Zehn Geschichten hinter den Fäusten von Mexico City

Protest für die Rechte der Schwarzen bei den Olympischen Spielen

Zehn Geschichten hinter den Fäusten von Mexico City

Von Florian Riesewieck

Am 16. Oktober 1968 recken 200-Meter-Olympiasieger Tommie Smith und Bronze-Medaillen-Gewinner John Carlos bei der Siegerehrung in Mexico City ihre Fäuste in die Höhe, um für die Rechte Schwarzer zu demonstrieren. 50 Jahre später gilt dieser Moment als eine der bedeutendsten sportpolitischen Gesten aller Zeiten - mit vielen Geschichten.

01. Das Olympische Projekt für Menschenrechte

Dass Smith und Carlos während der Siegerehrung protestierten, war keine spontane Überlegung. Sie waren Mitglieder des "Olympic Project for Human Rights", das im Herbst 1967 gegründet wurde. Kopf des Projekts war der Soziologie-Professor Dr. Harry Edwards, der an derselben Uni lehrte, an der Smith und Carlos studierten: der San José State University. Es war eine Zeit des Rassismus und der Rassentrennung in den USA. In den Südstaaten etwa durften sie nicht dieselben Geschäfte betreten wie Weiße. Mit der Bürgerrechtsbewegung, angeführt von Martin Luther King, gingen Schwarze dagegen auf die Straßen. Und auch das "Olympische Projekt für Menschenrechte" wollte etwas bewegen.

02. Der Boykott der Spiele als Option

Vor den Spielen von Mexico City stand sogar ein Boykott im Raum. Smith und Carlos sollen Anhänger dieser Idee gewesen sein. Zu schwer wogen nicht nur die Rassismus-Probleme in den USA, sondern auch im weltweiten Sport. So überlegte das IOC, das Apartheid-Land Südafrika zu den Spielen zuzulassen. Eine Entscheidung, die wohl auch der drohende Boykott der schwarzen US-amerikanischen Sportler und mehrerer afrikanischer Länder zu verhindern wussten. Smith, Carlos und Co. entschieden sich schließlich dafür, an den Spielen teilzunehmen - und zu individuellen Aktionen.

03. Wie das IOC darauf reagierte

Nicht erst heute, wenn vor Spielen wie in Peking (2008) oder Sotschi (2014) Diskussionen um Menschenrechte geführt werden, beschwört das IOC sein Mantra, politischer Protest habe im Sport nichts zu suchen. Auch 1968 stellte es sich von Beginn an gegen Proteste. Der damalige IOC-Präsident Avery Brundage war selbst eine hoch umstrittene Figur. Der amerikanische Bauunternehmer soll Adolf Hitler bei den Spielen von Berlin 1936 unterstützt haben. Womöglich als Dank erhielt er zwei Jahre später den millionenschweren Auftrag, die deutsche Botschaft in Washington zu bauen. Vor den Spielen von Mexico City versuchte das IOC nun, mehr oder weniger sanften Druck auszuüben. "Kein Sportler wird so dumm sein, während der Spiele zu demonstrieren“, sagte Brundage.

04. Der Rauswurf aus dem olympischen Dorf

Nach den Protesten ernteten Tommie Smith und John Carlos harte Reaktionen. Das IOC ließ die beiden aus dem olympischen Dorf werfen. In der Heimat überschlug sich die Presse mit Kritik. Der Kommentator des Chicago American, Brent Musburger, bezeichnete sie gar als "black-skinned storm trooper“, ein Ausdruck für SA-Männer. Carlos und Smith berichten später beide davon, sie und ihre Familien hätten Morddrohungen erhalten. 1968 sind sie 23 und 24 Jahre alt. Trotzdem werden sie nie wieder für Olympische Spiele nominiert.

05. Der dritte Mann auf dem Podest

Ist vom Protest von 1968 die Rede, erscheinen die Bilder von Smith, Carlos und ihren von schwarzen Handschuhen ummantelten Fäusten vor dem geistigen Auge. Weniger bekannt ist die Geschichte des dritten Mannes auf dem Podest. Als der Silbermedaillen-Gewinner Peter Norman mitbekam, dass Smith und Carlos die Siegerehrung für ihren Protest nutzen wollen, versprach er, sie zu unterstützen. So kam es dazu, dass er einen Button des Olympischen Projekts für Menschenrechte an der Brust trug. Auch Norman erfuhr im Nachhinein, wie unerwünscht politischer Protest im Sport ist. Auch er wurde vom australischen Team nie wieder für Olympische Spiele nominiert. Für 1972 in München knackte er zwar mehrfach die Norm. Sein Land aber zog es vor, in seiner Disziplin ohne Teilnehmer zu starten.

06. Eine lebenslange Freundschaft

Smith und Carlos verband mit Norman seit dem Moment auf dem Siegerpodest eine enge Freundschaft. Als an der San José State University 2005 eine Statue mit dem Siegerpodest und den beiden Fäusten von Carlos und Smith errichtet wurde, beschwerte sich Carlos nach eigener Aussage persönlich an der Uni, warum nicht auch Normans Figur Teil der Statue sei. Als Norman 2006 starb, flogen Smith und Carlos nach Australien. Bei der Beisetzung trugen die beiden US-Amerikaner seinen Sarg.

07. Die Proteste von heute

Politischer Protest im Sport ist aus vielen Gründen selten. Im Jahr 2016 aber stand wieder ein amerikanischer Sportler gegen die Ungleichbehandlung Schwarzer auf. Beziehungsweise er blieb sitzen. Damit wollte Colin Kaepernick, Quarterback der San Francisco 49ers, bei der Nationalhymne vor dem Spiel ein Zeichen setzen. Wie Smith und Carlos rund 50 Jahre zuvor. Ein Unterschied: Hunderte Sportler folgten Kaepernick. Bis heute demonstrieren Sportler in den USA während der Nationalhymne. Dabei ist immer wieder auch die erhobene Faust von 1968 zu sehen.

08. Derselbe Mentor

Das Olympische Projekt für Menschenrechte existiert heute offiziell nicht mehr. Aber: Dessen damaliger Kopf, der Smith und Carlos zu ihrem Protest inspirierte, hat auch mit den heutigen Protesten etwas zu tun. Dr. Harry Edwards, (inzwischen emeritierter) Soziologie-Professor der San José State University, beriet auch Kaepernick - und ermunterte ihn zum Protest.

09. Dieselben Diskussionen

50 Jahre sind seit 1968 vergangen. Die Diskussionen um die Proteste damals und heute aber ähneln sehr. Während die eine Hälfte Amerikas Kaepernick als Helden sieht, bezeichnet ihn die andere als Verräter. Auch Kaepernick erhielt nach eigener Auskunft Morddrohungen, auch er findet seit dem Protest keinen Job. Weil er eine Absprache der NFL-Teams sieht, ihn wegen seiner Proteste nicht zu verpflichten, hat er vergangenes Jahr eine Klage gegen die Liga eingereicht. John Carlos sieht Kaepernick als Verbündeten an. "Wir sitzen im selben Boot“, so Carlos heute.

10. Wie es zu den Protesten von 1968 beinahe nicht kam

Beinahe wäre es durch eine Unachtsamkeit 1968 gar nicht zum Moment des Protests gekommen. Auf dem Weg ins 200-Meter-Finale entging John Carlos nur um Millimeter einer sportlichen Disqualifikation. Im Vorlauf verlor er in einer Kurve das Gleichgewicht, drohte die eigene Bahn zu verlassen und damit ausgeschlossen zu werden. Doch in der Zeitlupe der Bilder von damals ist zu sehen: Er trat gerade noch auf statt neben die Linie und zog damit ins Finale ein, wo er es schließlich aufs Treppchen schaffte - jenes Treppchen, das er und Tommie Smith zur Bühne ihres Protests nutzten.

Stand: 16.10.2018, 08:00

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