Athleten Deutschland e.V. will durchschlagskräftiger werden

Die Sportlergewerkschaft "Athleten Deutschland" professionalisiert sich Mittagsmagazin 30.07.2019 02:43 Min. Verfügbar bis 30.07.2020 Das Erste

Neuer Geschäftsführer und Zentrale in Berlin

Athleten Deutschland e.V. will durchschlagskräftiger werden

Von Hajo Seppelt, Anne Armbrecht und Jörg Mebus

Die unabhängige Sportlervertretung Athleten Deutschland e.V. verpasst sich eine professionelle Struktur und will mit dem neuen Geschäftsführer Johannes Herber noch wesentlich durchschlagskräftiger werden.

Das Kistenpacken wird für Johannes Herber in diesen Tagen schon fast zur Routine. Erst war es die persönliche Habe, die er in das neue Heim in Berlin brachte. Bald sollen auch die Kartons für das neue Büro folgen. Den Posten jedenfalls hat er schon: Der 35-Jährige tritt an diesem Donnerstag (01.08.19) als erster hauptamtlicher Geschäftsführer von Athleten Deutschland e.V. an. Nur die Räume mit Schreibtisch muss der Verein noch finden.

Athleten Deutschland e.V. kämpft seit 2017 für die Interessen seiner Spitzensportler. Vor allem will es sie unabhängig vertreten. Bislang geschah das ehrenamtlich. Besonders der Gründungspräsident, Fecht-Europameister Max Hartung, hat mit viel Aufwand den Spagat zwischen erfolgreicher Karriere und Athletenvertretung zu vollführen versucht.

Johannes Herber

Mit Herber im Hauptamt will sich der Verein professioneller aufstellen. Der ehemalige Basketball-Nationalspieler soll die Kontakte in alle Richtungen ausbauen: zum für den Sport zuständigen Innenministerium (BMI) und den Sportverbänden, aber auch in Richtung Öffentlichkeit.

Auch mit Thomas Bach hat sich der Verein angelegt

Das BMI stellt dem Verein dafür jährlich 450.000 Euro Steuergeld aus seinem Sportetat zur Verfügung. Das Geld fließt ohne Umweg. Dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) hat das anfangs nicht gefallen. Er hätte gern den Einfluss auf seine Sportler behalten. Unnötig fand man das Vorhaben vor zwei Jahren, weil auch der Dachverband eine Athletenvertretung eingesetzt hat.

Die Sportler sahen den Bedarf umso mehr, auch für Unabhängigkeit. Mit der direkten Finanzierung können sie ohne Beeinflussung von Funktionären arbeiten. "Es sind die Rechte der Athleten, die wir schützen wollen", sagte Herber dem ARD-Mittagsmagazin. Er spricht von großer Verantwortung und auch von Demut vor der neuen Aufgabe.

Die Spitzensportreform, der Kampf gegen Doping, duale Karriere, Förderung, internationale Vernetzung: All das sind Themenfelder, die die Sportler beackern wollen. Am Ende richten sich alle Erwartungen an sie. Sie sollen Siege und Medaillen liefern. Den Rahmen mitbestimmen durften sie bislang selten. Athleten Deutschland e.V. will genau das ändern. Spitzensportler aus allen möglichen Disziplinen, von Eisschnelllauf über Schießen bis Kanupolo, sind schon beigetreten.

Es geht ums Bewusstsein für ihre Belange. Dabei beschränkt sich der Verein nicht nur auf Deutschland. Auch mit dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) und dessen Präsidenten Thomas Bach haben sich die Sportler schon angelegt – etwa, wenn es um die Präsentation eigener Sponsoren und Beteiligung an den Olympia-Einnahmen ging.

Als Nebenkläger eines Verfahrens vor dem Bundeskartellamt war Athleten Deutschland e.V. maßgeblich daran beteiligt, dass das IOC seine umstrittene Werberegel lockern musste. Zumindest deutsche Athleten dürfen nun während Olympia ihre persönlichen Sponsoren wesentlich ausführlicher präsentieren.

Im Hauptamt wollen die Sportler nun noch mehr erreichen. "Der Sport wird in allen seinen Bereichen professionell gemanagt. Wenn die Athleten dem nichts professionell entgegensetzen, dann wird sich an ihrer Lage nichts ändern", sagt Herber. Eine hauptamtliche Geschäftsführung sei demnach unumgänglich, wolle man die Interessen umfassend und ernsthaft vertreten.

Nur wenn sie viele sind, können sie mitbestimmen             

Herber soll dabei von seiner eigenen Erfahrung profitieren. Der gebürtige Darmstädter spielte als Profi unter anderen für Alba Berlin, Tigers Tübingen und die Frankfurter Skyliners in der Basketball-Bundesliga. Zuletzt arbeitete er als internationaler Athletenvertreter bei der World Player Association in der Schweiz. Im deutschen Basketball hat er die Spielergewerkschaft SPIN mit aufgebaut, der Lobbygruppe fehlte es allerdings an Durchschlagskraft. 

Für Athleten Deutschland e.V., das 72 Bewerbungen für den Geschäftsführerposten erhalten hatte, waren Herbers Vorerfahrungen in Sportlervertretungen ein Hauptargument für seine Einstellung. "Er ist mit anderen von Kabine zu Kabine gefahren und hat in Gesprächen die Leute überzeugt, Mitglied zu werden", sagt Max Hartung.                             

War auch in der Basketball-Nationalmannschaft einer der Wortführer: Johannes Herber (r.) mit Dirk Nowitzki.

War auch in der Basketball-Nationalmannschaft einer der Wortführer: Johannes Herber (r.) mit Dirk Nowitzki.

Das wird für Johannes Herber auch eine der ersten Aufgaben: Er muss sich den Athleten vorstellen und sie von den Ideen des Vereins überzeugen. Nur wenn sie viele sind, können sie mitbestimmen, etwa bei Nominierungskriterien für Wettbewerbe und Marketingvorgaben. "Konkret steht dann natürlich auch die Athletenvereinbarung für Tokio vor der Tür", sagt Hartung. Dort finden im kommenden Jahr die Olympischen Spiele statt.

Zunächst muss der Verein noch die Büroräume finden. Berlin sollte es sein - weil es im Zentrum der Sportpolitik steht und gut erreichbar ist. Die Immobilienlage ist allerdings schwierig. Hartung gibt sich dessen ungeachtet optimistisch. "Ich bin zuversichtlich, dass wir bis zum Herbst ein ordentliches Büro stehen haben." Sportler könnten, wenn sie wollen, dann auch einfach mit ihren Anliegen auf einen Kaffee vorbeischauen.

Stand: 30.07.2019, 09:24

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