Athleten Deutschland - Rotwein reicht nicht mehr

Athletenvereinigung macht Sammelklagen möglich Morgenmagazin 28.10.2019 01:42 Min. Verfügbar bis 28.10.2020 Das Erste

Athleten streben Sammelklagen an

Athleten Deutschland - Rotwein reicht nicht mehr

Von Jörg Mebus, Peter Wozny und Hajo Seppelt

Zwei Jahre nach seiner Gründung ist der eingetragene Verein Athleten Deutschland zur festen sportpolitischen Instanz geworden. Bei der Mitgliederversammlung der unabhängigen Sportlervertretung wurde klar: Die Athleten wollen sich mehr denn je mit den Großen des Business anlegen.

Beim ersten Griff nach den ganz großen Fleischtöpfen hatten sie sich noch eine blutige Nase geholt. Als Vereinspräsident Max Hartung und seine Mitstreiter von Athleten Deutschland e.V. im Frühjahr 2018 öffentlichkeitswirksam ein Viertel der milliardenschweren TV- und Werbe-Einnahmen des Internationalen Olympischen Komitees quasi als Startgeld für Olympiasportler forderten, erhielten sie zwar eine freundliche Einladung von IOC-Boss Thomas Bach in die Zentrale der Macht nach Lausanne – dort aber eine klare Absage.

Geld, so hieß es, bekämen die Hauptdarsteller der Ringe-Events nur mittelbar über Förderungen ihrer nationalen Verbände, auf keinen Fall aber wie gefordert direkt in die eigene Tasche. Seit der Mitgliederversammlung des unabhängigen Vereins in Düsseldorf am Sonntag ist klarer denn je: Die Athleten geben sich mit Bachs Nein nicht zufrieden.

Immer wenn Einnahmen generiert werden und Sportler an den Start gehen, dann muss mit den Sportlerinnen und Sportlern verhandelt werden: darüber, was fair ist und was deren fairer Anteil ist", sagte Hartung im ARD-Gespräch: "Und um diese Interessen durchzusetzen, wird es nicht reichen, irgendwie an einer Bar ein Glas Rotwein zu trinken und zu sagen, wir fänden, dass das eine gute Idee ist. Sondern wir müssen schauen, welche Hebel wir haben, wie wir unsere Interessen auch gegen Widerstand durchsetzen können."

Satzungsänderung Grundlage für Sammelklagen

Ein wichtiger solcher Hebel sollen künftig Sammelklagen im Namen der Athleten auf Grundlage des Verbandsklagerechts sein. Die Voraussetzungen dafür schafften die Mitglieder am Sonntag mit ihrer Zustimmung für eine Änderung der Vereinssatzung. Nun steht einer ersten Sammelklage nur noch ein Eintrag von Athleten Deutschland in die vom Bundesamt für Justiz geführte "Liste qualifizierter Einrichtungen" im Wege. Die formalen Voraussetzungen dafür erfüllt der mittlerweile aus mehr als 500 Spitzensportlern bestehende Verein spielend.

Fecht-Europameister Hartung nannte Events wie Weltmeisterschaften oder Weltcups als mögliche Ansatzpunkte für eine Unterlassungsklage wegen Einschränkung des Wettbewerbs, ausdrücklich aber auch Olympische und Paralympische Spiele.

Vorsitzender der Athletenkommission im DOSB Max Hartung

Vorsitzender der Athletenkommission im DOSB Max Hartung

Ohnehin scheint Olympia ein logisches Ziel. Die Athleten haben als Teilnehmer eines Verfahrens vor dem Bundeskartellamt bereits maßgeblich dazu beigetragen, dass das IOC seine Werbe-Einschränkungen zumindest gegen deutsche Olympiasportler, formuliert in der vielkritisierten "Regel 40" der Olympischen Charta, lockern musste. Während Olympischer Spiele dürfen deutsche Athleten mittlerweile wesentlich intensiver werben, auch mit eigenen Sponsoren, die nicht an das Ringe-Unternehmen zahlen.

"Das Werkzeug hätten wir gerne"

Ich weiß nicht, ob die Lockerung der Regel 40 das Ende der Fahnenstange war“, sagte Johannes Herber vielsagend. Der ehemalige Basketball-Nationalspieler und neue Geschäftsführer von Athleten Deutschland sieht das Vorgehen allerdings "nicht als Drohkulisse", sondern rein pragmatisch: "Es geht nur um den Schutz der Athletenrechte. Das Werkzeug einer Sammelklage hätten wir dafür gerne."

Weitere Ansätze für Sammelklagen sind denkbar. "Wenn die Athleten die Zulassung dafür bekommen, wovon ich ausgehe, dann haben sie die Möglichkeit, Geschäftsbedingungen kontrollieren und abmahnen zu lassen", sagt der Bochumer Sportrechtsexperte Christof Wieschemann. Auch die sogenannten Athletenvereinbarungen, die Vertragswerke zwischen Athleten und Veranstaltern, fielen laut Wieschemann auch unter die allgemeinen Geschäftsbedingungen: "Und auf diesem Feld liegt noch vieles im Argen."

Herber leitet die unabhängige Athletenvertretung, die mit 450.000 Euro aus dem Bundeshaushalt finanziert wird, seit August hauptamtlich von Berlin aus. Und auch wenn er immer noch auf der Suche nach einem geeigneten Vereinssitz in der Hauptstadt ist – es hapert vor allem an den hohen Kosten für eine geeignete, barrierefreie Immobilie –, ist der 36-Jährige längst im sportpolitischen Tagesgeschäft angekommen.

"Athletenrente" kommt

Dass der Athleten-Chef in Berlin vielerorts offene Türen einrennt, liegt vor allem am verbindlichen Auftreten seiner Organisation in den vergangenen zwei Jahren. Dagmar Freitag (SPD), die Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag, überzeugt „die Offenheit der Athleten und auch ihr offensives Vorgehen, ohne aggressiv zu sein“. Man merke den Athleten an: "Es geht ihnen nicht ums Verwalten, sondern um die Sache."

So ist es auch keine Überraschung mehr, dass die Athleten bei ihrem Vorstoß nach einer besseren Altersvorsorge für die deutschen Spitzensportler bei den Bundeshaushältern nicht auf taube Ohren stießen. Die sogenannte Athletenrente soll kommen, in einem ersten Schritt sollen dann ab sofort jährlich bis zu drei Millionen Euro unter den Spitzensportlern verteilt werden. Die letzten Details werden derzeit geklärt, die endgültige Entscheidung fällt am 14. November in der Bereinigungssitzung im Bundestag.

Stand: 28.10.2019, 15:40

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