Steigerung gegen Italien nötig - aber wo?

Bundestrainer Löw als Tüftler

Steigerung gegen Italien nötig - aber wo?

Von Marcus Bark (Evian)

Bundestrainer Joachim Löw sagt, dass sich die deutsche Nationalmannschaft noch "in jedem Bereich" steigern müsse, um gegen Italien zu gewinnen und dann auch Europameister zu werden. Wo liegt der Bedarf? Wo sind Steigerungen möglich?

Erst am Freitag (01.07.16) um 19.45 Uhr wird Joachim Löw vor den Reportern sitzen, um eine Antwort auf die Frage zu geben, was die Tüftelei ergeben hat. Eine ehrliche Antwort darf aber niemand erwarten, denn der Bundestrainer hatte vier Tage vor dem Viertelfinale in Bordeaux gesagt, dass es sehr schwierig sein wird, gegen Italien "Lücken zu finden".

Der Gegner biete "manchmal keinen Zentimeter Platz, um sich durchzuspielen". Daher gelte: "Wir müssen noch ein bisschen tüfteln." Löw wird also höchstens die Frage beantworten, ob er Lösungen gefunden hat. Wie sie aussehen, wird dann am Samstag ab 21 Uhr live im Ersten zu sehen sein.

Kein Tüftel-Erfolg bei der EM 2012

Bei der EM 2012 wählte der Bundestrainer für das Halbfinale gegen Italien einen überraschenden Ansatz. Er änderte die Aufstellung auf mehreren Positionen, brachte auch Toni Kroos und versah ihn mit der speziellen Aufgabe, dem Maestro Andrea Pirlo im italienischen Mittelfeld die Lust an dessen locker-genialen Art des Fußballspielens zu nehmen.

Löw erntete nach dem Ausscheiden harsche Kritik, was ihn zunächst maßlos ärgerte, inzwischen gesteht er den Fehler ein. Seine Schlussfolgerung für die Partie in Bordeaux: "Wir müssen unsere Stärken ins Spiel bringen und versuchen, unseren Fußball durchzuziehen."

Ballbesitz ist Trumpf

Gegen die Slowakei zeigte die Auswahl des DFB gerade in der ersten Halbzeit eine ganz starke Vorstellung ihres dominanten Ballbesitzfußballs, den Löw bevorzugt. "Das große Ganze passt schon. Wir müssen es nur mit dem letzten Einsatz leben", sagte Mats Hummels auf die Frage, wo er denn den vom Trainer angesprochenen Steigerungsbedarf sehe, und wo die Möglichkeiten.

Mario Gomez antwortete: "Italien ist ein anderer Gegner als die Slowakei. Ich denke nicht, dass der Bundestrainer einzelne Dinge angesprochen hat."

Individuelles Steigerungspotenzial

ARD-Experte Thomas Hitzlsperger denkt in erster Linie an einzelne Spieler, wenn er nach den Steigerungsmöglichkeiten sucht und nennt Thomas Müller und Sami Khedira: "Das war schon gut, was sie gegen die Slowakei gezeigt haben, aber da geht noch mehr."

Löw erwartet ein "unheimlich zähes Spiel", da Italien "manchmal mit neun oder zehn verteidigt". Vor der erfahrenen Dreierkette bildet sich noch ein Dreierriegel im Mittelfeld, der das Zentrum verdichtet. Anders als die Slowakei wird Italien aber auch auf den Flügeln wenig Raum lassen, auf denen Alessandro Florenzi (rechts)  und Mattia de Sciglio bei Bedarf die Abwehr zu einer Fünferkette erweitern.

Dreierkette eine Option

Im Testspiel gegen Italien, das im März mit 4:1 gewonnen wurde, spielte auch Deutschland mit einer Dreierkette (von rechts Antonio Rüdiger, Shkodran Mustafi, Mats Hummels). Damit spiegelte er die Ausrichtung des Gegners, der in Bordeaux vom Personal her wenig mit dem aus München gemein haben wird. Eine Dreierkette hält Löw auch für das Turnierspiel für eine Option, weil es damit auch möglich sei "unser Spiel durchzuziehen".

Sollte es so kommen, dürften Benedikt Höwedes oder Mustafi neben Jérôme Boateng und Mats Hummels rücken. Damit bliebe Joshua Kimmich auf der rechten Seite. Dass der Münchner in eine mögliche Dreierkette rückt, ist kaum zu erwarten. Dafür ist auch sein Kopfballspiel zu schwach, wie sich bei einer guten Chancen der Slowakei im Achtelfinale zeigte.

Generell ist auch mit Boateng und Hummels noch Steigerungsbedarf im Defensivkopfball möglich. Auch die Ukraine und die Polen kamen mit dem Kopf zu Möglichkeiten.

Italien gefährlich effektiv

Wichtig wird für die deutsche Mannschaft sein, wenig Schüsse auf das Tor zuzulassen. Die Italiener brauchten nur 36 Schüsse für ihre fünf Turniertore, Deutschland 80 für sechs. In der Effizienz gibt es bei der Auswahl des DFB deutlichen Steigerungsbedarf, wobei der Chancenwucher gegen Nordirland aber auch als Ausreißer gelten darf.

Gegen Italiens so hoch gepriesene Defensive sprechen auch Zahlen. Die Gegner kamen im Strafraum bislang 17 Mal zum Abschluss, bei Deutschland waren es nur sieben Abschlüsse aus näherer Distanz. Am anderen Ende des Spielfeld kam Löws Mannschaft schon 50 Mal zum Abschluss, so oft wie keine andere.

Balance ist extrem wichtig

"Es wird gegen Italien viel schwieriger als in den bisherigen Spielen, das Gleichgewicht zwischen Angreifen und Verteidigen zu finden", glaubt der Bundestrainer. Möglich, dass er deshalb in einer Viererkette Kimmich durch Höwedes ersetzt, um mehr Stabilität zu gewinnen. Solange der Tüftler grübelt, darf spekuliert werden.    

Stand: 30.06.2016, 18:10

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