Fitness-Boom zu Corona-Zeiten - ein Paradoxon

Ein leerer Fitnessraum - häufiges Bild in Corona-Zeiten

Geschlossene Studios

Fitness-Boom zu Corona-Zeiten - ein Paradoxon

Von Marco Schyns

Fitnessstudios haben geschlossen, YouTuber haben Hochkonjunktur: Die Coronakrise verändert die Art, wie Menschen trainieren - und führt dazu, dass der Markt gleichzeitig völlig überfrachtet und leergefegt ist.

Es war am 15. März, als ich zum bislang letzten Mal im Fitnessstudio war. Es gehörte einfach zum Alltag dazu. Mal nach der Arbeit, mal vor dem Frühstück. Einen Tag später, am 16. März, folgte die Nachricht, die sich bereits abgezeichnet hatte: Auch mein Klub würde im Zuge der Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie schließen müssen - vorerst bis 19. April. Inzwischen ist klar: Die rund 10.000 Fitnessstudios in Deutschland werden frühestens im Mai öffnen - wenn überhaupt.

"Ich persönlich glaube es wird der 1. Juni", sagt Frank Böhme im Gespräch mit der Sportschau. Er ist Inhaber von "Just Fit" und betreibt über 20 Filialen im Rheinland. Böhme weiß: "Im Juni würden wir natürlich von einer Teilöffnung sprechen." Ein vollumfängliches Angebot mit Kursen, Wellness und anderen Dingen, die für viele Mitglieder zum Trainingsalltag gehören, werden Fitnessklubs seiner Meinung nach frühestens im Herbst wieder anbieten können.

Der Markt ist überfrachtet - und gleichzeitig leergefegt

Dennoch: Eine solche Teilöffnung womöglich noch im Sommer ist für viele (Hobby-)sportler sicherlich ein Lichtblick. Auch für mich. Seit Mitte März habe ich mein Trainingsprogramm umgestellt auf ein Home-Workout. Komplett ohne Geräte. Das funktioniert und ist effektiv - und doch fehlt etwas. Auch deshalb versuchen viele andere Hobbysportler derzeit verzweifelt, sich Equipment anzuschaffen - von Kurzhanteln und Kettlebells über Stretchbänder, Faszienrollen bis hin zu Hantelbänken. Dass das nicht nur teuer, sondern auch mitunter kompliziert werden kann, erzählte kürzlich sogar NBA-Profi Daniel Theis im Sportschau-Interview: "Es war gar nicht so leicht, Hanteln zu kaufen, weil auf einmal jeder Hanteln haben wollte."

Daniel Theis von den Boston Celtics im Interview Sportschau 17.04.2020 13:10 Min. Verfügbar bis 17.04.2021 Das Erste

Die Fitnessstudios waren noch gar nicht geschlossen, da explodierten im Online-Handel bereits die Preise für Sportartikel aller Art. Eine Fünf-Kilogramm-Kurzhantel, mit einem üblichen Marktpreis von etwa 15 Euro, kostet momentan in Online-Shops knapp 40 Euro. Für zwei kleine Gummi-Hanteln mit je 1,5 Kilogramm, also kaum schwerer als eine Flasche Wasser, zahlt man fast 20 Euro. Dazu kommen oftmals Lieferzeiten von bis zu sechs Wochen, selbst bei Händlern die in "normalen Zeiten" 24-Stunden-Lieferungen anbieten. Bei eBay-Kleinanzeigen wurden alleine am Wochenende des 18. und 19. April über 250 neue Inserate unter dem Stichwort "Hantelbank" veröffentlicht - mit Preisen von 80 bis über 1.000 Euro.

YouTube-Markt: Influencer, Rapper, Comedians und Moderatoren

Der Markt ist überfrachtet und gleichzeitig leergefegt. Das ist ebenso paradox wie das plötzliche Lechzen nach Sport als unverzichtbarem Begleiter in einem für alle Menschen neuen Alltag. Ausgerechnet in einer Zeit, in der Fitnessstudios geschlossen sind, scheint der Fitness-Hype neue Dimensionen zu erreichen. Der Trend: Selbstoptimierung. Frei nach dem Motto: Wenn nicht jetzt, wann dann? Beim Joggen am Rheinufer begegnet man so vielen Sportlern wie selten zuvor. YouTuber und Influencer der Branche bekommen binnen weniger Wochen Zugriffszahlen, die sie sonst erst über viele Monate erreichen.

Fitness-Influencerin Pamela Reif hat über 2 Mio. YouTube-Abonennten

Fitness-Influencerin Pamela Reif hat über 2 Mio. YouTube-Abonennten

Pamela Reif ist Deutschlands erfolgreichste Fitness-Influencerin (5,2 Millionen Instagram-Follower und 2,6 Millionen YouTube-Abonnenten). Fast drei Millionen Mal wurde ihr Video "15 Minutes Dance Cardio Workout" bei YouTube binnen einer Woche angeklickt. 13 ihrer insgesamt 38 Videos wurden in den vergangenen vier Wochen hochgeladen. Das "Quarantäne Workout" von Rapper Kontra K haben sich inzwischen knapp 600.000 Menschen angesehen. Comedian und Podcast-Host Felix Lobrecht startete im März kurzerhand den YouTube-Channel "Shutdown Fitness", TV-Moderator Daniel Aminati bietet Instagram-Live-Workouts an. Besonders hier gilt: Der Markt ist überfrachtet.

Mehrere Tausend freiberufliche Personal-Trainer

Das kann vor allem für Fitness-Einsteiger zum Problem werden. Denn während Anmeldungen in Studios in der Regel mit Grundeinweisungen und Personal Trainings einhergehen, gilt es nun zwischen Tausenden, meist kostenlosen, Angeboten zu unterscheiden – die oftmals gar keine sportwissenschaftliche Basis haben. Statt eines zufriedenstellenden Muskelkaters bleibt der Trainingseffekt dann oftmals aus - oder falsch ausgeführte Übungen führen im schlimmsten Fall zu Verletzungen.

Um das zu vermeiden, gibt es in Deutschland mehrere Tausend Personal Trainer, oftmals mit eigenen, kleinen Studios. Die meisten sind Freiberufler und damit wirtschaftlich hart getroffen von der Coronakrise. Dabei wären die geforderten Abstandsregelungen und Hygiene-Maßnahmen vor allem in kleinen Betrieben ohne ein- und ausgehendes Publikum leicht umzusetzen. Darauf setzt auch Frank Böhme, obwohl in dessen Studios vor allem am frühen Abend normalerweise reger Betrieb herrscht. "Wir haben bereits zehntausend Masken bestellt, Desinfektionsmittel sind vorhanden, Geräte, die zu nah beieinander stehen, können gesperrt werden – das ist alles ist in kurzer Zeit umsetzbar", sagt er.

Ansturm auf die Studios? "Darüber diskutiert die Branche“

Dass die Sportbegeisterung in der Krise dazu führt, dass sich die Publikumsfrequenz nach Wiedereröffnung sogar noch erhöht, daran glaubt Böhme nicht. "Die Branche diskutiert darüber, weil zum einen viele Menschen, auch durch YouTube, rangeführt werden, und zum anderen das Bewusstsein in der Bevölkerung gewachsen ist, durch Sport das eigene Immunsystem zu stärken. Aber: Keiner in der Branche glaubt, dass Menschen in derart unsicheren Zeiten langfristige Verträge abschließen werden." Die Lösung könnte in monatlich kündbaren Mitgliedschaften liegen. Netflix als Vorbild für Fitnessstudios.

Breitensport zu Corona-Zeiten Sportschau 17.04.2020 02:36 Min. Verfügbar bis 17.04.2021 Das Erste

Mein eigener Vertrag läuft noch einige Zeit. An eine Kündigung habe ich in den letzten Wochen nicht gedacht, stattdessen wird der Mitgliedsbeitrag weiter monatlich abgebucht. Dafür gab es einen Zugang zu einem Online-Trainingstool und das Versprechen: Die Zeit, in der der Klub zwangsläufig geschlossen ist, kommt kostenlos auf die Vertragszeit drauf. Eine faire Lösung, ohne die viele Klubs aktuell wohl gar nicht überleben würden. Denn die wirtschaftlichen Folgen der Coronakrise treffen Fitnessstudios ebenso hart wie den Einzelhandel und die Gastronomie. Böhme ist sich sicher: "Wenn wir auch im Sommer nicht öffnen dürfen, dann haben wir im Herbst einen neuen Markt. Dann werden vermutlich 70 Prozent aller Studios nicht mehr da sein."

Der Tag wird kommen, an dem auch ich wieder ins Fitnessstudio gehe. Ich sehne ihn herbei, wenngleich mir bewusst ist, dass das verständlicherweise noch dauern kann. Hantelbänke sind bis dahin sicherlich mit Gold gleichzusetzen. Und Fitness-YouTuber so bekannt wie Fußballstars.

Vielleicht.

Stand: 21.04.2020, 08:30

Darstellung: