Ukraine - Gespaltene Nation

EURO 2016

Ukraine - Gespaltene Nation

Von Olaf Jansen

Deutschlands Auftaktgegner Ukraine braucht dringend sportlichen Erfolg bei der EM, um die tiefen Risse in der gespaltenen Nation zu kitten.

Als die ukrainische Nationalmannschaft in der vergangenen Woche ihr EM-Quartier in der südfranzösischen Universitätsstadt Aix-en-Provence bezog, empfing die Spieler um Trainer Michail Fomenko strahlender Sonnenschein bei sommerlichen 28 Grad Lufttemperatur. Die ukarinischen Fans dürften hoffen, dass sich diese Sommeridylle positiv auf die Stimmung im Team um Offensivstar Andrej Jarmolenko möge. Denn an guter Laune hat der erste deutsche Gruppengegner vor dem Spiel am Sonntag (12.06.16) einigen Bedarf.

Ausgerechnet Jarmolenko sorgte vor wenigen Wochen im Spiel seines Klubs Dynamo Kiew gegen den Erzrivalen Schachtjor Donezk mit einem hinterhältigen Tritt gegen Schachtjors Taras Stepanenko für einen Eklat. An der anschließenden Massenrangelei waren auch die insgesamt 14 Nationalspieler beider Teams beteiligt - es war wie eine Eruption aufgestauten Frustes zwischen jenen beiden Klubs, die den ukrainischen Meistertitel seit 24 Jahren unter sich ausmachen. Der Keil zwischen beiden Lagern wurde naturgemäß auch tief ins Nationalteam getrieben.

Herkulesaufgabe für Trainer-Duo

Erfolgreich dürfte man unter diesen Voraussetzungen bei der Fußball-EM kaum sein - das war auch den Funktionären des ukrainischen Fußballverbandes schnell klar. Erfolg bei der EM muss aber dringend her für die politisch tief gespaltene Ukraine. Der Fußball soll der Nation ein Stück des Zusammengehörigkeitsgefühls zurückgeben. Also wurde mehr oder weniger sanft Druck auf Jarmolenko ausgeübt und folgsam gab dieser anlässlich eines Pressetermins kleinlaut zu: "Ich habe einen Fehler gemacht. Ich hoffe, wir können friedlich die Europameisterschaft zusammen bestreiten."

Wie immer die teaminternen Friedensbemühungen auch ausgehen - Coach Fomenko und sein prominenter Co-Trainer Andrej Schewtschenko stehen vor einer der Herkulesaufgabe. Sie müssen verfeindete Parteien zu einem funktionierenden Team zusammenbasteln und jenes gewissermaßen einer Wunderheilung unterziehen. Denn insgeheim rechnen sich die Ukrainer beim Kontinentalturnier durchaus mehr aus, als "nur" die Gruppenphase zu überstehen. Das Halbfinale sei durchaus möglich, ließ Sportminister Igor Zhadanov jüngst verlauten.

Jarmolenko ist der Star

Am ehesten nährt dabei noch so einer wie eben jener zuletzt so kleinlaute Jarmolenko solcherlei unrealistische Zielvorstellungen. Der flinke Dribbler ist begehrt auf dem Spielermarkt, der FC Barcelona soll höchst interessiert sein. Dass der schnelle und trickreiche Flügelflitzer von Deutschlands Auftaktgegner nach der EM in Frankreich seinen Stammverein Dynamo Kiew verlässt, gilt als sicher. England sei allerdings sein bevorzugtes Ziel, hatte der Ukrainer bereits verkündet. Liverpools Teammanager Jürgen Klopp soll bereit sein, mehr als 30 Millionen Euro für Jarmolenko auszugeben. Auch Klopps Ex-Klub Borussia Dortmund war am Ukrainer interessiert, zog sich angesichts der Millionen-Summen aber offenbar aus den Verhandlungen zurück.

Kiew wird Jarmolenko nur für viel Geld verkaufen, denn in seiner Heimat ist er ein absoluter Star, der Nachfolger von Fußball-Idol Andrej Schewtschenko. In seiner Spielweise ähnelt er aber eher Arjen Robben. Auch Jarmolenko geht auf der rechten Angriffsseite häufig steil und dribbelt mit seinem starken linken Fuß gerne nach innen, um dann den Torabschluss zu suchen. Mit sechs Treffern war Jarmolenko der mit Abstand torgefährlichste Offensivspieler der Ukrainer in der EM-Qualifikation.

Konopljanka unterstützt Jarmolenko

Die Offensive könnte ohnehin das Prunkstück der Ukrainer werden, denn neben Jarmolenko stürmt der frischgebacke Europa-League-Sieger Jewgeni Konopljanka vom FC Sevilla. Ein eminent gefährliches Stürmer-Duo, das schon gegen Deutschland zünden soll. "Die Deutschen sind Weltmeister, aber ich habe das Gefühl, dass wir bereit sind für diese Herausforderung", sagt der frühere Stürmerstar Schewtschenko, der nach zuletzt vier Testspielsiegen ganz in Optimismus macht: "Die Spieler sind gut drauf, ihr Enthusiasmus ist groß, wir hoffen auf eine erfolgreiche EURO."

Die Spieler des Teams sehen sich hinter Deutschland auf Augenhöhe mit den anderen beiden Gruppengegnern. "Hinter Deutschland sind die anderen drei Teams gleich stark. Wir und die Polen und Nordirland werden den zweiten Platz ausmachen. Die Chancen dazu sind für alle gleich", sagt Kapitän Ruslan Rotan. "Wir werden unser Bestes geben, als Team und als and. Das Ziel ist die Gruppenphase zu überstehen."

Stand: 12.06.2016, 08:00

Darstellung: