Lieblingsspiel - eine Kür für die Unendlichkeit

Aljona Savchenko und Bruno Massot beim Eiskunstlauf-Finale der Olympischen Spiele 2018

Olympische Winterspiele 2018

Lieblingsspiel - eine Kür für die Unendlichkeit

Von Franziska Wülle

Mit einer Kür, die die Welt zu Tränen rührte, starten Aljona Savchenko und Bruno Massot bei den Olympischen Spielen von Pyeongchang eine Aufholjagd und gewinnen das bereits verloren geglaubte Olympia-Gold. In der Reihe "Lieblingsspiel" erinnert sich unsere Autorin an einen Moment Sportgeschichte, der sie berührt hat, wie selten einer zuvor - und das, obwohl sie mit Eiskunstlaufen eigentlich gar nicht viel anfangen kann.

Ich bin ein ziemlich klassischer Sportfan. Der Kampf um Meter, Sekunden und Tore zieht mich in den Bann. Von Eiskunstlauf habe ich keine Ahnung. Es fällt mir schwer, die feinen Unterschiede zwischen einem "Flip" und einem "Lutz", einem "Rittberger" und einem "Salchow" auszumachen.

Dennoch ist mein "Lieblingsspiel" eine Kür auf dem Eis. Weil ich sie in ihrem Moment auf allen Ebenen zauberhaft fand. Ich habe sie nicht als Journalistin erlebt, sondern als Fan.

Als Volunteer in Südkorea

15. Februar 2018. Ich bin eine von etwa 20 Volunteers, die im Deutschen Haus mithelfen - dem Ort, an dem die Athletinnen und Athleten abends nach den Wettkämpfen ihre Medaillen präsentieren und feiern. Es ist Tag sieben der Olympischen Wettbewerbe, besonders am Nachmittag beschleicht uns langsam die Müdigkeit nach den ersten Tagen.

Wenn nur Gold zählt

Die Garderobe im Keller ist ein beliebter Ort, um sich kurz auszuruhen. Nebenbei läuft im Fernsehen Olympischer Sport - perfekt! Wir wollen uns berieseln lassen. Karten hätte man sowieso nicht bekommen, die Südkoreaner lieben die Sportarten auf Eis - für das Paarlaufen hätte man ein Vermögen ausgeben müssen.

Außerdem: einen großen olympischen Moment erwartet hier niemand. Dabei zählt für Aljona Savchenko bei diesen Olympischen Spielen nur die Gold-Medaille. Zweimal hatte es für die damals fünfmalige Paarlauf-Weltmeisterin "nur" Bronze gegeben. In Vancouver 2010 patzten sie und ihr damaliger Partner Robin Szolkowy als große Favoriten. In Sotschi 2014 stürzte Szolkowy, gleich zwei Gastgeber-Paare waren besser - wieder nur Bronze für die ehrgeizige Aljona.

Mit 34 Jahren tritt die Grande Dame nun in Südkorea noch einmal mit neuem Partner Bruno Massot an. Doch auch der leistet sich im Kurzprogramm einen Fehler, schafft bei seinem Einzelsprung nur zwei statt drei Umdrehungen.

"Doppelt oder dreifach?"fragt sie ihn keine Sekunde, nachdem der letzte Ton ihrer erfrischenden Musik verhallt ist. Er schüttelt den Kopf, sie lässt ihren hängen. Rang vier vor der Kür. Gold ist weg, da sind sich die Experten sicher.

Ein Paar, das fasziniert

Savchenko und Massot gehen als erstes der besten vier Paare zur Kür aufs Eis. Wir recken die Köpfe, als die ersten Klaviertöne des Musikstücks "La Terre vue du Ciel - die Erde vom Himmel betrachtet" erklingen. Die Bewegungen sind butterweich, dann folgt der erste Sprung. Ein Wurf-Twist, sagt mir der Kommentator, bei dem - und das kann selbst ich sehen - Bruno Massot seine Partnerin unglaublich hoch wirft.

Geschmeidig stellt er sie zurück auf das Eis. Auch ich stehe. Der nächste geworfene Sprung - wunderschön, fehlerlos. Jetzt folgen die Einzelsprünge, meine Hände werden nass. Im Kurzprogramm hatte Massot hier gepatzt, ich hebe quasi mit ab - gestanden. Nach dem letzten Sprung streckt Aljona Savchenko die Arme aus, strahlt über das ganze Gesicht. Ich grinse mit.

Eine Kür, die mitreißt

Es folgt die Kür mit einer wunderschönen Choreografie. Nach einem ersten musikalischen Höhepunkt erklingen im Stück wieder die leisen Klaviertöne. Auf dem Eis hebt Massot seine Partnerin hoch, die in der Luft nach den Sternen zu greifen scheint. Im Hintergrund gehen die Trainer des Paares an der Bande mit, wippen zum Takt der Musik hin und her.

Oh Gott. Ertappt. Auch ich habe auf das Paar auf dem Eis gestarrt und bin ihre Bewegungen zum Takt der Musik mitgegangen - nur ohne Eis, auf Teppichboden. Vorsichtig sehe ich mich um: 14 Augenpaare haben meine ausschweifenden Armbewegungen nicht einmal mitbekommen. Alle starren gebannt auf den Fernseher - Jungs und Mädels, die eigentlich das Spiel lieben, so wie ich.

Aljona Savchenko und Bruno Massot liegen sich in den Armen

Aljona Savchenko und Bruno Massot liegen sich in den Armen

In Savchenkos Augen und ihren Gesten kann man erahnen, wie viel sie in diesen Wettbewerb gelegt hat. Nach der letzten kleinen Hebefigur lässt sie sich erleichtert auf das Eis fallen - mit dem Wissen, etwas Großartiges geschaffen zu haben. Bruno Massot umarmt seine Partnerin. Später soll er über seinen Fauxpas aus dem Kurzprogramm sagen: "Ich wollte auf keinen Fall, dass Aljona wieder mit Bronze nach Hause fahren muss."

Ein Thriller in drei Akten 

Im Deutschen Haus ist eigentlich Schichtbeginn für die Spätschicht, doch hier bewegt sich niemand. Alle sehen wie die auf Bronze liegenden Kanadier zu Adeles "Hometown Glory" eine nahezu perfekte Vorstellung abliefern, die aber nicht an die der Deutschen heranreicht und erleben den Showdown, als das führende chinesische Paar aufs Eis geht.

Aljona Savchenko und Bruno Massot warten auf das Urteil der Jury

Aljona Savchenko und Bruno Massot warten auf das Urteil der Jury

Sein Vorsprung aus dem Kurzprogramm ist gigantisch - eigentlich kann nichts mehr passieren. Doch die Nerven liegen blank. Beeindruckt von der Vorstellung des deutsche Paares reiht sich ein kleiner Fehler an den nächsten. Nach quälenden Minuten des Wartens die Erleichterung: Savchenko/Massot bleiben vorn - mit nicht einmal einem halben Pünktchen Vorsprung. Aus Aljona Savchenko bricht es heraus. Nach 15 Jahren als beste deutsche Paarläuferin und fünf olympischen Anläufen gewinnt sie mit 34 Jahren das ersehnte Olympia-Gold. In der "Kiss&cry"-Area in der Arena fließen lange die Tränen.

Die Eiskunstlauf-Kür als mein olympischer Moment 

Ich sitze am Abend wieder im Keller: Garderobendienst. Bei 17 Wettkampftagen erwischt es jeden einmal. Die Jacken bewachen, während oben ausgelassen gefeiert wird. Als Aljona Savchenko auf der Athletenbühne noch einmal die Kür zum ersehnten Olympia-Gold vorgespielt wird, fließen wieder die Tränen. Ich sehe diesen berührenden Moment nur auf dem Bildschirm. Doch auch mir rollt zwei Stockwerke tiefer eine Träne über die Wange.

Ich weiß nicht, wie oft ich diese Kür in den vergangenen zwei Jahren wieder angesehen habe - es waren einige Male. Die ersten Akkorde des sanften Musikstücks "La Terre vue du ciel" klingen immer mal wieder durch meinen Kopf. Und ab und an schalte ich - einfach mal so - einen Paarlauf-Wettbewerb ein. An den, den ich vor zwei Jahren in Pyeongchang gesehen habe, reichte bis jetzt aber keiner mehr heran.

Die Kür zum Olympiasieg von Savchenko/Massot Sportschau 12.05.2020 07:13 Min. Verfügbar bis 12.05.2021 Das Erste

Stand: 12.05.2020, 11:00

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