Lieblingsspiel - Das Match, bei dem Struff seine Unsicherheit ablegte

Jan-Lennard Struff jubelt ausgelassen über seinen Sieg gegen Borna Coric

Lieblingsspiel

Lieblingsspiel - Das Match, bei dem Struff seine Unsicherheit ablegte

Von Jörg Strohschein

Bei den French Open 2019 besiegt Jan-Lennard Struff in einem knappen Match Borna Coric. Die außergewöhnliche Atmosphäre trägt den Tennisprofi zu diesem Sieg - die Auswirkungen halten bis heute an. In der Reihe "Lieblingsspiel" erinnert sich unser Autor an das Erweckungserlebnis des Tennis-Profis.

Wie so häufig im Sport sind die Erwartungen größer als das tatsächliche Match. Alexander Zverev schlägt den Serben Dusan Lajovic mit einer äußerst fehlerhaften Leistung auf dem gerade fertig gestellten, nagelneuen Court "Simonne Mathieu" in fünf für die Zuschauer wenig vergnüglichen Sätzen.

Die recht kleine Anlage Roland Garros - im Herzen von Paris - quillt an diesem heißen Frühsommer-Samstag, dem 1. Juni 2019, schier über vor Besuchern. Vor dem einzigen frei zugänglichen Wasserhahn auf der Anlage hat sich eine lange Schlange gebildet. Die Menschen schwitzen und freuen sich über jeden Tropfen Flüssigkeit.

Fanklub aus Deutschland

Tennistrainer Carsten Ariens freut sich mit seinem Schützling Struff

Der Weg zu einem der Außenplätze führt durch Massen von Menschen hindurch. Aber je näher man sich dem Court 14 nähert, desto deutlicher sind sie zu hören: die Anfeuerungsrufe für Jan-Lennard Struff, der dort gerade gegen Borna Coric kämpft. "Struffi, Struffi", hallt es nach jedem Ballwechsel unüberhörbar über das Gelände. Eine kleiner Fanklub, fünf oder sechs Freunde des gebürtigen Warsteiners, feuern diese besondere Stimmung an, die im Verlauf des weiteren Spiels der in einem Fußballstadion recht nah kommt.

Durch das lautstarke Engagement des deutschen Fanklubs werden auch die übrigen Zuschauer animiert, ihre Sympathien heraus zu schreien. Auch die Coric-Anhänger wollen sich Gehör verschaffen. Eine äußerst ungewöhnliche Atmosphäre für die eher traditionsbewussten Tennis-Fans bei einem Grand-Slam-Turnier.

Und die Menschen in der näheren Umgebung des Courts werden in einer Mischung aus Neugier und Sensationslust immer mehr angezogen von diesem speziellen Match.

Besondere Spannung liegt in der Luft

Borna Coric verzweifelt in der Partie gegen Jan-Lennard Struff

Die Partie des derzeit zweitbesten deutschen Spielers ist bereits in seine heiße Phase eingetreten. Coric führt mit 2:1-Sätzen, eigentlich spricht alles für den drahtigen und hochtalentierten Kroaten. Die Suche nach einem Sitzplatz für die ganze Familie gelingt unter äußerst glücklichen Umständen - die Plätze in der zweiten Reihe sorgen für ein Gefühl als sei man Teil dieses besonderen Matches.

Es liegt in diesen Minuten, an diesem Ort, eine besondere Spannung in der Luft - eine Form der Elektrizität und eines Überraschungsmomentums, wie es nur der Sport herstellen kann. Struff hat an diesem Tag die Gabe, die stetigen Anfeuerungen ("Struffi, Struffi") als pure Motivation zu sehen, den Erfolgsdruck zu vergessen und Negativerlebnisse, wie sie beim "Fehlerspiel" Tennis in einem Match hundertfach passieren, nahezu auszublenden.

Struffs innere Überzeugung

Mittlerweile ist das Stadion überfüllt und es haben sich spontan Stehplätze gebildet, wo eigentlich keine vorgesehen sind. Struff wird noch einen Tick mehr als sein Gegner von diesen Schwingungen, die die rund 2.000 Zuschauer erzeugten, mitgerissen.

Coric spielt um sein Leben, greift an, kämpft um jeden Ball, zeigt viel Mut bei seinen vielen riskanten Schlägen. Aber Struff hat an diesem Tag die innere Überzeugung, dass ihm niemand etwas anhaben kann.

Tennis ist vor allem ein Spiel der Psyche, der inneren Überzeugung. "Wenn man ein Warum hat, erträgt man fast jedes Wie", hat der Philosoph Friedrich Nietzsche einst gesagt. Struff hat an diesem Tag sein "Warum" gefunden. Er will, nein, er muss gewinnen - und diese Haltung springt auf die Zuschauer über.

Struff ist nach dem Match gerührt

Der Handshake zwischen Jan-Lennard Struff und Borna Coric bei den French Open 2019

Struff verliert nie die Nerven, auch wenn es einmal eng wird, hat in den wichtigsten Momenten immer eine passende Antwort parat. Sein Blick richtet sich nach jedem Ballwechsel auf seinen Vater Dieter und seinen Trainer-Staff. Das ist der stetige Ruhepol für den damals 28-Jährigen in dem in jeglicher Hinsicht hitzigen Tennis-Kessel.

Struff gewinnt den vierten Satz im Tie-Break (7:1). Und den fünften Satz sichert er sich in einem Herzschlagfinale mit 11:9. Als der Matchball nach vier Stunden und 22 Minuten verwandelt und Struff erstmals in seiner Karriere ins Achtelfinale eines Major-Turniers eingezogen ist, ist er sichtlich gerührt von so viel Anteilnahme und Begeisterung von den Rängen. "So etwas habe ich noch nie erlebt. Ich möchte mich bei euch allen bedanken", sagt er brüchig ins Mikrofon.

Rückblickend scheint es, als sei dies der Tag gewesen, an dem er sich endgültig selbst vertraute und er seine Unsicherheiten auf dem Court ablegte - und das Publikum hatte seinen großen Teil dazu beigetragen. In der Folge schaffte es Struff erstmals in seiner langen Tennis-Vita, das hohe Niveau über längere Dauer zu stabilisieren - nach diesem Match, nach diesem Tag in Paris.

Stand: 18.04.2020, 08:30

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