Bildung und Sport: "Bewegungsangebote fördern Lernprozesse"

Prof. Dr. Nils Neuber

Interview mit dem Sportpädagogen Prof. Dr. Nils Neuber

Bildung und Sport: "Bewegungsangebote fördern Lernprozesse"

Prof. Dr. Nils Neuber forscht und unterrichtet an der Westfälischen-Wilhelms-Universität in Münster zum Thema Bildung und Unterricht im Sport. Im Interview äußert er sich über Zusammenhänge zwischen Bewegung und Lernen sowie Status Quo und Herausforderungen an den Schulen und im Sport.

Herr Prof. Dr. Neuber welches Potenzial birgt Bewegung, auch in Bezug auf das Lernen?

Prof. Dr. Nils Neuber: Bewegung kann viel, aber nicht alles. Bewegung ist kein Selbstläufer und auch kein Allheilmittel für alle Probleme der Welt. Aber Bewegung kann bei einer guten Umsetzung einen wichtigen Beitrag zur Erziehung und Bildung junger Menschen leisten. Und das auf ganz unterschiedlichen Ebenen. Das kann zum Beispiel die Gesundheit der Kinder, ihr Selbstvertrauen oder ihr Selbstkonzept, die Sozialkompetenz, das kognitive Lernen und die schulische Leistungsfähigkeit betreffen oder zum Wohlbefinden der Kinder in und außerhalb der Schule beitragen.

Sie beschäftigen sich also nicht ausschließlich mit dem Unterrichtsfach Sport, sondern mit Bewegung allgemein?

Neuber: Genau, wir haben ja verschiedene Felder, in denen sich Kinder bewegen. Die Schule ist ein Feld, der Sportverein ein anderes. Und wir haben zunehmend Schnittmengen in der Ganztagsschule, in denen Lehrkräfte und Übungsleiter zusammenarbeiten. Das sind genau die Themen, mit denen wir uns beschäftigen. Wenn Sie es auf den Punkt bringen wollen, ist die Frage: Wie muss das Lernen im Sport umgesetzt werden, damit es bei den Kindern und Jugendlichen ankommt?

Wie muss es denn umgesetzt werden?

Neuber: Die Frage ist, welches Ziel Sie haben. Wenn Sie kognitive Prozesse in der Schule fördern wollen, dann sollte es kognitiv anspruchsvoll sein. Wenn wir das im Sportunterricht machen, könnte eine Umsetzung bei Ballspielen bedeuten, dass nicht mit einem Ball sondern mit zwei Bällen gespielt wird. Dann muss zum Beispiel der rote Ball gefangen und der blaue geprellt werden. Auch im Klassenraum gibt es Möglichkeiten, die Konzentrationsfähigkeit zu fördern. Etwa in Form von Bewegungspausen, durchgeführt als fünf Minuten-Break. Hier ist das Kinderspiel "Kommando Pimperle" ein geeignetes Beispiel. Ausgeführt mit Bewegungs-Kommandos verknüpft es körperliche Aktivierung mit Aufmerksamkeit.  Wir wissen seit vielen Jahren, dass zwischen Bewegung und kognitiver Leistungsfähigkeit Zusammenhänge bestehen. Zum Beispiel zwischen der Ausdauerleistungsfähigkeit und der Inhibitionsfähigkeit, also der Fähigkeit sich zu fokussieren beziehungsweise sich nicht ablenken zu lassen. Unsere Aufgabe ist es, diese Erkenntnisse so in die Unterrichtspraxis zu übersetzen, dass Schülerinnen und Schüler Spaß dabei haben und die gewünschten Prozesse nebenbei ablaufen.

Können Sie diese kognitiven Prozesse erläutern?

Neuber: In der Förderung der kognitiven Lernleistung orientiert man sich im Moment sehr stark an den so genannten exekutiven Funktionen, die immer dann gefordert sind, wenn Prozesse nicht automatisch ablaufen, wie zum Beispiel Fahrrad fahren. Darüber denke ich nicht nach. Wenn ich aber in der Schule eine Textaufgabe löse, muss ich zunächst verstehen, was gemeint ist. Ich muss mir womöglich ein Zwischenprodukt merken, es in meinem Arbeitsgedächtnis speichern, um es später weiter nutzen zu können. Vielleicht muss ich mich von meinem Nachbarn abschirmen, weil dieser mein Radiergummi haben oder mit mir quatschen will. Währenddessen muss ich zwischen unterschiedlichen Anforderungsniveaus hin und her wechseln. Damit hätten wir die drei zentralen Funktionen im exekutiv-funktionalen Bereich: die kognitive Flexibilität, also die Abwechslungsfähigkeit, die Inhibitionsfähigkeit, also das Fokussieren, und als drittes das Arbeitsgedächtnis, also mit Dingen operieren können, die ich im Arbeitsspeicher habe. Und das lässt sich tatsächlich sehr stark über Bewegungsangebote fördern und erklärt einen größeren Teil schulischer Leistung als zum Beispiel der Intelligenzquotient.

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Wo steht man da in der Umsetzung dieser Erkenntnisse?

Neuber: In der Schule am Anfang. Das sind kognitionspsychologische Befunde, die zu großen Teilen noch gar nicht auf didaktische Fragen hin übersetzt wurden. Das passiert jetzt. Das Land NRW beispielsweise, hat ein großes Handlungsprogramm zum Thema Lernen und Bewegung. An unterschiedlichen Standorten und unterschiedlichen Regierungsbezirken wird an diesem Thema gearbeitet. Es gibt zunehmend Schulen, die dies umsetzen. Die allerneuesten Lehrpläne zum Sport beinhalten das Thema Lernen und Bewegung auch verpflichtend. Bis das aber endgültig in der Praxis angekommen ist, wird noch viel Wasser den Rhein runter fließen.

Was entgegnen Sie dem oftmals stiefmütterlichen Umgang mit dem Schulfach Sport trotz vorhandenen wissenschaftlichen Erkenntnissen?

Neuber: Man muss argumentieren. Das Ausgleichsargument, dass Kinder, die viel sitzen, sich auch bewegen und abreagieren müssen, um danach auch besser zuhören und sich konzentrieren zu können, ist relativ trivial. Aber dass Bewegungsangebote auch Entwicklungsprozesse oder kognitive Lernprozesse fördern, das ist eben oft noch nicht bekannt.

Ist die offene Ganztagsschule aus ihrer Sicht ein Fluch oder ein Segen für das Feld Bewegung?

Neuber: Es ist eine Herausforderung. Deshalb stellt sich die Frage nach Fluch oder Segen nicht so sehr. Es ist eine Tatsache, dass sich mehr als die Hälfte der Schülerinnen und Schüler in Ganztagsstrukturen befinden. Insofern können wir das Rad nicht zurückdrehen und das hat erstmal viele Vorteile. Um ein Beispiel zu nennen: Wir wissen, dass die soziale Schere auseinander geht und die Kinder am unteren Ende des Spektrums tatsächlich auch deutliche Bewegungsmangelerscheinungen haben. Diese Kinder, die eben nicht im Verein organisiert sind, die erreichen wir über die Ganztagsangebote. Wenn sich die Kinder allerdings nachmittags nicht mehr selbstbestimmt bewegen, ist die Schule in der Pflicht, diese Bewegungsangebote in den Schulalltag zu integrieren. Das kann die Schule nur in Zusammenarbeit mit außerschulischen Anbietern. Im Sport sind das im Wesentlichen erstmal die Sportvereine. Im Rahmen der Ganztagsschule kooperieren sie ja vielfach schon sehr erfolgreich miteinander.

Wo bedarf es noch Verbesserungen, um diese Kooperationen auszubauen?

Neuber: Das sind zwei unterschiedliche Systeme, die jetzt zusammenarbeiten müssen. Nehmen sie zum Beispiel die klassische Lehrerkonferenz, an der der Übungsleiter gar nicht teilnimmt. Um ein pädagogisches Konzept aus einem Guss anbieten zu können, müsste er das aber. Der organisierte Sport wiederum hat oftmals Probleme, am frühen Nachmittag Übungsleiter bereitzustellen, denn in der Regel sind das berufstätige Menschen. Die Vereine behelfen sich mit FSJlern oder mit Pensionären. Man ist auf der Suche nach Modellen, wie die zwei Systeme ineinander greifen und kooperieren können.

Wen sehen Sie da in der Verantwortung, diese Kooperation einzuleiten?

Neuber: Das ist auf jeden Fall eine kommunale Entwicklungsaufgabe. Wenn die Bildungslandschaft in den Städten und Gemeinden funktionieren soll, dann müssen sie entsprechend unterstützt werden. In den Niederlanden gibt es eigens angestellte Kommunal-Manager, die dafür sorgen, dass die Kinder zwischen Schule, Sportverein, Jugendclub und auch therapeutischen Maßnahmen gut hin- und herwechseln. Bei uns ist das meistens Aufgabe zivilgesellschaftlicher Akteure. In Deutschland gibt es allerdings auch erste Modelle wie die so genannten Tandems in NRW, eine Zusammenarbeit von Mitarbeitern des organisierten Sports und der schulischen Seite. Aber es sind oft auch nur Tropfen auf dem heißen Stein. Diese Zusammenarbeit sollte in Zukunft ausgebaut werden.

In einer perfekten Welt, wie würde ihre Schule und der Alltag der Schulkinder aussehen, wieviel Raum würde Sportunterricht oder Bewegung einnehmen?

Neuber: In einer perfekten Welt würden die Kinder in einem Zeitfenster und nicht um punkt 8 Uhr selbstbestimmt und bewegungsaktiv zur Schule kommen. In einer perfekten Welt gäbe es mindestens ein Bewegungsangebot täglich. Es gäbe auch im Ganztagsbereich viele unterschiedliche Angebote zur Auswahl. Das Schulgebäude wäre so gestaltet, dass die Kinder viele Möglichkeiten zur Bewegung im Alltag haben. Außerdem gäbe es Räume, in denen sich die Schüler austauschen oder zurückziehen können. Das Gebäude würde einen Ruheraum haben und im Außengelände gäbe es naturnahe Gelegenheiten zum Spielen. Es gäbe also verschiedene Alternativen, das eigene Handeln selbsttätig zu gestalten. Darüber hinaus würden Lehrkräfte und Übungsleiter intensiv zusammenarbeiten und ständen nicht in Konkurrenz zueinander, sondern würden alle gemeinsam an einer möglichst guten Bildung der Kinder arbeiten.

Das Interview führte Lukas Stellmach

Stand: 12.11.2019, 08:44

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