Die Sekunde, in der NBA-Geschichte geschrieben wurde

Kawhi Leonard (in der Hocke, Mitte) von den Toronto Raptors sieht zu, wie sein Wurf ins Netz geht

Kawhi Leonard trifft in letzter Sekunde für Toronto

Die Sekunde, in der NBA-Geschichte geschrieben wurde

Von Jörg Strohschein

Eine Sekunde einer ganzen Saison kann in die (Sport-) Geschichte eingehen. Der US-Basketballstar Kawhi Leonard hat solch einen besonderen Moment bei den Toronto Raptors im Jahr 2019 geprägt - festgehalten im Sportfoto des Jahres.

Seine größten Helden vergisst man nicht - selbst wenn sie den Klub verlassen haben. Maisai Ujiri, der Präsident der des amtierenden NBA-Champions Toronto Raptors, ist stolz darauf, dass er weiterhin gute Kontakte zu Kawhi Leonard pflegt. "Mit Kawhi haben wir eine Beziehung aufgebaut, bei der wir uns gegenseitig voll vertrauen", sagte Ujiri am vergangenen Mittwoch (15.4.2020) dem US-Magazin "Forbes". "Und die Freundschaft wurde noch größer, als er uns verlassen hat. Darauf bin ich sehr stolz."

Es ist eine Eigenheit Ujiris, möglichst mit allen aktuellen und ehemaligen Spielern Beziehungen aufzubauen. Mit Kawhi Leonard verbinden er und seine Raptors aber ganz besondere Erinnerungen. Schließlich hatte der Small Forward (Flügelspieler) mit einem spektakulären "Buzzerbeater", also einem Wurf in allerletzter Sekunde einer Partie, es überhaupt erst möglich gemacht, dass die Kanadier am Ende triumphieren und in den Straßen Torontos frenetisch gefeiert wurden.

Die (Basketball-)Welt hielt den Atem an

Eastern-Conference-Halbfinale, Spiel 7: Die letzte Aktion der Raptors gegen die Philadelphia 76ers sollte geschichtsträchtig werden. Und Kawhi stand dabei im Mittelpunkt. Noch gefrustet von seinem vergebenen Freiwurf, der eine Drei-Punkte-Führung und damit eine Vorentscheidung hätte bringen können, schnappte sich der damals 27-Jährige vier Sekunden vor dem Ende den Ball und wollte seinen Fehlwurf wieder gutmachen. Schließlich hatte Philadelphia ausgleichen können. Spielstand: 90:90.

Also dribbelte Kawhi quer über den Platz auf die rechte Seite des Spielfeldes, setzte sich gleich gegen zwei Gegenspieler durch und warf die Kugel fast von der Grundlinie in hohem Bogen - auf den Ring. Die Zuschauer in der Halle, die Spieler auf und neben dem Feld, die ganze Welt vor den Fernsehgeräten beobachteten das nun folgende Schauspiel mit weit aufgerissenen Augen und Mündern. Sie hielten allesamt den Atem an, die Uhr war abgelaufen. Wäre solch eine Szene so plump in einem Drehbuch geschrieben worden, der Regisseur hätte sie wahrscheinlich als zu kitschig gestrichen - selbst in einem kommerziellen Hollywood-Blockbuster. Ein Foto friert die entscheidende Sekunde, die ganze Szenerie, ein und hält Sport-Geschichte fest.

Das Drehbuch hat es so gewollt

Kawhi Leonard jubelt mit seinen Teamkollegen beim Spiel gegen Philadelphia

Kawhi Leonard jubelt mit seinen Teamkollegen.

Dort prallte der Ball noch einmal auf die vordere Seite. Der Ball hüpfte im Anschluss und wie von einer unsichtbaren Hand getragen, auf die andere, die hintere Seite des Ringes - wo er noch einmal hochsprang und danach das orangefarbene Metall an gleicher Stelle wieder berührte. Das alles schien in Zeitlupe abzulaufen. Kawhi saß hockend am Spielfeldrand und beobachtete atemlos das Geschehen. Erst dann fiel der Ball in den Korb. Das Happy-End war perfekt.

Während die Spieler aus Philadelphia mit hängenden Köpfen davon trotteten und Tränen der Enttäuschung in den Augen hatten, lag sich ganz Toronto in den Armen - und Kawhi war spätestens jetzt der Held einer ganzen Stadt, eines ganzen Landes. Und so konnte diese Geschichte eigentlich nur bis zum Titel führen - das Drehbuch hatte es so gewollt. Im Halbfinale wurden die Milwaukee Bucks (4:2), im Finale die Golden State Warrios (4:2) besiegt.

Mittlerweile eine schöne Erinnerung

"Ich wollte hier Geschichte schreiben", sagte Leonard. "Das habe ich geschafft." Kawhi wurde dann noch zum wertvollsten Spieler der Finalserie (MVP) ausgezeichnet. Leonard kam in der Meistersaison auf Mittelwerte von 26,6 Punkten und 7,3 Rebounds für die Kanadier. Mittlerweile ist das nur noch eine schöne Erinnerung. Weil die Corona-Pandemie die Liga stillgelegt hat. Und weil Kawhi nach Saisonende in seinem Heimatstaat Kalifornien zu den LA Clippers gewechselt ist. Enttäuscht waren sie bei den Raptors über die Entscheidung des Superstars schon. Aber befreundet bleiben sie in jedem Fall weiter.

Stand: 19.04.2020, 12:28

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