Sexualisierte Gewalt im Sport: Die Betroffenen im Mittelpunkt

Symbolbild Turnen Kinder

Sexuelle Gewalt im Sport

Sexualisierte Gewalt im Sport: Die Betroffenen im Mittelpunkt

Von Andrea Schültke

In Berlin fand am Dienstag (13.10.2020) die Tagung der Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs statt. Vor eineinhalb Jahren hatte die Kommission Betroffene aus dem Sport aufgerufen, sich zu melden und vertraulich ihre Geschichten zu erzählen. 93 Betroffene waren dem Aufruf gefolgt. Nun standen sie im Mittelpunkt.

Die Fußballerin Nadine hat als Zehnjährige in ihrem Sport schwere sexuelle Gewalt erlebt. Erst 30 Jahre später konnte sie über ihre Geschichte sprechen, unter anderem auch im Interview mit "Sport inside".

Auch Nadine hat sich bei der Aufarbeitungskommission gemeldet und bei der Veranstaltung zum ersten Mal öffentlich darüber gesprochen. "Ich stelle meine Geschichte zur Verfügung – macht was daraus", so ihre Aufforderung, Erkenntnisse zu gewinnen und diese umzusetzen.

Sexueller Missbrauch im Fußball: "Ich war immer die Letzte im Auto" sport inside 21.10.2020 13:56 Min. Verfügbar bis 21.10.2021 WDR

Recht auf Aufarbeitung

Betroffene hätten ein Recht auf Aufarbeitung, erklärte die Kommissionsvorsitzende Sabine Andresen: "Aus unserer Sicht ist es jetzt für den Sport an der Zeit, Verantwortung für Aufarbeitung zu übernehmen und Betroffenen, erwachsenen Betroffenen, Zugänge zu Hilfeleistung und Unterstützung zu verschaffen."

Petra Tzschoppe, Vizepräsidentin des Deutschen Olympischen Sportbundes, DOSB hat sich in Berlin dieser Verantwortung gestellt. Die Berichte der Betroffenen hatten bei ihr Wirkung hinterlassen: "Ich möchte an dieser Stelle, und zwar nicht nur persönlich, sondern im Namen des organisierten Sports, alle Betroffenen, auch diejenigen, von denen wir bisher noch nicht wissen, für das Leid, das ihnen wiederfahren ist, um Entschuldigung bitten."

Erste öffentliche Entschuldigung

Damit ist Petra Tzschoppe die erste Führungsperson in Deutschland, die sich bei Betroffenen öffentlich für im Sport erlittenes Leid entschuldigt.

"Ich habe ihr das geglaubt", sagte die Fußballerin Nadine, die diese Entschuldigung als wichtiges Zeichen wertet. Außer Nadine hatten zwei weitere Betroffene öffentlich gesprochen, die Judoka Marie Dinkel und die frühere Dressurreiterin Gitta Schwarz. Alle drei Frauen wünschen sich unter anderem eine unabhängige Anlaufstelle, an die sich Betroffene aus dem Sport wenden und ihre Gewalterfahrung melden können. Damit Täter früher erkannt und aus dem Sport entfernt werden können.

Außerdem war Vernetzung ein großes Thema. Betroffene im Sport seien Einzelkämpferinnen und Einzelkämpfer. Im Gegensatz etwa zu Initiativen in der Kirche kenne man sich im Sport untereinander nicht. Wer sich äußere, müsse die Folgen und die Last alleine tragen, so Marie Dinkel.

Auch "Athleten Deutschland" will sich engagieren

Durch den ehemaligen Volleyballer Maximilian Klein war auch die Interessenvertretung "Athleten Deutschland" in Berlin vertreten. Der junge Verein setzt sich für die Interessen von Athletinnen und Athleten ein, kämpft etwa für mehr Mitspracherecht und freie Meinungsäußerung im Sport. Wenn mehr und mehr Sporttreibende lernten, ihre Meinung zu sagen, könne es auch leichter werden, über das Thema sexualisierte Gewalt zu sprechen, so Klein. Sein Verein werde sich in Zukunft stärker um das Thema kümmern.

Für den DOSB kündigte Tzschoppe mehr Aufarbeitung an. Unter anderem werde sich die Sportdachorganisation am neu aufgelegten Fonds sexueller Missbrauch beteiligen. Dort können Betroffene Sachleistungen erhalten, wie etwa Therapien. Bis 2016 hatte der Sport 170.000 Euro in den Fonds gezahlt. Das Geld ist längst aufgebraucht. An einer Neuauflage des Fonds will sich der DOSB nun beteiligen, so Tzschoppe.

Stand: 14.10.2020, 10:24

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