Kindesmissbrauch im Sport: Forderung nach mehr Unterstützung für Betroffene

Symbolbild Turnen

Öffentliches Hearing

Kindesmissbrauch im Sport: Forderung nach mehr Unterstützung für Betroffene

Von Andrea Schültke

Die Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs der Bundesregierung beschäftigt sich seit Jahren mit Berichten Betroffener - seit eineinhalb Jahren auch explizit aus dem Sportumfeld. Am Dienstag (13.10.2020) gab es bei einem Hearing in Berlin erste Ergebnisse und Erkenntnisse.

"Wir gehen von einer großen Dimension aus", hatte die Kommissionsvorsitzende Sabine Andresen vor eineinhalb Jahren gesagt und damit erläutert, warum die Kommission das Interesse auf den Sport richtet. 93 Betroffene haben sich bei der Kommission gemeldet und schriftlich oder im mündlichen Gespräch ihre Geschichte erzählt. Es seien überwiegend Frauen gewesen, so Sabine Andresen, die über Taten durch männliche Täter berichtet hätten.

Sabine Andresen

"Sport ist ein Ort, in dem Kinder und Jugendliche auch in der Vergangenheit nicht geschützt wurden", so Sabine Andresen heute zu Beginn des Hearings in Berlin. Der Sport ist eine der beliebtesten Freizeitaktivitäten für Kinder und Jugendliche. 60 Prozent der Jungen und die Hälfte aller Mädchen sind Mitglied in einem Sportverein. Eltern, die ihre Kinder zum Sport bringen, sehen diese dort gut aufgehoben. Im Sport sollen sie Werte lernen wie Respekt, Moral, Ethik und Fairplay.

Verbandsförderung von Kinderschutz abhängig

"Umso erschreckender ist die Erkenntnis, dass es auch im Sport sexuellen Missbrauch gibt", so Beate Lohmann, Abteilungsleiterin Sport im für den Sport zuständigen Bundesinnenministerium. Sie betonte, dass das Ministerium Verbände im Leistungssport nur noch dann fördere, wenn bestimmte Voraussetzungen für Kinderschutz umgesetzt würden. Etwa eine Ansprechperson zum Thema benannt würde oder Satzungen geändert und Regeln zur Einsicht in erweiterte Führungszeugnisse festgelegt würden.

Vieles von dem hätten die Verbände nach eigener Aussage bereits umgesetzt, so Beate Lohmann. Sie wies auch auf die Autonomie des Sports hin, der somit in der Lage sei, eigene Regeln mit Blick auf sexualisierte Gewalt aufzustellen und der auch eigene Sanktionsmöglichkeiten habe. Dieser Verantwortung müsse der Sport gerecht werden, so Lohmann.

Sexualisierte Gewalt kann lebenslange Folgen haben

"Es gibt Wunden, die nicht heilen", wies Beate Lohmann am emotionalen Ende ihrer Rede auf die Folgen hin, die sexualisierte Gewalt für Betroffene ein ganzes Leben lang haben kann. 93 Betroffene hatten der Aufarbeitungskommission ihre Erfahrung sexualisierter Gewalt im Sport geschildert. "Die Gesellschaft kann dankbar sein, dass Betroffene sich melden", so die Kommissionsvorsitzende Sabine Andresen. Ihre Geschichten würden unter anderem helfen, zu erkennen, welche Strukturen dazu beigetragen hätten, dass die Taten im Sport nicht wahrgenommen wurden und vertuscht werden konnten.

Auch Bundesfamilienministerin Fransziska Giffey schloss sich in einem Grußwort dem Dank an die Betroffenen an. Sie habe Hochachtung vor allen, die ihre Geschichten erzählen, so die Ministerin.

"Ich konnte in den letzten Jahren viel aufarbeiten"

"Für mich wäre es wichtig gewesen, eine weibliche Trainerin zu haben oder ein älteres Mädchen, dem ich hätte vertrauen und mit dem ich über die Taten hätte sprechen können", sagte die Judoka Marie Dinkel. Sie ist eine der 93 Betroffenen, die sich bei der Kommission gemeldet und ihre Geschichte erzählt haben. Sie hat den Mut, bei der Veranstaltung per Videoschalte ihre Geschichte zu erzählen. Sie hatte sexuellen Missbrauch durch ihren Trainer erlebt, als sie 13 Jahre alt war.

Zunächst hätte sie die Taten verdrängt. Sie habe sich geschämt, gedacht, sie habe die Schuld an den Übergriffen und ihr werde nicht geglaubt. "Inzwischen geht es mir gut und ich konnte in den letzten Jahren viel aufarbeiten", erzählt die junge Frau. Heute ist Marie Dinkel als Trainerin im Judo aktiv "weil ich hoffe, dass ich mit dem, was mir passiert ist, anderen helfen kann, damit ihnen das nicht passiert."

Betroffene können sich weiterhin bei der Aufarbeitungskommission melden.

Sexueller Missbrauch im Fußball: "Ich war immer die Letzte im Auto" sport inside 21.10.2020 13:56 Min. Verfügbar bis 21.10.2021 WDR

Stand: 13.10.2020, 13:34

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