Islands Erfolg - kein Zufall, kein Wunder

Island vor dem EM-Achtelfinale gegen England

Islands Erfolg - kein Zufall, kein Wunder

Von Frank Menke

Island mischt Europa auf - zumindest bei der EM. Der sensationelle Einzug ins Achtelfinale gegen England fußt allerdings nicht auf Zufall oder Glück.

Für die Isländer ist das EM-Achtelfinale am Montag (27.06.2016) in Nizza gegen ihre Idole aus England das Spiel ihres Lebens. "Ich war bei großen Turnieren immer für England", sagt Abwehrspieler Kari Arnason. Jon Bödvarsson vom 1. FC Kaiserslautern nennt England sein "Dream Team". Alle isländischen Fußballer sind Fans der Premier League. "Wir sind verrückt nach englischem Fußball", sagt Lars Lagerbäcks gleichberechtigter Co-Trainer Heimir Hallgrimsson. Und fügt kess hinzu: "Wir wissen alles über sie, aber sie nicht über uns. Ich habe keine Angst."

Europa aufgemischt

Warum sollten die wilden Wikinger auch Angst haben? Die Vorrunde schlossen sie als Gruppen-Zweiter ab, vor Portugal. Gegen Ungarn und die Portugiesen spielten sie remis, den selbsternannten Geheimfavoriten Österreich schickten sie mit einem 2:1-Sieg nach Hause. Schon in der EM-Qualifikation hatten sie Europa aufgemischt. Die Niederlande wurden gleich zweimal besiegt, die Türken und Tschechen je einmal. In ihren zehn Quali-Partien kassierten die Isländer nur sechs Gegentore und spielten sechsmal zu null. Der aktuelle Erfolg ist also kein Zufall und auch kein Wunder, sondern das Ergebnis einer geplanten Entwicklung.

Die richtigen Stellschrauben gedreht

Um die Jahrtausendwende begannen die Isländer, in die Nachwuchsarbeit zu investieren - auch mit finanzieller Hilfe der FIFA und einiger Ex-Nationalspieler. Da man in Island nur knapp fünf Monate im Jahr im Freien Fußball spielen kann, wurden in fast allen Orten der 330.000-Einwohner-Insel große Hallen und überdachte Kunstrasenplätze gebaut. Nun war Training das ganze Jahr über möglich. Außerdem bildete der Verband viele Trainer bis hin zur UEFA-A- und B-Lizenz aus. Ergebnis: Wohl nirgendwo sonst ist bezogen auf die Zahl der Fußballer so viel erstklassig qualifiziertes Trainerpersonal vorhanden.

Eine goldene Generation

Qualifizierte Trainer sorgen für qualifizierte Fußballer. Und nie zuvor gab es zeitgleich so viele gute Kicker in Island wie heute. Ein Großteil kennt sich schon aus den Jugendmannschaften, man versteht sich blind. Zur sogenannten goldenen Generation zählen jene Akteure, die sich 2011 erstmals für die U21-EM qualifizierten und auf dem Weg dahin auch die deutsche U21 mit den späteren Weltmeistern Mats Hummels, Benedikt Höwedes und Kevin Großkreutz entzauberten. In Deutschland holte Island ein 2:2 und schoss die DFB-Elf daheim mit 4:1 ab. Die Torschützen bei jenem Erfolg im August 2010 hießen Alfred Finnbogason, Kolbeinn Sigthorsson, Birkir Bjarnason und Gylfi Sigurdsson. Sie alle sind heute Stützen der A-Nationalmannschaft bei der EM.

Kein Isländer bei einem Topklub

Keiner der 23 Spieler in Islands EM-Kader spielt noch in der Heimat, wo die erste Liga mit zwölf Mannschaften nur semi-professionell betrieben wird. Der Großteil der Isländer ist zumindest im Norden geblieben: Sieben Akteure spielen in Schweden, drei in Norwegen, zwei in Dänemark, der Rest verteilt sich über Europa. In Top-Ligen wirken trotz aller Fortschritte nur eine Handvoll. Finnbogason spielt für den FC Augsburg, Gylfi Sigurdsson für Swansea City, Sigthorsson für den FC Nantes und Emil Hallfredsson für Udine. Bei einem absoluten Topklub ist keiner der 23 EM-Fahrer angestellt.

Zeitgemäße Taktik

Auch taktisch hat sich viel getan. Vor einigen Jahren noch wurde hinten Stahlbeton angemischt und dann irgendwie versucht, den Ball nach vorne zu dem inzwischen 37-jährigen Volkshelden Eidur Gudjohnsen zu bringen - klassisches Kick and rush mithin. Die Defensive ist immer noch eine Stärke der Nordmänner, die aber viel spiel- und kombinationsstärker geworden sind und auch mit Ballbesitz etwas anzufangen wissen. Trainer Lagerbäck hat ein flaches 4-4-2 etabliert, in dem alle Spieler die Abläufe im Schlaf abrufen können. Teamwork wird ganz groß geschrieben, die Mannschaft ist sehr gut organisiert und schaltet schnell um, woran sich die Österreicher besonders ungern erinnern werden. Und Standards von Sigurdsson sind auch eine wirkungsvolle Waffe.

Wale gucken als Schock-Therapie

Die Isländer haben für alles vorgesorgt, sogar, wie sie ihre englischen Idole trösten können, falls sie die aus dem Turnier kegeln. "Stellen Sie sich vor, was los ist, wenn sie gegen uns ausscheiden", fragte England-Legionär Sigurdsson eigentlich nur rhetorisch. Gudbjartur Jonsson, Manager eines isländischen Reiseunternehmens, gab dennoch eine Antwort: Sollte das Mutterland des Fußballs am EM-Zwerg scheitern, dürften sich Wayne Rooney & Co. bei einem Gratis-Ausflug zu Islands Wal-Gründen von dem Schock erholen. Bei einem englischen Scheitern im Elfmeterschießen würde sicher auch noch eine Lkw-Ladung Whisky bereitgestellt.

"Àfram Island" - Feiern wie die Handballer?

Auf der Vulkaninsel selbst düfte dann in diesem Fall wohl tagelanger Ausnahmezustand herrschen. Schon Islands Handballer feierten ihre olympische Silbermedaille 2008 auf total verrückte Weise. Sie ließen silberne Abgüsse ihrer Männlichkeit anfertigen, die seitdem im Phallus-Museum in Reykjavik zu besichtigen sind. Da bekommt der Schlachtruf "Áfram Island" - was "Island vor" bedeutet und "Aufram Island" ausgesprochen wird - nochmal eine ganz andere Dimension.

Stand: 27.06.2016, 08:00

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