Aikido-Trainer wegen sexuellen Missbrauchs vor Gericht

Aikido

Sexueller Missbrauch im Sport

Aikido-Trainer wegen sexuellen Missbrauchs vor Gericht

Von Andrea Schültke

Vor dem Landgericht Dresden hat zu Wochenbeginn der Prozess gegen einen Aikido-Trainer begonnen. Der Vorwurf: sexueller und schwerer sexueller Missbrauch an elf Jungen in mindestens 60 Fällen. Die Taten sollen sich über einen Zeitraum von mindestens sechs Jahren ereignet haben. Der Angeklagte sitzt seit sieben Monaten in Untersuchungshaft. Einmal mehr zeigt dieses Verfahren, dass Täter den Sport benutzen, um sich in einem unverfänglichen Umfeld Kindern zu nähern.

Saal 0.79 des Dresdner Landgerichts. Vor dem Eingang stehen viele Menschen, die den Prozessauftakt verfolgen möchten. Offenbar Angehörige der Betroffenen und auch ehemalige Schüler des Angeklagten. Coronabedingt gibt es zu wenig Plätze im Saal. Viele Interessierte müssen draußen bleiben.

Angeklagter "erstaunlich selbstbewusst"

Sie sehen nicht, wie der 50-jährige Angeklagte in Handschellen hereingeführt wird. Er stellt sich den vielen Fotografen. Schaut direkt in die Kameras. Ein Auftritt, den Gesa Israel als erstaunlich selbstbewusst bezeichnet.

Die erfahrene Anwältin vertritt zwei der betroffenen Jungen: "Bei mir war der Eindruck: Da sonnt sich jemand im Blitzlichtgewitter. Das habe ich bei solchen Sachen wirklich so noch nie erlebt. Normalerweise kommen die Angeklagten rein, versuchen, möglichst ihr Gesicht zu verdecken, Kapuze über den Kopf zu ziehen, oder nehmen zumindest den Kopf runter." Nicht so der Aikidotrainer, der sich auch interessiert die Zuschauenden ansieht. Eine Zuhörerin ist von der Situation offensichtlich sehr mitgenommen. Sie bricht in Tränen aus.

Über den Sport unverfänglich den Opfern genähert

Aus der Anklageschrift der Staatsanwältin geht hervor, dass der Angeklagte in mehreren Grundschulen nachmittags AGs in der Kampfsportart Aikido angeboten hat. Später habe er dann zusätzlich eine private Schule aufgemacht und auch dort Training angeboten.

Über den Sport konnte er sich unverfänglich seinen Opfern nähern. Den Jüngsten half er etwa beim Zubinden des Gürtels und berührte die Erstklässler dabei sexuell. Übergriffe fanden auch bei regelmäßigen Fahrten in Trainingslager statt, teilweise nachts als die Kinder schliefen. Das ist wohl auf Fotos zu sehen, die der Angeklagte gemacht hat. Auch an einer Schule für geistig behinderte Kinder sollen sexuelle Handlungen an Kindern beim Aikidotraining stattgefunden haben.

Wie aus der Anklageschrift weiter hervorgeht, hatte der Beschuldigte neben einer der Schultrainingshallen ein Zimmer, das nur ihm zur Verfügung stand. Dort hatte er laut Staatsanwaltschaft ohne Wissen der Schule eine zweite Ebene eingebaut, die er als Hochbett nutzte.

In diesem Raum sollen die meisten der schweren sexuellen Übergriffe auf den am schwersten betroffenen Jungen stattgefunden haben, über Jahre hinweg, wie der Angeklagte zugab. "Das endete erst mit meiner Verhaftung", so der Trainer auf die Frage der Richterin, wann die Übergriffe aufgehört hätten.

Angeklagter legt ein Geständnis ab

Als die Anklage verlesen ist, legt der Beschuldigte ein Geständnis ab. "Ja, ich habe über viele Jahre an Kindern und Jugendlichen sexuelle Handlungen durchgeführt." Dann geht er Punkt für Punkt die Vorwürfe durch und bestätigt die meisten ihm vorgeworfenen Taten. "Aber", so Nebenklageanwältin Gesa Israel, "wesentlich mehr kann ich da auch nicht erkennen. Wie er das präsentiert hat, war unglaublich funktional und sachlich, ein ganz unemotionaler Erlebnisbericht."

Allerdings erspart der Angeklagte damit den meisten Jungen die Aussage. Nur bei dem am schwersten betroffenen Jungen will er weniger Taten verübt haben, als die Anklage ihm vorwirft. Daher müssen dieser und ein weiterer Betroffener doch noch vor Gericht aussagen.

Aus dem Geständnis des Angeklagten wird deutlich: Er ist strategisch vorgegangen. Die schweren sexuellen Übergriffe auf den Hauptgeschädigten hätten nicht regelmäßig stattgefunden. "Ich wollte da nicht überstrapazieren", so der beschuldigte Trainer. Andere Hallennutzer hätten sonst womöglich Verdacht geschöpft, wenn er regelmäßig mit dem Jungen aus seinem Raum gekommen wäre.

Auf die Frage von Anwältin Gesa Israel, ob der Angeklagte erläutern könne, wie es zu den Taten gekommen sein könnte und ob er darüber nachgedacht habe, sein Verhalten zu ändern antwortete er: "Das läuft jetzt in Richtung moralische Vorhaltung", dazu werde er sich nicht äußern.

Gerade das sei aber für die Geschädigten sehr wichtig, so Israel. Die Mutter eines ihrer Mandanten habe den Angeklagten zur Rede gestellt, nachdem ihr Sohn ihr von den Übergriffen des Trainers berichtet habe. "Gerade da ist natürlich auch für die Mutter nochmal mehr von Interesse zu erfahren. Was ist da eigentlich passiert? Warum ist das so gelaufen? Sie geht hin, spricht es an, und es passiert gar nichts. Es wird nicht eingeräumt, und es geht aber weiter wie vorher auch. Das ist natürlich für die Angehörigen, auch für die Geschädigten, schon sehr bedrückend."

Gesa Israel, Anwältin der Nebenkläger: "Ganz unbefriedigend, dass er keinerlei Angaben machen will, was der Hintergrund ist."

Sportschau 10.06.2020 00:15 Min. Verfügbar bis 10.06.2021 ARD

Keine Anzeichen von Reue

Für ihn sei der Angeklagte teilweise ein väterlicher Freund oder Berater gewesen, zitiert die Anklageschrift einen der Geschädigten. Offensichtlich hat der Beschuldigte diese Vertrauensposition ausgenutzt und missbraucht, um die Taten zu begehen.

Ein Zeichen des Bedauerns, der Reue oder eine Entschuldigung gibt es vom Angeklagten nicht. Es ist nicht auszuschließen, dass es weit mehr Betroffene gibt als die elf Jungen, die in der Anklageschrift erwähnt werden.

Gesa Israel, Anwältin der Nebenklage: "Ein Geständnis, das von Reue geprägt ist, ist wichtig."

Sportschau 10.06.2020 00:34 Min. Verfügbar bis 10.06.2021 Das Erste

Der Angeklagte war seit 14 Jahren als Aikidotrainer tätig und außerdem als Erlebnispädagoge. Am kommenden Dienstag wird der Prozess fortgesetzt. Insgesamt sind bisher vier Verhandlungstage vorgesehen.

Sexueller Missbrauch im Sport - Das große Tabu Sportschau 13.07.2019 43:58 Min. Verfügbar bis 13.07.2030 Das Erste Von Andrea Schültke

Stand: 11.06.2020, 09:00

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