"Cheerleading ist Leistungssport"

Sarah Mooslechner

Interview mit Cheerleader-Trainerin Sarah Mooslechner

"Cheerleading ist Leistungssport"

Sarah Mooslechner trainiert die Cheerleader des Basketball-Regionalligisten RheinStars Köln. Im Interview spricht sie über die Entscheidung von Alba Berlin, die Cheerleader abzuschaffen, Klischees und Vorurteile gegenüber ihrem Sport.

Alba Berlin verzichtet in Zukunft auf die "Alba Dancers". Wie haben Sie diese Meldung im ersten Moment aufgenommen?

Sarah Mooslechner: Man kennt die Alba Dancers und dann ist das natürlich ein Schock, weil auch nichts darauf hingedeutet hat, dass das überhaupt zur Diskussion steht. Natürlich muss man eine Diskussion über Geschlechtergerechtigkeit begrüßen. Aber wenn das wirklich eine Diskussion über Geschlechtergerechtigkeit ist, frage ich mich aber, ob es dann eigentlich wirklich die richtige Variante ist, auf ein etabliertes Team zu verzichten, das sich einen Namen gemacht und sehr hart daran gearbeitet hat. Ist es gerechtfertigt, sie in dieses Licht zu rücken? Was sagt das über den Verein aus, dass er das so wahrnimmt? Ist die Entscheidung, sein Team abzuschaffen, tatsächlich die einzige Lösung oder hätte hätte man das ganze anders aufbauen können?

Alba Berlin schreibt, man sei "zu der Überzeugung gekommen, dass das Auftreten junger Frauen als attraktive Pausenfüller bei Sportevents nicht mehr in unsere Zeit passt". Wie finden Sie den Ausdruck "attraktive Pausenfüller"?

Mooslechner: Ich finde es sehr schwierig, dass so ein Statement abgegeben wird, weil das am Ende ja diese Frauen genau in diese Richtung zieht. Im medialen Diskurs hat man sofort gemerkt, dass der Vergleich mit Grid Girls etc. kam. Und das finde ich nicht gerechtfertigt für ein Team, das dreimal die Woche hart trainiert hat, um diese Leistung zu zeigen. Cheerleading ist eine Tanzsportart, eine technisch kompositorische Sportart. Das bedeutet der Showaspekt ist Teil dieser Sportart und das muss man auch so anerkennen. Letztendlich sind das mündige Athletinnen und keine attraktiven Pausenfüller. Und wir als Team sehen uns auch in keinster Weise so.

Zur Person

Sarah Mooslechner, 34, ist studierte Sportwissenschaftlerin und seit sechs Jahren Trainerin der United Cheerstars in Köln, die auch die Basketballer des Regionalligisten RheinStars Köln während der Heimspiele unterstützen. Vor Ihrer Tätigkeit als Trainerin war sie selbst als Cheerleaderin aktiv.

Es steht nun aber die Frage im Raum, ob Cheerleading noch zeitgemäß ist.

Mooslechner: Cheerleading ist ein Überbegriff für eine Vielzahl unterschiedlicher Kategorien. Es gibt Cheerleading auf Wettkampfebene. Das ist das, wo Pyramiden gebaut werden, wo gestuntet wird, wo Bodenturnen betrieben wird. Und es gibt das Performance-Cheerleading, was eine Tanzkategorie ist. Dazu gehört auch mein Team. Alba hat einen Sportverein unterstützt. Man könnte das als Sideline-Cheerleading oder den Showaspekt bezeichnen. All diese Varianten gehören zum Cheerleading. Und auf die Frage, ob das zeitgemäß ist, müsste man zurückfragen: Welche Form davon ist eigentlich gemeint? Cheerleading als Sportart ist zu 100 Prozent zeitgemäß. Wir sind seit letztem Jahr im DOSB. Wir haben eine Vor-Anerkennung für die Olympischen Spiele. Wir betreiben genauso Leistungssport wie andere Sportarten. Wir vermitteln die Werte, die der Sport mit sich bringt, wir bilden Personen körperlich aus. Es gibt in meinen Augen eigentlich nichts was zeitgemäßer ist.

Frauenaktivistin Helmig: "Auf den ersten Blick passt das in unsere Zeit" Sportschau 04.10.2019 00:37 Min. Verfügbar bis 04.10.2020 Das Erste

Auf dem Weg zu unserem Gespräch habe ich einen Bekannten auf der Straße getroffen, der mich gefragt hat, wo es hingeht. Als ich ihm gesagt habe, dass ich ein Interview mit einem Cheerleader-Team führe, hat der die Brauen hochgezogen und gesagt: "Da würd ich gerne mitkommen."

Mooslechner: Das Problem ist, es gibt da draußen Vorurteile und Klischees. Auch wir sind mit diesen Klischees konfrontiert. Umso wichtiger ist diese Diskussion, die jetzt entstanden ist. Aber die muss man halt auch gut nutzen, um Cheerleading in eine andere Richtung zu bringen. Wir haben nicht weniger an als Leichtathletinnen oder Beachvolleyballerinnen. Man kann viel mehr darüber diskutieren, welche Art von Frauendarstellung ist generell im Sport adäquat. Es gibt ja auch genug Personen die sich damit beschäftigen. Dadurch, dass wir tanzen und uns bewegen, geht das sehr schnell in diese Richtung, dass man als sexy dargestellt wird. Aber hier wird hart trainiert und das Outfit wird von mündigen Athletinnen, von selbstbestimmten Frauen gewählt. Ich bin gerne bereit zu diskutieren, ob das notwendig oder nicht.

Warum gehören kurze Höschen, knappe Oberteile denn zum Cheerleading dazu? 

Cheerleader: Alba Berlin

Mooslechner: Es gibt durchaus auch sportliche Aspekte, für die ein etwas knapperes Outfit manchmal durchaus auch hilfreich ist. Als Trainerin muss ich den Körper sehen, um meine Sportlerinnen zu verbessern, deswegen sind eng anliegende Outfits wünschenswert. In der Kategorie, in der gestuntet wird, kann es wichtig sein, dass man Haut zu fassen bekommt, weil man auf Klamotten abrutscht und das gefährlich für die Sportler ist. Da gibt es ganz viele verschiedene Dinge, die von der Öffentlichkeit da draußen nicht gewusst werden.

Wie sollte mein Bekannter denn Cheerleading sehen?

Mooslechner: Als Leistungssport. Wir definieren ganz klar, dass wir auf Wettkämpfe gehen. Wir trainieren für diese Wettkämpfe. Wir messen uns um nationale Titel, wir versuchen internationale Qualifikation zu erringen. Wir versuchen besser zu werden und wir sind Leistungssportler. Die Mädchen machen das alle ehrenamtlich. Es ist eine Randsportart, die neben Schule, Studium, Job gemacht wird. Die treffen sich dreimal die Woche, trainieren zwei bis drei Stunden und machen das wirklich mit voller Hingabe. Wir sind nicht weniger Sportler als jeder weibliche Basketballer zum Beispiel, die ich mit genau dem gleichen Respekt und der gleichen Anerkennung betrachte. Deswegen möchte ich einfach, dass das auch als Leistungssport wahrgenommen wird. Das ist für uns wichtig.

"Das sind mündige Athleten" Sportschau 04.10.2019 00:24 Min. Verfügbar bis 04.10.2020 Das Erste

In den USA ist Cheerleading ein riesen Ding. Frauen und Männer, die in vollen Turnhallen zur akrobatischen Hebefiguren ansetzten, beim American Football in einer riesigen Arena stehen. Wie ist das in Deutschland? 

Mooslechner: Ein riesiger Unterschied ist, dass diese Showsparte in Amerika sehr groß ist, aber mit ganz anderen Ausmaßen dieser Diskussion über Geschlechtergerechtigkeit beschäftigt ist. Dort gibt es ja tatsächlich große Probleme, bei denen es um Sexualisierung von Cheerleadern geht. Das haben wir in Deutschland in dieser Größenordnung nicht. Ich kann natürlich nicht für jeden Verein sprechen, aber für meine Mädels, die alle zwei Wochen bei den RheinStars auftreten. Wir sind selbstbestimmt. Wir ziehen an, was wir anziehen wollen. Wir haben niemanden, der uns sagt, ihr müsst diese Musik verwenden. Wir haben niemanden, der sagt, ihr müsst sexier sein, ihr müsst diese Bewegungen anders machen. Wir werden als Sportteam anerkannt und auch als die Experten in unserer Sportart. Da hat man in Amerika eine ganz andere Diskussion am Laufen, weil dort diese Probleme vorherrschen, von "wir wiegen unsere Sportler, weil sie einen gewissen Gewissen Körperbau brauchen", bis hin zur Frage, mit wem dürfen sie sprechen und mit wem nicht. Das liest man zumindest immer.

Fühlen Sie sich manchmal begafft oder haben Sie schlechte Erfahrungen gemacht – etwa blöde Sprüche, eindeutige Angebote bekommen?

Mooslechner: Das gibt es. Aber bei unseren Engagements bei den RheinStars beim Basketball haben wir das meines Erachtens nach noch nie erlebt. Und wenn, dann ist es prozentual extrem gering. Wir haben das eher, wenn wir mal zu einer Firmenfeier kommen, wo es dann Probleme gibt. In meinen Augen ist das aber ein männliches Problem. Es sagt viel mehr über die Männer aus, die das tun, als über uns und unsere Sportart. Ja, diese Probleme haben wir, aber eigentlich nie im Sportkontext, also tatsächlich nie in der Basketball-Halle. Da sind wir Teil dieser Familie und alle wissen, dass wir für dieses Team da sind.

Alba Dancers lösen sich auf

Sportschau 04.10.2019 02:36 Min. Verfügbar bis 04.10.2020 ARD Von WDR-Reporterin Luise Kropff

Warum treten Sie denn dann überhaupt bei Firmenfeiern auf?

Mooslechner: Das hat zwei Aspekte. Man macht im Schnitt im Jahr drei bis fünf Wettkämpfe. Das ist nicht so viel. Aber um sich vor einem Publikum zu präsentieren und eine Show zu zeigen, braucht man Tanzerfahrung und man braucht Publikumserfahrung, man muss selbstsicher sein, man muss Selbstbewusstsein haben. Man muss das üben. Deswegen sind diese Engagements einfach unfassbar wichtig. Ich bekomme hier nicht nur voll erfahrene Tänzerinnen in mein Team, sondern sehr viele Mädchen, die vielleicht mit 16 oder 19 zum ersten Mal in der Halle stehen. Dadurch, dass ich sie alle zwei Wochen zu einem RheinStars-Spiel schicken kann, können sie Tanzerfahrung sammeln. Der zweite Punkt ist, dass sie Tänzerinnen sind. Die haben Spaß aufzutreten und sie wollen das, was sie da tun, auch zeigen, und das nicht nur im Wettkampfkontext. Es geht wirklich nicht darum, sich hinzustellen und schön auszusehen, sondern es geht einfach darum zu tanzen und Leute zu begeistern. Wir begeistern ein Familien-Publikum. Und auch das kann ich halt nicht beim Wettkampf tun. So ausgelassen zu tanzen, das kann ich nur bei den RheinStars oder bei anderen Auftritten. Ein dritter kleiner Aspekt ist vielleicht auch, dass darüber eine kleine Aufwandsentschädigung erarbeitet wird. Das heißt, die Mädels erarbeiten sich durch diese Auftritte auch ein wenig Geld, das sie dann direkt in ihre Wettkampfkasse stecken können.

Das Gespräch führte Luise Kropff

Stand: 04.10.2019, 09:05

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