Skateboarden wird olympisch und spaltet die Szene

Skateboarder bei der Deutschen Meisterschaft 2018 in Düsseldorf

Teil des olympischen Programms

Skateboarden wird olympisch und spaltet die Szene

Von Anke Feller

Bei den Sommerspielen in Tokio ist Skateboarden zum ersten Mal Teil des olympischen Programms. Chance oder Niedergang für die ewige Trendsportart? Die Szene ist stark gespalten.

Skateboarden, das steht für Lifestyle, Freiheit und Unabhängigkeit. Es ist eine moderne Sportart, die helfen soll, das angestaubte Image von Olympischen Spielen etwas lässiger wirken zu lassen.

Am 3. August 2016 hatte das IOC beschlossen, dass neben Sportklettern und Surfen auch Skateboarden in das Programm für die Olympischen Sommerspiele in Tokio aufgenommen wird. Dort wird es zwei Wettbewerbe für Männer und einen für Frauen geben, in den Disziplinen "Park" (Athleten führen Tricks in Pipes, Pools und Rampen vor) und "Street" (Trickkombinationen an Hindernissen wie Geländern und Treppen).

Regeln und Richtlinien contra Individualität

Bei den deutschen Skateboard Meisterschaften im größten deutschen Skatepark in Düsseldorf-Eller geht es am Wochenende (31.08.-01.09.2019) auch um wichtige Qualifikationspunkte.

Skaten als olympische Disziplin. Mit Regeln, Erfolgsstreben und einem Zeitplan. Eigentlich all das, was Skaten nicht ist, findet Hans-Jürgen Kuhn, der Vorsitzende der deutschen Skateboardkommission. "Die Skateboard-Szene zeichnet sich durch eine unglaubliche Individualität aus. Skater brauchen für ihren Sport keine Vereine, sondern skaten da, wo es ihnen der Untergrund möglich macht. Es gibt den Gegenimpuls, sich nicht vereinnahmen zu lassen. Das Motiv zu gewinnen und zu siegen ist für einen Teil der Skater wichtig. Aber für viele andere ist das gemeinsame Skaten und Spaß haben viel wichtiger als die Frage, wer gewinnt bei irgendeinem Contest."

Vorsitzender der Skateboardkommission: "Wir passen eigentlich nicht zu Olympia" 15:54 Min. Verfügbar bis 30.08.2020

"Wir haben das nicht gewollt"

Auch weil die Entwicklung hin zu einer olympischen Sportart nicht angestrebt wurde. Kuhn, der selber Skater war und 1977 den ersten Skateboardverein in Berlin gründete, macht deutlich: "Wir haben das nicht gewollt. Es war nicht Wunsch der deutschen Skateboard-Szene olympisch zu werden. Das war für uns überhaupt kein Thema. Wir glauben, dass so, wie wir ticken, wir eigentlich nicht gut zu Olympia passen!" Regeln des organisierten Sports wie die Pflicht zu einer Mitgliedschaft in einem Verein oder sich Doping-Kontrollen zu unterziehen, um an Meisterschaften teilnehmen zu dürfen, sind aus Sicht vieler Skateboarder Zwänge, auf die sie gar keine Lust haben.

Meinungen in der Szene gehen auseinander

Lenni Janssen sieht das anders. Er ist 18 und gilt als die deutsche Olympiahoffnung im Skateboarden. Er ist einer der wenigen, der an guten Tagen mit der internationalen Konkurrenz mithalten kann. "Ich freue mich, dass Skaten olympisch ist. Für uns ist das eine große Chance. Ich bin schon jetzt viel rumgekommen dadurch, es hat nur Vorteile. Und für die anderen Skater ändert sich nichts, es gibt keine Nachteile."

Das stimmt so nicht, sagt Hans-Jürgen Kuhn, der auch für das deutsche Olympiateam zuständig ist. Denn durch die neuen Strukturen ist eine Vereinsmitgliedschaft ab sofort Pflicht, ohne sie darf man nicht am Wettkampfgeschehen teilnehmen, nicht an deutschen oder internationalen Meisterschaften. Früher sei das anders gewesen, da habe man sich auch noch kurzfristig entscheiden können, am Wochenende bei einem Wettkampf zu starten.

"Wir haben derzeit im deutschen Spitzenverband ungefähr 3.000 organisierte Mitglieder. Wir haben Hunderttausende von Leuten, die skaten, ohne Verein, und die das cool finden, nicht in einen Verein zu gehen." Einen Teil der Skateboard Szene schrecke die Entwicklung ab. Kuhn glaubt: "Die Olympischen Spiele brauchen uns, wir brauchen sie eigentlich nicht wirklich. Weil sie unserem Sport nicht den entscheidenden Kick verpassen. Deshalb sind die Erwartungen der Skater-Szene an Olympische Spiele auch eher klein. Skateboarden passiert aus anderen Gründen, und nicht weil es irgendein Vorbild gibt, das eine olympische Medaille gewonnen hat."

Deutschland hat noch Nachholbedarf

Ein Grund: Für den Bau von Skateparks sind bundesweit die Kommunen zuständig. Sie legen den Fokus auf die Bedürfnisse des Breiten- und Freizeitsports. Weniger darauf, ob sich eine deutsche oder internationale Meisterschaften durchführen lässt. Für Kuhn ein großes Problem: "Die Standards, die man da braucht, hat noch keiner in Deutschland gebaut. Das ist unser größtes Handicap auch auf dem Weg nach Tokio. Das bremst uns auch aus in der Frage, wie wir unser Potenzial entwickeln können."

Die Zusammenarbeit mit dem DOSB und der NADA laufe gut, so Kuhn: "Wir tauschen uns aus darüber, was die von uns erwarten. Und wir klären, können wir dem gerecht werden." Auch wenn er eingesteht, dass er sich manchmal frage, wohin das Ganze auf Dauer führe. "Es bleibt ein Spannungsverhältnis in der Zusammenarbeit. Ob und in welcher Konsequenz wir uns dem unterordnen, was im deutschen Spitzensport üblich ist, wenn man mit stattlichen Mitteln gefördert werden will."

Von der Förderung profitieren nur wenige

Auch die finanzielle Förderung durch den Staat bereitet Kuhn Kopfzerbrechen. "Die gesamte Förderung konzentriert sich auf die 14 Mitglieder im Team Deutschland, die momentan im Perspektiv- und Nachwuchs-Kader sind. Die restlichen hunderttausend Skater haben erstmal nichts davon." Keine zusätzliche Anlage würde gebaut, keine Breitensportler würden gefördert.

Kein Profit also für die Skater-Szene. Und wie sieht es mit den internationalen Strukturen aus? Kuhn kritisiert, dass diese nach der Aufnahme in das olympische Programm innerhalb von kürzester Zeit vom internationalen Skateverband World Skate entwickelt worden seien, und dass bei der Punktevergabe für die Weltrangliste amerikanische Skater Vorteile hätten. Chancengleichheit wäre nicht gegeben.

Hoffnung auf Zusammenhalt

Hans-Jürgen Kuhn hofft, dass vom medialen Interesse und der verstärkten Aufmerksamkeit nicht nur die Profis profitieren, sondern auch die breite Skateboard-Szene. Die größte Herausforderung für die Zukunft: Die beiden Lager zusammenzuhalten: Diejenigen, die ihren Spaß haben und unabhängig skaten wollen, und die, die sich systematisch mit ihren Trainern auf die ganz großen Aufgaben vorbereiten. Einfach wird es nicht.

Stand: 30.08.2019, 17:21

Darstellung: