Lieblingsspiel - Felix der (Un-)Glückliche

Felix Sturm jubelt in Las Vegas nach seinem Kampf gegen Oscar De La Hoya

Sportschau History

Lieblingsspiel - Felix der (Un-)Glückliche

Von Jens Walbrodt

Der ehemalige Box-Weltmeister Felix Sturm sorgte zuletzt für jede Menge Negativschlagzeilen. Im Juni 2004 war das noch anders. In der Reihe "Lieblingsspiel" erinnert sich unser Autor an einen der größten Kämpfe mit deutscher Beteiligung aller Zeiten – und gleichzeitig an einen schlimmen Fall von Punktrichter-Versagen.

Bei manchen Ereignissen erkennt man erst im Nachhinein, welche Bedeutung sie eigentlich haben. Das gilt im Sport oft noch mehr als in anderen Bereichen: Der Ausgleich in der 90. Minute, der im Saisonrückblick den einen Punkt für den Klassenerhalt oder die Meisterschaft rettet … oder die Auslosung, die dazu führt, dass der große Favorit früh ausscheidet. Der Trainerwechsel, der aus einem Abstiegskandidaten einen Titel-Anwärter macht.

Sturms Debüt auf der ganz großen Bühne

In diese Kategorie fällt für mich der 5. Juni 2004. Oder besser: die Nacht vom 5. auf den 6. Juni. Es ist die Hochphase des Profiboxens in Deutschland und Felix Sturm ist WBO-Weltmeister im Mittelgewicht. Ich selbst bin Schüler. Kurz vor dem 18. Geburtstag und weit davon entfernt, in irgendeiner Form über Sport zu berichten. Ein Fan. Ein Fan auch von Oscar De La Hoya, einem der zu diesem Zeitpunkt größten Stars des Boxens, nicht nur in den USA.

Felix Sturm und Oscar De La Hoya vor dem Kampf gemeinsam auf der Bühne

Vor dem Duell im MGM Grand: Der Weltstar und der Außenseiter aus Deutschland

De La Hoya ist Olympiasieger, technisch herausragend und ein echter Popstar. Er marschiert in seiner Karriere geradezu durch die Gewichtsklassen. Weltmeistertitel trägt er zu diesem Zeitpunkt schon in fünf Limits. In dieser Nacht sollte er der erste Profiboxer jemals werden, dem dieses Kunststück auch in einem sechsten gelingt.

Als De La Hoya im Juni 2004 gegen Felix Sturm in den Ring steigt, ist der US-Star also der große Favorit. Und er ist auch für mich der Hauptgrund, mir die Nacht um die Ohren zu schlagen. De La Hoya hat zwar in den letzten Jahren auch mal verloren. Doch er ist ein Held. Nach dem Kampf sollte sich meine Meinung allerdings ändern …

Ein Kampf auf Augenhöhe

Der Favorit aus den USA legt mit extrem hohem Tempo los. Doch der Außenseiter aus Deutschland hält mutig dagegen. Die meisten Schläge De La Hoyas landen auf der an diesem Abend überragenden Deckung Felix Sturms. Und die klareren Treffer setzt ab der ersten Runde der Leverkusener. Vor allem mit der linken Führhand ist Sturm in dieser Nacht herausragend.

Schon am Ende der ersten Runde reckt Sturm zum ersten Mal den rechten Arm in die Höhe. Er hat erkannt: Hier geht heute was. Und zwar richtig. De La Hoya wirkt überrascht. Schwer atmend sitzt er in seiner Ringecke. Sein Cutman muss schon in der ersten Rundenpause Blessuren im Gesicht behandeln, seine Nase blutet.

Sturm wie im Rausch

Und von Runde zu Runde schlägt und trifft De La Hoya weniger. Ein enger Kampf. Doch Felix Sturm wird immer stärker. Angetrieben von Michael Timm, dem heutigen Bundestrainer der olympischen Boxer in seiner Ecke, boxt sich der Leverkusener in einen Rausch. Immer wieder trifft er, vor allem mit der Linken.

Felix Sturm trifft De La Hoya mit einer Rechten

Kampf auf Augenhöhe: Sturm gegen De La Hoya nah an der Sensation

Nach 10 Runden müssen die Punktrichter Sturm auf ihren Zetteln mindestens gleichauf mit dem US-Star haben, vielleicht sogar in Führung. In Runde 11 überrascht Sturm dann noch ein weiteres Mal. Plötzlich wechselt er die Ausrichtung, kämpft während der letzten beiden Runden aus der Rechtsauslage. Spätestens jetzt wirkt De La Hoya der Verzweiflung nahe. Der Amerikaner wirft noch einmal alles rein. Doch Sturms Linke scheint mit jedem Mal härter zu treffen. Was für ein Kampf. Der Deutsche scheint kurz vor der Sensation …

Das bittere Ende für Felix Sturm

Wie so oft im Boxen ist das Ende dieses Abends desillusionierend. De La Hoya gewinnt knapp, aber einstimmig nach Punkten, im Ringinterview schämt sich der Topstar beinahe. Doch er ist neuer Weltmeister, der erste mit Titeln in sechs Gewichtsklassen. Willkommen in den USA.

Oscar De La Hoya freut sich nur zurückhaltend über seinen zweifelhaften Erfolg

Verhaltene Freude: Weltstar De La Hoya nach dem Sieg gegen Felix Sturm

Zugegeben: All diese Details kann ich nicht allein aus meiner Erinnerung an die Nacht vor 16 Jahren aufschreiben. Doch wie eingangs erwähnt, erschließt sich die komplette Bedeutung mancher Ereignisse ja manchmal erst später. Im Fall des Kampfes De La Hoya vs. Sturm war es für mich erst, als das Internet schon zu einem Video-Archiv der großen Kämpfe geworden war. Irgendwann stieß ich wieder auf den Kampf. Doch jetzt konnte ich einordnen, welches Monument des deutschen Boxens ich damals als Schüler miterlebt hatte.

Trotz Fehlurteil: Ein geschichtsträchtiger Abend

Dieser Fight zwischen Sturm und De La Hoya ist aus meiner Sicht nah an einem perfekten Boxkampf: Zwei Fighter auf Augenhöhe, der eine ein Weltstar, der andere ein unerschrockener Underdog, der sich anschickt, die Welt zu schockieren. Zwei überragende Techniker, beide mit intelligenter Kampfführung und überraschenden Kniffen. Und trotzdem hohes Tempo, viel faire Aggressivität und Spannung bis zur letzten Runde. Und nicht zuletzt eine super Leistung von Sturms Team. Der Plan, den Trainer Michael Timm und sein Schützling für diesen Abend erdacht hatten, war überragend. Vielleicht gab es seitdem keine bessere Leistung eines deutschen Boxers mehr. Auch nicht von Felix Sturm selbst.

Doch all das war in meiner Erinnerung verblasst. Bis ich den Kampf im Internet wieder entdeckte, blieb bei mir vor allem das ungerechte Urteil hängen – diese unvermeidliche, ewige Geißel für Boxfans. Doch so ungerecht das Boxen manchmal ist - es gibt nur wenige Sportarten, in denen auch Verlierer in gleichem Maße zu Helden werden können. Felix Sturm ist das im Juni 2004 gelungen. Und für viele Jahre sollte er ein Held bleiben.

Stand: 05.05.2020, 11:15

Darstellung: