Radsportler fahren digital durch Flandern und Schweiz

Die virtuelle Flandern-Rundfahrt

Corona-Pandemie

Radsportler fahren digital durch Flandern und Schweiz

Von Frank van der Velden

Radsportler, Läufer, Reiter: Auf der Suche nach Alternativen entdecken Sportler und Veranstalter das Digitale. Die Macher der Tour de Suisse gehen dabei ganz neue Wege.

Greg Van Avermaet schwitzte und strampelte, musste ein ums andere Mal aus dem Sattel, und griff immer wieder zur Trinkflasche: Der Belgier vom CCC-Team legte sich am Sonntag (05.04.2020) bei der 104. Flandern-Rundfahrt mächtig ins Zeug und gewann am Ende auch souverän vor seinem Landsmann Olivier Naesen (AG2R) und dem Iren Nicolas Roche (Sunweb).

Nur jubeln und die Hände in die Luft strecken wollte er bei der Zieleinfahrt nicht. Schließlich ging es nur um die virtuelle Version des Rennens, und Van Avermaet saß bei zugezogenen Vorhängen daheim in seinem Wohnzimmer. Insgesamt hatten sich zwölf Radsport-Profis auf die letzten 32 Kilometer der traditionsreichen Rundfahrt gemacht. Fans konnten sich das alles via Internet ansehen.

Die Sportwelt steht nahezu still. Veranstaltungen wurden in den vergangenen Wochen wegen der Coronakrise im Stundentakt abgesagt. So suchen Van Avermaet und Co. nach digitalen Alternativen.

Wie virtuelle Hilfsmittel Sportwettkämpfe in Zeiten von Corona ermöglichen

Sportschau 07.04.2020 02:58 Min. Verfügbar bis 07.04.2021 ARD Von Jan Wochner

Fünf Etappen durch die Schweiz

Beim nächsten Mal geht es für sie durch die Schweiz. Da wird das dann aber alles eine Nummer größer. Seit Freitag steht fest, dass auch die Tour de Suisse der Radprofis wegen der Corona-Pandemie ausfällt. Die Rundfahrt, traditioneller Härtetest vor der Tour de France, sollte vom 6. bis zum 14. Juni über die Bühne gehen. Eine Verschiebung innerhalb des Kalenderjahres 2020 war nicht möglich.

Ganz verzichten auf das traditionsreiche Rennen wollen die Veranstalter und die Fahrer aber auch nicht. So haben die Tour-de-Suisse-Macher gemeinsam mit der Teamvereinigung Velon und einem Software-Anbieter "The Digital Swiss 5" ins Leben gerufen - ein digitales Ersatzrennen mit fünf Etappen.

18 Teams gemeldet

Gefahren wird in einer Halle auf sogenannten Smarttrainern, also Ergometern mit Internetverbindung. Als Kulisse dienen abgefilmte Originalstrecken der Schweiz-Rundfahrt, die als Video zur Verfügung stehen. Die Rennfahrer sehen auf dem Monitor die Strecke und ihre Position im Rennen in Echtzeit, der Smarttrainer regelt je nach Rennverlauf den Widerstand der Pedale - alles wie bei der Flandern-Rundfahrt auch. Der ein oder andere Fan kennt das von der Spiele-Konsole, nur dass es dort nicht so professionell gemacht ist.

Mitmachen können alle Teams, die auch beim Rennen dabei gewesen wären. Zugesagt haben schon 17 World-Tour-Teams und die Schweizer Nationalmannschaft. Los geht es am 22. April. Dann stehen auf einer digitalen Trainingsplattform täglich je einstündige Etappen an - und das alles ohne Ansteckungsgefahr für Fahrer und Zuschauer.

Live im Schweizer Fernsehen

Denn die können auch mit dabei sein. Gut für Fans und vor allem interessant für Sponsoren ist die Tatsache, dass die digitalen Rennbilder, die alle Radprofis als 3-D-Avatar-Darstellungen im originalgetreuen Teamtrikot zeigen, vom Schweizer Fernsehen SRF live übertragen und von Experten kommentiert werden. Dazu gibt es Live-Bilder von den strampelnden Radprofis selbst und Leistungsdaten in Echtzeit.

"Eigentlich liebe ich den Radsport, weil er draußen und bei jedem Wetter stattfindet", wird der Schweizer Radprofi Stefan Küng (Groupama-FDJ) auf der Homepage der Tour de Suisse zitiert: "Aber in dieser außergewöhnlichen Zeit sind solche neuartigen digitalen Rennen sicher eine spannende Ergänzung." Und Grégory Rast, sportlicher Leiter von Trek-Segafredo, erklärte: "Ich denke, es ist eine großartige Idee und für die Fahrer ein Ansporn, motiviert zu bleiben und ein Ziel zu haben, das einem tatsächlichen Rennen ähnelt."

Düsseldorf-Marathon: Jeder läuft für sich, Medaille per Post

Auch deutsche Veranstalter flüchten ins Digitale. So bieten die Macher des abgesagten Düsseldorf-Marathons Läufern an, mithilfe einer App auch trotz Corona-Pandemie an den Start zu gehen.

Zwischen dem 24. April und dem 21. Mai können Laufbegeisterte einen Halbmarathon oder einen Marathon auf einer von ihnen freigewählten Strecke oder auf dem Laufband absolvieren. Die Medaille kommt dann per Post nach Hause.

"Darts zu Hause"

Im Darts treten die Branchenstars in direkten Duellen daheim gegeneinander an. Dafür richten die Profis in ihren eigenen Wohnzimmern eine Kamera auf die Scheibe und streamen somit ihre Würfe. Der Weltverband PDC vermarktet die Duelle derzeit als "Darts zu Hause". Am Mittwoch tritt unter anderem WM-Halbfinalist Nathan Aspinall aus England ans Board, die Partien sind für die Fans online zu sehen.

Auch Pferdesport sucht Lösungen

Auch der Pferdersport macht mit. Ein Online-Turnierportal plant, beim Dressur- und beim Springreiten Sportler unter turnierähnlichen Wettkampfbedigungen gegeneinander antreten zu lassen - und das weltweit. Reiter könnten ihre Anlage mit minimalem Aufwand umbauen, professionelle Kampfrichter seien mit dabei, so heißt es.

Komplette Schweiz-Rundfahrt digital?

Wie das alles bei den Fans ankommt und wo es endet, wird sich zeigen. Die Macher der Tour de Suisse sind jedenfalls bereit. Sollte sich das neue Format "The Digital Swiss 5" bewähren, könnte theoretisch auch die komplette Schweiz-Rundfahrt im Juni digital gefahren werden, so heißt es auf der Homepage der Tour. Darüber wollen die Macher gemeinsam mit dem Schweizer Fernsehen, den Teams und dem Softwarepartner Anfang Mai entscheiden.

Maximilian Schachmann skeptisch gegenüber virtuellen Rennen Sportschau 08.04.2020 02:34 Min. Verfügbar bis 08.04.2021 Das Erste

Stand: 07.04.2020, 14:20

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