Islands Halldorsson - Filmemacher im Kasten

Island gegen Ungarn

Islands Halldorsson - Filmemacher im Kasten

Von Christian Steigels

Nach dem couragierten Auftritt der Isländer gegen Portugal wurden die Nordeuropäer über Nacht zur heimlichen Lieblingsmannschaft vieler Fans. Das hat viele Gründe. Einer davon steht im Tor.

Die Begeisterung kennt auch in Deutschland keine Grenzen: "Überaschungsson" titelte die Zeit, "Es ist Liebe", die Kollegen von Spiegel Online. Nach dem couragierten Auftritt der EM-Debütanten gegen den Favoriten aus Portugal wurden die Nordeuropäer beinahe über Nacht zur heimlichen Lieblingsmannschaft vieler Fans. Auch vor dem Duell mit Ungarn (18 Uhr) werden den Isländern wieder viele neutrale Fans hierzulande und anderswo die Daumen drücken.

Erster Vertrag mit 29

Das liegt zum einen am erwähnten beherzten Auftritt, mit dem die Mannschaft von Lars Lagerbäck und Heimir Hallgrimsson den Portugiesen die Laune vermieste. Es lag an den zahlreichen Fans, die beharrlich ihr "Áfram Ísland" sangen und einen netten Gegenentwurf zu den nicht immer netten Fanbildern der vergangenen Tage bildeten. Es liegt aber auch an individuellen Geschichten der Spieler. Und wohl kaum eine könnte exemplarischer sein als die von Torwart Hannes Thor Halldorsson. Eine Underdog-Geschichte, die in einem Film fast unrealistisch wirken würde.

Halldorsson selbst schämt sich denn auch immer ein bisschen, wenn er seine Geschichte erzählt. "Es klingt blöd", sagt er dann, "aber das ist eine Story wie in einem dieser Sportfilme aus Hollywood." Bis vor zweieinhalb Jahren war der Torwart hauptberuflich Filmregisseur. Erst mit 29 Jahren unterschrieb er seinen ersten Profivertrag. Jetzt, mit 32, ist er mit Island bei der EM - und hat zum Auftakt gegen Portugal den großen Cristiano Ronaldo zum Verzweifeln gebracht.

Lange Fußball-Pause

Seine fußballerische Karriere ist schnell erzählt: Mit 14 Jahren verletzte sich der talentierte Nachwuchs-Torwart die Schulter bei einem Snowboard-Unfall, spielte danach kaum Fußball. Mit 19 beginnt er wieder, doch nach einem verpatzten Spiel in der 3. Liga gibt er seine Träume vom großen Fußball auf. Er wendet sich seinem zweiten Hobby zu: Filmemachen.

Er arbeitet sich schnell nach oben, dreht Dokumentationen, Werbespots, Kurzfilme. Und auch die Fußball-Karriere nimmt wieder Fahrt auf. Halldorsson spielt in der zweiten, dann in der ersten Liga, wird Meister und Pokalsieger in Island und debütiert 2011 in der Nationalmannschaft.

Den Traum fortschreiben

2013 muss er sich zwischen beiden Karrieren entscheiden - und wählt den Fußball. "Im Leben gibt es viele Träume, aber die wenigsten erfüllen sich", sagt er. Sein Arbeitgeber hat ihm versprochen, dass er jederzeit zurück in den Job kann, wenn es mit dem Fußball nicht mehr klappt.

Erst einmal will Halldorsson seinen Traum in Frankreich fortschreiben. "Dänemark hat 1992 gewonnen, Griechenland 2004", sagt er, "das hätte auch kein Mensch geglaubt."

Opa gegen Ronaldo

Dass dieser Traum ein eher unrealistischer ist, weiß er selbst. Als Filmemacher kennt er sich mit Illusionen schließlich aus. Und selbst wenn der ganz große Wurf nicht gelingt – eins kann ihm keiner mehr nehmen. Er hat gegen Ronaldo gespielt. "Ronaldo ist einer der Größten, meine Enkel werden noch über ihn sprechen. Da ist es schön, sagen zu können: Der Opa hat mal gegen den gekickt", sagt Halldorsson. Vielleicht macht er ja mal einen Film drüber.

Stand: 18.06.2016, 08:00

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