Darum ist Island so stark

Islands Spieler beim Training

Island vor dem EM-Viertelfinale gegen Frankreich

Darum ist Island so stark

Von Frank Menke

Island sorgt weiter für Furore bei der EM, steht sensationell im Viertelfinale gegen Frankreich. Was nur macht diese Inselbewohner so stark? Es sind verschiedene Faktoren. Einer stammt sogar aus der Mottenkiste der Fußball-Romantik.

Diese Isländer: Mit den beiden Remis gegen Portugal und Ungarn verschafften sie sich in der EM-Gruppenphase Respekt. Das 2:1 gegen Österreich, mit dem sie den selbsternannten Geheimfavoriten vor der K.o.-Runde nach Hause schickten, ließ aufhorchen. Mit dem 2:1 gegen England im Achtelfinale demütigten sie die Briten und gaben sie weltweit der Lächerlichkeit preis. Im Viertelfinale bekommt es nun Gastgeber Frankreich mit den Nordmännern zu tun.

Und alle Welt fragt sich: Was macht die wilden Wikinger so stark? Es sind mehrere Komponenten.

Die Ruhe und Gelassenheit:

An den Hauptakteuren perlt der europaweite Island-Hype ab. "Nach dem Sieg gegen England hatten die Spieler einen freien Tag. Sie konnten tun, was sie wollten. Sie gingen in die Stadt, und keiner erkannte sie. Sie sind nicht Wayne Rooney oder so - und das ist auch gut so", berichtete Lars Lagerbäcks gleichberechtigter Co-Trainer Heimir Hallgrimsson. So entspannt muss man erst einmal bleiben, wenn rund um das beschauliche Teamhotel "Les Trésoms" am Lac d'Annecy alles plötzlich gar nicht mehr so beschaulich ist.

Über 100 Journalisten quetschen sich in das kleine Sportheim des örtlichen "Union Sportive d'Annecy Le Vieux", 20 TV-Kameras verfolgen das Team um Kapitän Aron Gunnarsson - doch die neuen Berühmtheiten könnten sich vor dem Duell mit Frankreich kaum entspannter geben. Dass die Heimat durchdreht, angeblich ein Zehntel der Bevölkerung in Frankreich weilt, die Fernseh-Einschaltquoten jenseits der 99 Prozent liegen und sich in ganz Europa Menschen isländische Namen mit einem Internet-Generator zulegen, löst hier bei niemanden Überschwang aus. "Das Interesse geht durch die Decke, aber das überrascht uns nicht so", sagt Verteidiger Kari Arnason. So klingt Euphorie auf isländisch: cool.

Der Zusammenhalt:

"Elf Freunde müsst ihr sein": Der Spruch aus der Mottenkiste des Fußballs prangte schon 1903 auf der Viktoria-Statue, der Vorgängerin der DFB-Meisterschale. Islands Fußballer leben ihn jenseits aller Klischees. Das Team hält während der EM auch Kontakt über soziale Medien. In einer WhatsApp-Gruppe tauschen sich die Spieler aus - und verständigen sich dabei über ein gemeinsames Urlaubsziel nach der EM. Geschlossen wird die Sensationstruppe jedoch nicht verreisen.

Islands Spieler mit Trainer Lars Lägerback (M.) bilden beim Training eine "Traube"

Die Isländer, ein verschworener Haufen

"Ich bin mitten in der Saison, deshalb kann ich leider nicht mit", bedauerte Verteidiger Arnason von Malmö und sprach stellvertretend für alle Schweden-Legionäre. In der Online-Gruppe sind auch Isländer, die nicht bei der EM dabei sind wie der nach einer Verletzung nicht berücksichtigte Rurik Gislason vom 1. FC Nürnberg. Anders ausgedrückt: Die Isländer sind im Grunde eine große Familie. Diesen Satz darf man angesichts von nur 330.000 Einwohnern durchaus wörtlich nehmen. Kein Witz: Es gibt sogar eine Inzestvermeidungs-App, um bei einem Date früh genug herauszufinden, ob man mit seinem Gegenüber nicht zu nah verwandt ist.

Das Kollektiv:

Auf dem Rasen bilden die Spieler sowieso eine verschworene Gemeinschaft, in der jeder für jeden rennt und jedem hilft. Der ehemalige isländische Nationaltrainer und Ex-Bundesligaprofi Atli Edvaldsson formuliert das so: "Trainer Lagerbäck hat alle davon überzeugt, dass Island nur als Kollektiv erfolgreich sein kann. Und er hat auf ein 4-4-2-System gesetzt. Mittlerweile kennt es jeder und setzt es optimal um. Alle haben gesagt, das ist doch ein uraltes Ding, das kann man im modernen Fußball nicht mehr spielen. Aber Lagerbäck ist hartnäckig geblieben. Er hat allen erklärt, dass wir als kleine Fußball-Nation keine Chance haben, wenn wir ein anderes System spielen."

Der Trainer:

Lars Lagerbäck ist der erste Trainer in der Historie, der schon zum vierten Mal als Cheftrainer bei einer EM dabei ist! 2000 und 2004 war er gleichberechtigt mit Tommy Söderberg Trainer der Schweden, ab 2008 dort alleiniger Chefcoach. Seine nun vierte EM wird auch seine letzte sein, er tritt nach dem Turnier zurück. Beide Seiten hätten gerne weiter zusammengearbeitet, aber Lagerbäck ist mittlerweile 67 und will mehr Zeit für die Familie haben. Die Spieler verehren ihn genauso wie das isländische Volk. Edvaldsson: "Viele Isländer haben sogar vorgeschlagen, dass Lagerbäck unser Präsident werden soll. Wenn er kandidiert hätte, er hätte es geschafft."

Auf Erfolg fokussiert:

Die Isländer haben natürlich nichts zu verlieren - auch nicht gegen Frankreich im Viertelfinale. So locker sich Gylfi Sigurdsson & Co. auch nach außen geben, innerlich sind sie total auf ihre Aufgaben fokussiert. Das konnte man schon bei der Ankunft in Frankreich in den Gesichtern der Spielern sehen. Leistungssport ist Standard in Island, gehört einfach dazu.

Im Handball sind sie seit Jahren in der erweiterten Weltspitze, größter Erfolg war Olympiasilber 2008 in Peking. Im Basketball war Island letztes Jahr erstmals bei einer Europameisterschaft dabei, nun also der Fußball. Es ist schon erstaunlich, was dieses kleine Land in sportlicher Hinsicht leistet. Früher waren viele Profis in mehreren Sportarten gleichzeitig aktiv, spielten im Sommer Fußball und im Winter dann Hallensportarten wie Handball. Inzwischen hat man sich spezialisiert und wird in vielen Bereichen immer besser.

Dennoch hebt niemand ab. Co-Trainer Hallgrimsson bringt es vor dem Viertelfinale so auf den Punkt: "Wir sind realistisch. Wir können das beste Spiel unseres Lebens spielen, und immer noch verlieren gegen Frankreich."

Stand: 03.07.2016, 08:00

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