. Der Anfang des Matches ist gefühlt drei Tage her. Als Nadal den Spielball zum 6:6 verwandelt, liegen meine Nerven längst blank. Da war ich nicht alleine: "Meine Hände zitterten", sagte Boris Becker später, der britische Ex-Profi Tim Henman nannte das Match ein "antikes Drama".

Als sich das Drama zuspitzt, ertappe ich mich dabei, dass ich in entscheidenden Momenten gar nicht mehr hinsehen kann. Beim Stand von 7:7 vergibt Nadal zunächst drei Breakbälle, schafft das Break aber trotzdem. Während sich seine Box um Trainer Onkel Toni in den Armen liegt, zeigt Nadal keine Regung. Aber: Er schlägt jetzt zum Matchgewinn auf. Sechs Minuten dauert das letzte Spiel. Eine Ewigkeit. Als es vorbei ist, bin ich nervlich völlig am Ende und gleichzeitig voller Freude.

Heute ist klar, dass sich dort die beiden besten Spieler aller Zeiten ein episches Match lieferten. Vielleicht das beste, dass dieser Sport jemals hervorgebracht hat.

Stand: 29.04.2020, 08:00

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