DFB-Mitarbeiter sorgen für Unverständnis im Sportausschuss

Die Bayern-Fans zeigen beim Bundesliga-Spiel gegen die TSG 1899 Hoffenheim Plakate gegen Dietmar Hopp

Debatte über Reaktionen auf Rassismus und Diskriminierung

DFB-Mitarbeiter sorgen für Unverständnis im Sportausschuss

Von Matthias Wolf

In der Anhörung im Sportausschuss des Deutschen Bundestages zum Thema "Rechtsextremismus im Fußball" lösten die Wortmeldungen der DFB-Mitarbeiter Kritik aus. Und Fragen der Journalisten wollten sie hinterher auch nicht beantworten.

Am Ende lösten die Vertreter des Deutschen Fußball-Bundes bei den wartenden Journalisten vor dem Anhörungssaal 3.101 Kopfschütteln und Verwunderung aus. Fragen? Die dürfe man nicht stellen.

Wenn, dann möge man diese doch bitte per E-Mail an die Pressestelle des DFB senden, sagten Claudia Krobitzsch, Diversity-Managerin des DFB, und Sebastian Schmidt, Referent gesellschaftliche Verantwortung: "Die Anhörung war ja öffentlich." Soll heißen: Das muss dann mal reichen an Stellungnahmen.

Drei-Stufen-Plan eigentlich für Rassismus und Diskriminierung

In der Anhörung im Sportausschuss des Deutschen Bundestages am Mittwoch (04.03.2020) zum Thema "Rechtsextremismus im Fußball" lösten die Wortmeldungen der DFB-Mitarbeiter bereits zuvor Kritik aus. Vor allem, als Krobitzsch sagte, der derzeitig viel diskutierte und zuletzt praktizierte Drei-Stufen-Plan vor einem Spielabbruch sei "als Regelung" ursprünglich eigentlich "konzipiert für Rassismus und Diskriminierung im Stadion".

Claudia Krobitzsch: „Regelung ist nicht für persönliche Beleidigungen" Sportschau 04.03.2020 01:26 Min. Verfügbar bis 04.03.2021 Das Erste

Doch warum sei denn "bei rassistischen Übergriffen" wie den Anfeindungen gegen Jordan Torunarigha (Hertha BSC) beim DFB-Pokalspiel auf Schalke vor wenigen Wochen die Regel nicht zur Anwendung gekommen, fragte André Hahn (Die Linke), "aber bei Herrn Hopp wird es gemacht?" Er sprach damit die Unterbrechungen mehrerer Partien nach plakativen Beleidigungen gegenüber Hoffenheims Mäzen Dietmar Hopp an.

Einiges falsch gelaufen

Krobitzsch räumte ein, dass da in der Tat einiges falsch gelaufen sei und man das nicht konsequent genug umgesetzt habe: "Da war nicht genügend Sensibilisierung vorhanden." Im Gegenzug habe es wohl im Fall Hopp "eine Übersensibilisierung" gegeben: "Wir sind in einem Aushandlungsprozess, dass das klargerückt und entsprechend kommuniziert wird - und diese Regelung wirklich für diese schwerwiegenden Fälle von Rassismus und Diskriminierung angewendet wird." Man sei bereits dabei, alle Beteiligten besser zu schulen.

Doch im Sportausschuss wurden vereinzelt Zweifel laut, "ob denn das Thema wirklich bei den Klubs und den Verbänden angekommen ist", so Fritz Güntzler (CDU, der beklagte, es werde "jetzt der Eindruck erweckt, wenn es gegen einen Milliardär geht, der eine wichtige Stellung bei einer Bundesligamannschaft hat, dass dort mit anderen Maßstäben gemessen wird als wenn man rassistische Sprüche klopft, wenn man wirklich auch antisemitische Positionen vertritt, da ist bislang nichts bis wenig passiert", so Güntzler zu sportschau.de: "Wenn dann die Aussage kommt 'Wir waren vielleicht nicht sensibilisiert genug und wir müssen das jetzt irgendwie ändern', ist mir das persönlich zu wenig. Es wäre ein fatales Zeichen, wenn man nur durchgreift, wenn es sich um einen Fußballfunktionär oder einen sehr reichen Mann handelt, der wichtig für die Bundesliga ist."

Reaktionen auf die Sportausschuss-Sitzung zum Thema Rechtsextremismus in Deutschland Sportschau 05.03.2020 02:53 Min. Verfügbar bis 05.03.2021 Das Erste

Klare Kante erwünscht

Güntzler sagte weiter in Richtung von Bayern Münchens Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge und anderen, die sich in der Causa Hopp deutlich für die harte Bestrafung von Fans positioniert hatten: "Ich wünschte mir auch, ich hätte eine so klare Kante von Funktionären zum Thema Rechtsextremismus und Rassismus im Fußball erlebt – wie jetzt für Herrn Hopp."

Güntzler, selbst Schiedsrichter im Amateurbereich, beklagte auch eine Überforderung der Sportgerichte bei den Landesverbänden. Diese würden teilweise absurde Urteile zum Nachteil von Rassismus-Opfern fällen – und damit falsche Signale senden. Das Problem sei bekannt, man werde auch versuchen, die Sportrichter besser zu schulen, versicherte Krobitzsch.

Hass und Gewalt im Fußball - Wie Neonazis Vereine unterwandern sport inside 26.02.2020 29:38 Min. Verfügbar bis 26.02.2021 WDR Von Matthias Wolf

Vorwurf: DFB setzt falsche Maßstäbe

Um sich kurz darauf von Cansel Kiziltepe (SPD) anhören zu müssen: "Warum gibt es bei rassistischen Beleidigungen keine Kollektivstrafen?" So wie ebenfalls im Fall Hopp gegen die Dortmund Fans. Immer wieder der Vorwurf: Der DFB setze falsche Maßstäbe und habe zu wenig Problembewusstsein. Die Geldstrafe von 50.000 Euro gegen den FC Schalke durch das DFB-Sportgericht im Fall Torunarigha hält zum Beispiel SPD-Parteigenosse Mahmut Özdemir für keine geeignete Strafe: "Was ist hier mit dem Opferschutz?"

Selbstreinigung in den Fanblöcken?

Man wolle auch hier mehr tun, betonten die DFB-Vertreter erneut, und blieben wieder einmal recht vage. Neue Anlaufstellen für Diskriminierung bei den Landesverbänden sollen künftig Abhilfe schaffen, vor allem jedoch seien die Fans "eine bedeutende Ressource im Kampf gegen Rechtsextremismus", so Sebastian Schmidt. Man setze auf Selbstreinigung in den Fanblöcken und auch weiterhin auf Workshops zum Thema. Das klang bisweilen arg blauäugig und zu beschwichtigend in den Ohren der Zuhörer im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus des Bundestages.

Wenig Selbstkritik

Momente von Selbstkritik waren selten, ebenso Fragen der Politiker, die die DFB-Vertreter in Erklärungsnöte brachten. Viele Mitglieder des Sportausschusses schienen nur oberflächlich informiert – oder freuten sich wie die AfD (Jörn König: "Wir haben das Problem größer eingeschätzt") über Zahlen, die das Problem nach Ansicht von André Hahn aber eher verharmlosen würden. "Meine Wahrnehmung ist eine andere als sie hier zum Teil dargestellt worden ist. Ich sehe schon ein anwachsendes Problem, wenn ich in Stadien bin und gucke mir Plakate an, die eindeutig rechtsextremistische Tendenzen haben", so Hahn.

Die ihn irritierenden Zahlen lieferte die Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) der Polizei. Laut ZIS-Leiter Torsten Juds seien in der Saison 2018/19 nur 240 Personen - und damit ein geringer Prozentsatz aller Erfassten - in der Datei "Gewalttäter Sport" rechtsmotiviert. Man könne keine Steigerungen sehen. Juds Ausführungen wirkten, als bestünde wenig Anlass zur Sorge.

Vernetzung der rechtsextremen Kampfsportszene mit den Hooligans

Andere Sachverständige erweckten da einen anderen Eindruck. So auch der zuständige Referatsleiter des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Stephan Lorentz: "Uns sind eine ganze Reihe von Hooligan-Gruppierungen bekannt, die rechtsextremistisch sind oder von rechtsextremen Personen geprägt werden." Da sei durchaus in nicht unerheblicher Weise "Gefährdungs- und Mobilisierungspotenzial vorhanden". Fanforscher Robert Claus sprach von der engen Vernetzung der rechtsextremen Kampfsportszene mit den Fußball-Hooligans.

Er referierte über Geld und Einfluss der Szene auf die Vereine, vor allem zuletzt deutlich geworden in Cottbus und Chemnitz, bei der Trauerfeier für den stadtbekannten Neonazi Thomas Haller oder auch beim Aufruf zu den Krawallen im August 2018, bei der eine rechtsradikale Fangruppierung des Chemnitzer FC führend war. "Eine demokratische Gesellschaft kann hier nicht weiter zuschauen", appellierte Claus an die Abgeordneten und forderte mehr Präventionsarbeit, auch außerhalb des Deutschen Olympischen Sportbundes.

"Die Rechten werden sich die Bühne nicht nehmen lassen"

Dass sie sich in ihrem Kampf gegen Rechtsradikale in den Kurven noch mehr Unterstützung aus der Politik wünschen würden, formulierten auch die Vertreter zweier Fanprojekte: Marek Lange (Dynamo Dresden) und Thilo Danielsmeyer aus Dortmund, der offen zugab, dass bei der Borussia "eine kleine, aber sehr gut organisierte rechtsextreme Szene den Fußball als Bühne nutzt. Und die Rechten werden sich diese Bühne nicht so einfach nehmen lassen".

Hass und Gewalt im Fußball - Wie Neonazis Vereine unterwandern sport inside 26.02.2020 29:38 Min. Verfügbar bis 26.02.2021 WDR Von Matthias Wolf

Stand: 04.03.2020, 19:43

Darstellung: