Sportunterricht in der Schule - wichtig, aber schwierig

Schüler beim Sportunterricht in Göttingen

Einschränkungen durch Corona

Sportunterricht in der Schule - wichtig, aber schwierig

Von Luise Kropff

Bewegung ist für eine gesunde Entwicklung von Kindern und Jugendlichen wichtig. Doch die Corona-Pandemie legt die Bewegungsmöglichkeiten weiterhin lahm. Der aktuelle "Lockdown light" gilt bis zum 10. Januar. Wie es danach weitergeht, ist offen - auch an den Schulen. Die Folgen sind jetzt schon besorgniserregend.

Julien ist Deutsch- und Sportlehrer an einer Gesamtschule in Hagen. Er klingt am Telefon etwas dumpf, trägt eine Maske. "Weil wir weder in die Sporthalle dürfen noch auf den Sportplatz, den wir hier zur Verfügung stehen haben, können wir in Hagen eigentlich gar keinen Sportunterricht machen", erzählt Julien.

Telefonat nach Dortmund. Hier ist Nicole Vertretungslehrerin an einer Grundschule. Unter Kolleginnen und Kollegen tauscht man sich aktuell stärker aus. So erzählt Nicole, dass statt des Schwimmunterrichts auch mal der Spaziergang als Alternative gewählt wurde: "Dann ist man halt um den Phoenix-See gelaufen."

Verordnungen von Land zu Land unterschiedlich

Sportunterricht ist in Zeiten von Corona kompliziert. In NRW ist beispielsweise Sportunterricht erlaubt. Voraussetzung für die Nutzung von Sporthallen "ist eine Belüftung, die einen Luftaustausch ermöglicht und die Aerosolkonzentration in der Sporthallenluft herabsetzt", schreibt das Ministerium für Schule und Bildung des Landes am 30. November.

Klappt die Belüftung nicht, kann man mobile Luftreinigungsfiltergeräte beantragen oder den Schulsport "zeitlich befristet auf theoretische Inhalte konzentriert und in Abhängigkeit von den Altersgruppen und den Witterungsbedingungen auf Bewegungseinheiten im Freien" ausrichten.

Weniger Bewegung: Was bedeutet das für Kinder und Jugendliche?

Für Kinder und Jugendliche werden von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) mindestens 60 Minuten Bewegung pro Tag mit mittlerer bis hoher Intensität empfohlen. Heißt: Schwitzen sollte es schon sein. "Für Kinder ist Bewegung viel wichtiger als für Erwachsene. Sie ist notwendig, um sich überhaupt gesund auf der körperlichen, psychischen und sozialen Ebene entwickeln zu können", erzählt Prof. Dr. Alexander Woll.

Er ist Leiter des Instituts für Sport und Sportwissenschaft am KIT, dem Karlsruher Institut für Sportwissenschaft und forscht seit Jahren über Wirkungen des Sports im Lebenslauf. Auch die kognitive Leistungsfähigkeit steigt durch Bewegung: "Wir wissen, dass die Konzentrationsfähigkeit durch Bewegung gefördert wird. Sie fördert die Qualität in anderen Schulfächern, wie zum Beispiel Deutsch und Mathe. Da geht schon viel verloren."

Langfristige Folgen für Kinder und Jugendliche

Dass Bewegung für Kinder und Jugendliche wichtig ist, unterstreichen auch viele Kinderärzte. Jakob Maske praktiziert in Berlin, ist Sprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte und berichtet, wie die Corona-Pandemie die Handy- und Computer-Generation noch unbeweglicher macht: "Man kann sehen, dass Corona einen sehr starken Einfluss auf die Bewegung der Kinder hat. Kinder bewegen sich noch weniger, als wir uns das eigentlich wünschen würden. Das ist ein bundesweiter Trend."

Erste Studien zeigen, dass während der Pandemie alle Bevölkerungsgruppen weniger Sport treiben. "Wir sehen sehr viele Kinder seit März diesen Jahres erheblich an Gewicht zunehmen, so wie wir es vorher noch nie gesehen haben", heißt es in einer Untersuchung der Universität Gießen. Kinder hätten teilweise massiv zugenommen, erzählt Maske: "Das ist natürlich eine Auswirkung von Homeschooling, nicht stattfindendem Sportunterricht und Vereinssport."

Sozial Schwache Kinder und Jugendliche benachteiligt

Vor allem Kinder aus sozial schwachen Familien würden unter der Corona-Pandemie leiden, erzählt Professor Woll aus Karlsruhe: "Das sind häufig dann auch Menschen, die schon vorher im Bereich der gesundheitlichen Belastung ein Ungleichgewicht haben, also Übergewicht weiter verbreitet ist. Es könnte sein, dass Corona dazu führt, dass Unterschiede, die schon da waren, verstärkt werden. Und deswegen sind gerade die Schulen und die Kindergärten ganz stark gefordert."

In der Corona-Zeit: Alternative Bewegungsideen

Wenn der Vereinssport wegfällt, müssten vor allem an Schulen alternative Bewegungsideen entwickelt werden, erzählt Michael Leyendecker, Vorsitzender der Deutschen Sportjugend: "Die Schulen müssen sich weiter öffnen. Beispielsweise mit digitalen Angeboten oder Bewegungshausaufgaben, damit man trotz vielleicht schließender Turnhallen Bewegung wieder hinbekommen kann. Da hakt es an vielen Stellen. Es reicht ja nicht einfach, irgendwo einen Ball reinzuschmeißen. Schulgebäude, Schulgelände müssen bewegungsfreundlicher kreiert werden. Hier muss aber auch die Politik die nötigen Rahmenbedingungen schaffen."

Der aktuelle "Lockdown light" geht vorerst bis zum 10. Januar. Bund und Länder verlängerten die gegenwärtigen Corona-Auflagen. Somit steht der Schulsport weiter im Fokus, denn er erreicht alle Kinder, aus allen Schichten. Und deswegen will Lehrer Julien aus Hagen auch weiter improvisieren, wenn’s um die Bewegung geht: "Ab und zu gehe ich mal nach draußen mit den Schüler*innen, auf den Spielplatz oder wir machen im Klassenraum ein paar Hampelmänner. So hangele ich mich gerade von Stunden zu Stunde.“

Stand: 03.12.2020, 13:05

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