Palastrevolution im deutschen Sport?

DOSB-Präsident Alfons Hörmann

Möglicher Gegenkandidat im Rennen um Spitzenamt

Palastrevolution im deutschen Sport?

Von Grit Hartmann, Hajo Seppelt und Jörg Winterfeldt

DOSB-Präsident Alfons Hörmann muss mit Gegenwind rechnen, wenn er Anfang Dezember zur Wiederwahl antritt. Nach Informationen der ARD-Dopingredaktion erwägt Thomas Weikert, der Präsident des Tischtennis-Weltverbandes, eine Gegenkandidatur.

Im deutschen Sport gärt es rund zwei Monate vor der DOSB-Mitgliederversammlung. Wie die ARD-Dopingredaktion erfuhr, hat sich der Unmut gegenüber der Führung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) derart angestaut, dass seit Wochen an einer Palastrevolution gefeilt, nach einer Alternative zu dem seit langem angeschlagenen Präsidenten Hörmann gesucht wird. Weikert, als Chef des Tischtennis-Weltverbandes (ITTF) einer der wenigen auch international profilierten deutschen Sportfunktionäre, ist offenbar der Wunschkandidat vieler. Ob er tatsächlich antritt, steht allerdings "noch nicht ganz fest", sagt einer, der Weikert unterstützen würde - aber, wie viele seiner Kollegen, noch nicht aus der Deckung will.

Hörmann hofft auf einstimmiges Votum der Spitzenverbände

Dabei klang noch am Freitagabend (28.09.2018) alles nach Business as usual. Da verkündete der DOSB via Pressemitteilung: Hörmann wird sich erneut zur Wahl stellen, wenn der Sport-Dachverband Anfang Dezember an den Düsseldorfer Rheinterrassen sein Spitzenamt vergibt. Vorausgegangen war eine Konferenz der Landessportbünde mit "einstimmigem Votum" für Hörmanns Kandidatur.

Gegner von DOSB-Präsident Hörmann positionieren sich - Eine Einschätzung von Hajo Seppelt Sportschau 29.09.2018 02:16 Min. Verfügbar bis 29.09.2019 Das Erste

Hörmann bedankte sich artig für das "beeindruckende Vertrauen", sprach von einer "wertvollen Ausgangslage" und lobte sich selbst: "Sportdeutschland" sei in seiner Amtszeit "in seiner ganzen Breite weiterentwickelt und damit wichtige gesellschaftliche Impulse gesetzt" worden. "Dabei haben wir wertvolle interne und externe Veränderungsprozesse eingeleitet. Insbesondere die Leistungssportreform war, ist und bleibt neben vielen anderen eines der großen Projekte des deutschen Sports." Nun erhoffe er sich, erklärt Hörmann, "ähnliche Unterstützung" und "gemeinsame Positionierung" von den Spitzenverbänden, die am Dienstag tagen.

Das klang, wie gesagt, nach dem üblichen Verfahren: Für gewöhnlich pflegen Wahlkongresse im deutschen Sport höchst unspektakulär abzulaufen. Hinter den Kulissen wird vorher so lange gekungelt, bis nur ein Kandidat zur Wahl antritt. So rutschte auch Hörmann 2013 ins Amt. Zwar war der Skiverbands-Präsident nicht einmal allen Kollegen ein Begriff - doch als Thomas Bach zum Chef des Internationalen Olympischen Komitees gewählt wurde und sich damit seinen Lebenstraum erfüllte, setzte er dem Sport noch rasch den Allgäuer Geschäftsmann als Nachfolger an der DOSB-Spitze vor.

Bei Amtsantritt im Visier des Kartellamts

Ganz so gut, wie Hörmann es auch jetzt wieder darstellt, lief es seither nicht für den DOSB und auch nicht für ihn persönlich: Schon bei seinem Amtsantritt war er charakterlich umstritten, weil ein Kartellamtsverfahren aus seiner Zeit als Boss eines Dachziegelherstellers gegen ihn lief (das er später mit einer Bußgeldzahlung beendete). Dass ausgerechnet ein Mann, der verbotene Preisabsprachen zum Nachteil vieler Hausbauer getroffen haben soll, den Grundwert des Fairplay an der Spitze des Sports glaubwürdig vertreten könnte, schien schon damals vielen Skeptikern schwer vorstellbar.

Alfons Hörmann (l.) mit IOC-Präsident Thomas Bach

Alfons Hörmann (l.) mit IOC-Präsident Thomas Bach

Inzwischen fiel Hörmann mit fragwürdigen Auftritten (etwa rund um die am Bürgervotum gescheiterte Hamburger Olympiabewerbung, wo er auf die Politik schimpfte) und kreativen Wirklichkeitsdeutungen auf: So behauptete er bei Olympia in Rio 2016 öffentlich, der deutsche Sport sei mit der IOC-Linie zur Zulassung des dopingbelasteten russischen Sports einverstanden. Hinterher stellte sich heraus, dass dergleichen mit den Verbänden nie diskutiert worden war. Einige Verbandsfürsten widersprachen Hörmann ganz offen.

Das aktuelle Großprojekt, die mit viel PR angekündigte Reform des Spitzensports, kommt in Wahrheit nur stockend voran. In wichtigen Punkten - Reduzierung der Kaderzahlen, der Bundes- und Olympiastützpunkte - herrscht nach wie vor keine Klarheit. Auch die so genannte Potenzialanalyse (POtAS) zur Bewertung künftiger Erfolgsaussichten lässt bei den Sommersportverbänden auf sich warten. An die Umsetzung der Reform allerdings knüpft das Bundesinnenministerium als Hauptgeldgeber die Höhe der Fördermittel für den Spitzensport.

Verbände führen die Opposition an

Und Hörmanns Amtsführung? Die ist bestenfalls als unglücklich zu bezeichnen. Mit Hörmann könne man nicht über Sachfragen streiten, heißt es, Kritik werte er als persönlichen Angriff. Und tatsächlich hat der Bayer mit seiner unwirschen Art jede öffentliche Debatte weitgehend aus dem DOSB verbannt; Einstimmigkeit ist unter ihm so etwas wie eine Pflichtübung.

Davon haben nun offenbar viele die Nase voll. Weshalb es vor der Präsidentenwahl weit weniger harmonisch zugeht, als es das Votum der Landessportbünde für Hörmann ahnen lässt. Hört man sich um, handelt es sich um eine starke Opposition gegen Hörmann. Angeführt wird sie von Vertretern der Spitzenverbände - die bei der Präsidentenwahl die Stimmenmehrheit auf sich vereinen. Pikant angesichts der einstimmigen Pro-Hörmann-Akklamation vom Freitag: Auch einige Landessportbünde sollen mit im Boot sein.

Mehrere Gegenkandidaten wurden gehandelt

Zu den gehandelten Gegenkandidaten zählte nach Informationen der ARD-Dopingredaktion etwa der frühere Chef des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, Clemens Prokop, im Hauptberuf Direktor des Amtsgerichts Regensburg, der allerdings aus beruflichen Gründen abgewunken hat. Auch andere aus dem Kreis der Verbandspräsidenten und selbst Personen außerhalb des organisierten Spitzensports wie etwa der frühere Weltklasse-Schwimmer Michael Groß sollen in Erwägung gezogen worden sein.

Allerdings heißt der eindeutige Favorit Thomas Weikert - Jurist aus dem hessischen Limburg. Er selbst möchte sich noch nicht zum DOSB und der ihm angetragenen Kandidatur äußern. Vertraute sagen, dass er den Tischtennis-Weltverband nicht verlassen werde, an dessen Spitze er erst im Frühjahr 2017 in einer Kampfabstimmung gewählt wurde, auch, weil er seine Unterstützer dort nicht "hängen lassen" wolle. Weikert wolle erst sicher gehen, dass er beide Ämter vollständig ausfüllen könne.

Thomas Weikert, Präsident des Tischtennis-Weltverbands ITTF

Thomas Weikert, Präsident des Tischtennis-Weltverbands ITTF

Wie die ARD-Dopingredaktion aus sicherer Quelle erfuhr, soll er aber ernsthaft darüber nachdenken, gegen Hörmann anzutreten. Mit dem 56-Jährigen würde nicht nur ein teamorientierter Führungsstil im DOSB Einzug halten, sondern auch ein neuer Stil des Diskurses. Der Fachanwalt für Familienrecht und Sportrechtsexperte, lange auch an der Spitze des deutschen Tischtennis, gilt als nahbarer und aufgeschlossener Zeitgenosse. Er steht für eine offenere und verbindlichere Führung - anders als der oft polternde Hörmann.

Enttäuschung über geringes Plus bei Sportförderung

Bei der Konferenz der Spitzenverbände am Dienstag wird Hörmann also wohl kaum die erhoffte große Unterstützung bekommen. Laut der Tagesordnung, die der ARD-Dopingredaktion vorliegt, sind "Vertreter des DOSB" erst zugelassen, nachdem "Internes" ausgiebig diskutiert worden ist. Mit Hörmann geht es dann unter anderem um die Spitzensportreform.

Dort wird mit Sicherheit über den neuen Haushaltsentwurf der Bundesregierung gesprochen werden: Mit nur 10 Millionen Euro Aufschlag im BMI-Etat für 2019 stellt er eine herbe Enttäuschung dar. Selbst wenn er in den parlamentarischen Beratungen noch aufgestockt wird, so ist doch die Distanz zu den Forderungen des DOSB (über 70 Millionen Euro) bemerkenswert. Im Sport führt man das auch auf anhaltende Spannungen zwischen der DOSB-Spitze um Hörmann und der Sportabteilung des BMI zurück. Dort versetzte Hörmanns CSU-Parteifreund, Innen- und Sportminister Horst Seehofer, erst in diesem Frühjahr den bei den Verbänden fachlich geschätzten Abteilungsleiter in den Ruhestand - weil der mit Hörmann im Clinch lag.

Indes ist das Verhältnis mit der neuen Abteilungsleiterin kaum besser: Hörmann und sein Stab hätten mehrfach, wie es heißt, "plumpe Mogelpackungen" vorgelegt, um finanziellen Mehrbedarf des Sports zu begründen. "Dieser Stillstand muss endlich aufhören", sagen die, die einen Wechsel an der DOSB-Spitze befürworten.

Athleten kritisieren Stillstand unter Hörmann

Und die, bei denen das Geld am Ende ankommen soll in Gestalt verbesserter Rahmenbedingungen - die Athleten? Die hätte Hörmann abseits von Medaillenzeremonien wohl gern als willfährige Nebenfiguren. Dem 2017 gegründeten unabhängigen "Athleten Deutschland e.V." legte er jedenfalls einige Steine in den Weg  - so musste eine Anschubfinanzierung für den Verein gegen den Willen des DOSB in den Bundeshaushalt geschrieben werden.

Gerade erst beklagte Athletenvertreterin Silke Kassner im Bundestags-Sportausschuss mangelnde Einbeziehung in die Reform. Von der ARD-Dopingredaktion zur anstehenden Präsidentenwahl im DOSB befragt, formuliert sie indirekt: "Alfons Hörmann hat sich verantwortlich erklärt für den Erfolg der Spitzensportreform. Wir Athleten ziehen nach vier Jahren das Resümee, dass sich für uns nichts zum Positiven verändert hat." Dann fügt sie süffisant hinzu: "Wir freuen uns, wenn wir demokratische Wahlen haben im Sport - mit Alternativen." So halte man das in der Athletenkommission "ja schon lange".

Kommt es also zur Palastrevolution im DOSB? Oder ist es wie schon oft im deutschen Sport: Die Kritiker zeigen sich in Vier-Augen-Gesprächen, am Telefon oder auf Wandelgängen am Rande von Veranstaltungen, verlieren am Ende aber die Courage? Am Dienstag, nach dem Treffen der Spitzenverbände, wird man mehr wissen.

Stand: 29.09.2018, 14:42

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