Wer ist eigentlich "Profi"?

Christin Hussong macht sich bereit für einen Speerwurf

Neue Corona-Maßnahmen

Wer ist eigentlich "Profi"?

Von Robin Tillenburg

Der Amateursport kommt in Deutschland wegen der neuen Corona-Maßnahmen größtenteils zum Erliegen. Profisport soll weiter stattfinden dürfen. Aber wo verläuft die Grenze? Und wer ist eigentlich "Profi"?

Zwar ohne Zuschauer - was beispielsweise Handball- und Basketballvereine nach eigenen Angaben vor enorme Probleme stellen wird - aber immerhin: Profisportler dürfen in Deutschland auch während der unter dem Begriff "Lockdown Light" zusammengefassten Einschränkungen über den November hinweg mindestens trainieren, teilweise auch Wettbewerbe bestreiten.

Dass Erstligisten in den hierzulande populären Sportarten wie Fußball, Basketball, Volleyball, Handball oder Eishockey unter diese Regelung fallen dürften, bedarf keiner großen Fantasie. Für die meisten in Ligen organisierten Sportarten benötigen die Vereine ja auch entsprechende Lizenzen, um überhaupt für einen Aufstieg oder ähnliches zugelassen zu werden.

Auch "Berufssportler" ist nicht eindeutig

Bei der Zuteilung von Finanzhilfen für Profisportvereine durch das Bundesministerium des Inneren, Bau und Heimat galt beispielsweise generell die Definition "Sportvereine und Unternehmen im professionellen und semiprofessionellen Wettbewerb, die mit wenigstens einer Mannschaft einer 1., 2. oder 3. Liga im Bereich der olympischen, nichtolympischen und paralympischen Individual- und Mannschaftssportarten angehören". Welche Grundsätze in dieser Frage für die neuen Corona-Maßnahmen gelten, ist laut Bundesinnenministerium eine Entscheidung, die die Länder treffen müssen. Das teilte das Bundesinnenministerium am Freitag (30.10.2020) auf Anfrage der Sportschau mit.

Doch auch die Regelungen der Länder sind nicht immer eindeutig. In der am Freitag (30.10.2020) veröffentlichten Schutzverordnung des Landes Nordrhein-Westfalen, die ab Montag gilt, heißt es unter anderem "das Training von Berufssportlern auf und in den von ihrem Arbeitgeber bereitgestellten Trainingseinrichtungen" sei von dem Verbot ausgenommen. Auch diese Bezeichnung "Berufssportler" lässt Raum für Interpretationen. Was ist mit Einzelsportlern ohne konkreten Arbeitgeber in diesem Bereich? Was ist mit Olympia-Kaderathleten, die aber "hauptberuflich" studieren oder anderen Berufen nachgehen?

Hartung: Bundeskaderathleten sind Teil des Profisports

Max Hartung, Sprecher des Vereins Athleten Deutschland, wünscht sich im Gespräch mit der Sportschau eine konkrete Einbeziehung eben jener Sportler und eine Gleichstellung mit den per Definition als "Profi" deklarierten Vereinen und Athleten in dieser Angelegenheit. Mitglied bei Athleten Deutschland kann werden, wer "Bundeskaderathlet einer olympischen, nichtolympischen, deaflympischen oder paralympischen Sportart oder gewählter Athletenvertreter in einem dieser Verbände" ist.

Fechter Max Hartung

Säbelfechter Max Hartung

"Das sind Leute, die in acht Monaten mit den Olympischen Spielen ihren Saisonhöhepunkt absolvieren wollen. Für die ist es aktuell ohne Wettkämpfe schon schwer genug, am Ball zu bleiben. Ein Monat Trainingspause hätte da weitreichende negative Folgen."

Hartung ergänzt aber: "Es geht nicht darum, uns gegen die Bemühungen zu stellen, die Pandemie einzudämmen. Die Politik hat formuliert, dass der Amateurbereich geschlossen wird und dass der Profisport aber einen Wert für die Gesellschaft hat, der in diesen Krisenzeiten für alle Nutzen stiftet, und dass es deswegen sinnvoll ist, unter strengen Hygieneauflagen und Disziplin aller Beteiligten, auch in einem 'Lockdown' weiterzumachen. Jetzt sage ich: Da sehe ich uns als Teil dieses professionellen Sportbetriebs."

Bundesweite Entscheidung mit föderaler Umsetzung?

Auch der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) formulierte eine ähnliche Forderung: "Die Athleten von Team D und die Nachwuchskader im Winter- sowie im Sommersport müssen weiter auf Kurs bleiben. Ebenso wie in den Profiligen, die weiter trainieren dürfen und ihre Wettkämpfe ohne Zuschauer austragen müssen, ist eine Unterbrechung des langfristigen Leistungsaufbaus kontraproduktiv und gefährdet die Chancen unserer Athleten für die Olympischen Spiele Tokio 2021 und Peking 2022."

Hartung wünscht sich eine bundesweite Entscheidung, "die dann natürlich im Einzelfall in Sachen Hygienekonzept auch von föderalen und lokalen Entscheidungsträgern abgesegnet werden muss. Sporthallen, die Hygienekonzepte nicht einhalten und Anforderungen von Gesundheitsämtern nicht gerecht werden können, sind da natürlich raus." Wer aber diese bundesweite Entscheidung genau trifft, ist aktuell nicht eindeutig. Die Sportschau-Anfrage an das BMI könnte hier Klarheit schaffen.

Große Unklarheit fast überall

Thomas Röhler wirft den Speer.

Bald Krafttraining in der Auffahrt? Thomas Röhler

Der Dormagener Säbelfechter selbst, unter anderem zweifacher Europameister, weiß auch noch nicht, wie seine Trainingssituation ab Montag aussehen wird. Genau wie Speerwurf-Olympiasieger Thomas Röhler: "Im Worst Case sitze ich Montag wieder zu Hause. Aber bei drei Grad draußen frieren mir beim Krafttraining die Hände an der Hantelstange fest."

Auch Handball-Drittligisten haben, um nur ein Beispiel zu nennen, ähnliche Fragen. Bei dem einen Verein leben die Spieler vom Handball, beim anderen spielen sie neben ihrem regulären Job. Kann so eine "Hybrid-Liga" ihren Betrieb aufrechterhalten? Es bleiben viele Fragen offen, die aus sportlicher und wirtschaftlicher Sicht sehr bald geklärt werden müssten.

Stand: 30.10.2020, 12:32

Darstellung: