Vor 20 Jahren: Bayer Leverkusen wird zu "Vizekusen"

Leverkusens Michael Ballack erzielt ein Eigentor in Unterhaching.

Vor 20 Jahren: Bayer Leverkusen wird zu "Vizekusen"

  • 20. Mai 2000: Leverkusen verspielt Meisterschaft in Unterhaching
  • Eigentor von Michael Ballack
  • FC Bayern wird Meister
  • Geburtsstunde von "Vizekusen"

Eigentlich, da waren sich die mitgereisten Leverkusener Fans sicher, konnte nichts mehr schiefgehen. Nicht hier, nicht in Unterhaching. Ein Anhänger präsentierte im Gefühl der Sicherheit schon ein selbst gebasteltes Konterfei von Trainer Christoph Daum, auf dem Kopf eine Krone als Zeichen des Königs, darunter die Aufschrift: "Millenium Meister".

Warum auch nicht? Bayer Leverkusen ging mit drei Punkten Vorsprung auf Bayern München in diesen letzten Bundesliga-Spieltag am 20. Mai 2000. Alles schien bereitet für den ersten Meistertitel der Vereinsgeschichte. Doch dann kam Michael Ballack.

"Der hätte das Tor eh nicht gemacht"

"Ich stand auf Höhe unseres Flankengebers Danny Schwarz und sah, wie Ballack in den Ball grätschte. Hinter ihm hatte Altin Rraklli gelauert, aber der hätte das Tor eh nicht gemacht, der traf damals eigentlich fast nur per Elfmeter, das war damals bei uns ein Running Gag", erinnerte sich Hachings Markus Oberleitner in Bayerns Vereinsmagazin "51". Ballack wollte retten und beförderte den Ball ins eigene Tor.

Michael Ballack weint auf der Leverkusener Bank.

Wenige Kilometer entfernt im Münchner Olympiastadion wurde die Nachricht der Hachinger Führung mit Verwunderung, aber noch nicht mit Begeisterung aufgenommen. Die Bayern fegten über Werder Bremen hinweg, brauchten aber zwingend eine Leverkusener Pleite für den Titel. Doch die Werkself wird doch nicht etwa tatsächlich verlieren? Als Oberleitner in der 72. Minute zum 2:0 für die Spielvereinigung traf, kannte die Freude im Olympiapark kein Halten mehr. "Bei diesem Tor ist das Olympiastadion so richtig explodiert", berichtete der damalige Bayern-Manager Uli Hoeneß, der auf der Bank neben Trainer Ottmar Hitzfeld bangte.

Daum weinte in den Armen seines Sohnes

20 Minuten später war das Wunder Gewissheit, zwischen Feierstimmung und Tränenmeer lagen nur wenige Kilometer. Daum weinte in den Armen seines Sohnes. Für den damaligen Leverkusener Manager Reiner Calmund ist der Tag immer noch präsent. "Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass der Name 'Unterhaching' bei mir nichts auslöst", sagte Calmund dem Kölner Express. Der Verein hatte im Vorfeld sogar edle Meister-Medaillen für die Spieler in Auftrag gegeben. Diese wurden später zum Großteil wieder eingeschmolzen.

Die Hachinger indes wurden von Bayerns Hasan Salihamidzic zur Meisterfeier eingeladen, bei der Ankunft erhielten sie lautstarken Beifall von den Stars. Für Oberleitner schloss sich ein Kreis. "Paul Breitner war ganz früher unser Nachbar, ich habe als Kind in seinem Garten gespielt, er wurde ein Mentor für mich", sagte Oberleitner über seine FCB-Vergangenheit.

Der ungekrönte König war gefallen

Für Leverkusen war das Drama von Haching der Startschuss zum "Vizekusen"-Image, das zwei Jahre später in der verlorenen Meisterschaft sowie den Final-Niederlagen in DFB-Pokal und Champions League seinen Höhepunkt fand. Daums Zeit in Leverkusen endet wenige Monate nach dem Haching-Desaster aufgrund seiner Kokainaffäre. Der ungekrönte König war gefallen.

Unsere Fußballgeschichten Unser Westen 11.04.2020 58:14 Min. UT Verfügbar bis 11.04.2021 WDR

Stand: 20.05.2020, 08:00

Darstellung: