Antonio Conte - Taktiker und Dominator

Italiens Nationaltrainer

Antonio Conte - Taktiker und Dominator

Von Marco Schyns

Italiens Nationaltrainer Antonio Conte beweist bei dieser EM, dass im italienischen Fussball viel mehr steckt als nur "Catenaccio". Sein Abgang nach dem Turnier steht fest, vorher soll der Titel her.

Als Italien im Achtelfinale Titelverteidiger Spanien auf dem Platz die Grenzen aufzeigte, spielte sich die große Show eigentlich am Spielfeldrand ab. Italiens Nationaltrainer Antonio Conte lief praktisch die gesamte Spielzeit wild auf und ab. Er dirigierte, gestikuliert, analysierte, feierte und regte sich hin und wieder mächtig auf - einmal so sehr, dass Schiedsrichter Cüneyt Cakir drohte, ihn auf die Tribüne zu schicken.

Für seinen impulsiven Auftritt wurde der 46-Jährige anschließend gefeiert - im Netz und in der Presse. Vom "Vulkan" und vom "Wahnsinnigen" war die Rede. Tatsächlich aber bringt der ehemalige italienische Nationalspieler sehr viel mehr mit als nur Leidenschaft. Conte gilt als überzeugender Motivator, detailverliebter Analytiker - und vor allem als großer Taktiker.

Anders als die meisten italienischen Trainer

Letzteres stellte der Fußball-Lehrer gegen Spanien eindrucksvoll unter Beweis. Für viele Beobachter schien im Vorhinein klar: Die spanische Kombinationsmaschine rennt an und drängt die Italiener in die Defensive, wo sie sich ohnehin am wohlsten fühlen. Bei vielen seiner Vorgänger hätte es daher wohl auch tatsächlich genauso ausgesehen. Aber Conte ist anders.

"Wir sind auch offensiv auf der Höhe. Das freut mich, weil es ja oft heißt, dass italienische Mannschaften nur verteidigen können", freute sich der Trainer anschließend.

Schwierige Situation beim Amtsantritt

Als er die Mannschaft 2014 übernahm, war Italien gerade in der WM-Vorrunde gescheitert. Schon damals wusste Conte um die Schwierigkeit seiner Aufgabe. "Es hat keinen Sinn zu verheimlichen, dass der italienische Fußball in einer schwierigen Situation ist, es fehlen die Talente", sagte Conte bei seinem Amtsantritt.

Dennoch hat er das Team souverän zur Europameisterschaft nach Frankreich geführt. Erst im letzten Gruppenspiel, beim 0:1 gegen Irland, setzte es seine erste Pflichtspielniederlage als Coach - mit einer B-Elf und als bereits feststehender Gruppensieger. Von der Kritik nach dem - so war es in italienischen Tageszeitungen zu lesen - "schlechtesten Spiel in der Ära Conte" ließ sich der Trainer nicht beeindrucken.

Bonucci: "Klare Spielidee"

Er weiß um die Stärke seiner Mannschaft und er weiß, dass die Spieler seiner Marschroute folgen: Conte will aus einer disziplinierten Defensivleistung heraus ein Spiel dominieren. So hat er Juventus Turin zwischen 2011 und 2014 zu vier Meistertiteln in Folge verholfen. So hat er Spanien bei dieser Europameisterschaft über weite Strecken vorgeführt, wie es im vergangenen Jahrzehnt niemand geschafft hat - abgesehen vom 5:1-Sieg der Niederländer gegen Spanien bei der WM 2014.

"Conte ist ungeheuer wichtig für die Mannschaft", weiß Abwehrchef Leonardo Bonucci. "Er gibt uns eine klare Spielidee vor, und an der haben wir in den letzten zwei Jahren gearbeitet." Und weil jedem im Team, einschließlich dem Coach, bewusst gewesen sei, dass man mit Iniesta, Fabregas und Co. individuell kaum mithalten kann, sei man eben fleißiger gewesen.

Großer Respekt vor Deutschland

Für das bevorstehende Viertelfinal-Duell mit Deutschland am Samstagabend (21 Uhr, live in der ARD und bei sportschau.de) dürfte die Ausgangssituation eine ähnliche sein. "Italien gegen Deutschland, man erschaudert davor", sagte Conte mit Blick auf das Duell. Er glaubt, dass es "wahrscheinlich noch härter wird als gegen Spanien."

Respekt? Ja. Angst? Nein. So ist Conte auch die Partie gegen Spanien angegangen, in der Hoffnung, es würde nicht seine vorerst letzte als Nationaltrainer sein. Mindestens ein Spiel hat der Trainer der "Squadra Azzura" noch vor sich, ehe er zur kommenden Saison das Traineramt beim FC Chelsea übernimmt.

Abschied nach der Euro

Der Abschied steht seit Anfang April fest. "Ich bin stolz darauf, mein Nationalteam trainieren zu können und die einzige Aufgabe, die genauso attraktiv ist, ist Trainer von Chelsea zu sein. Ich werde mich jetzt auf meinen Job als Nationaltrainer fokussieren und erst nach der EM wieder über Chelsea sprechen", sagte Conte damals.

Er hat Wort gehalten. Und ganz sicher hätte Conte nichts dagegen, wenn die EM noch ein paar Tage länger dauern würde - und er sich mit dem Titel verabschieden könnte.

Stand: 01.07.2016, 08:30

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