Boss Boateng

Deutschland vor dem Viertelfinale gegen Italien

Boss Boateng

Von Marcus Bark (Évian)

Jérôme Boateng hat sich vor allem wegen seiner überragenden Leistungen zum Boss in der deutschen Mannschaft aufgeschwungen. Auf dem Platz ist zu erkennen, wie emotional der Innenverteidiger sein kann. Abseits besticht er als Stoiker.

Es wird auffällig oft erwähnt, welch hohen Anteil die Offensivspieler der deutschen Mannschaft daran haben, dass noch keinem Gegner bei der Europameisterschaft ein Treffer gegen sie gelungen ist. Manager Oliver Bierhoff hat es zuletzt getan, Mats Hummels hob es hervor, Bundestrainer Joachim Löw führte es hinlänglich aus.

Zu Beginn des Turniers gab es in diesem Bereich noch Defizite. Jérôme Boateng sprach sie offen an, vor einem Millionenpublikum. Beim 0:0 gegen Polen stauchte er einige Kollegen auf dem Platz zusammen, weil ihm nicht passte, was er von ihnen gesehen hatte: zögerliches Anlaufen, zaghaftes Zurücklaufen. Nach dem Schlusspfiff bekam dann auch die Offensive noch ihr Fett ab. So, kritisierte Boateng, werde das nichts mit einem weiteren Titel.

Kapitulation der Gegner vor Boateng?

Jérôme Boateng ist zum Boss geworden in einer Mannschaft, in der auffällig häufig erwähnt wird, dass es viele Bosse gibt. Der Innenverteidiger hat sich in die Chefetage gespielt, vor allem am Abend in Rio de Janeiro. Seine Leistung im WM-Finale war perfekt, ohne Boateng wohl keine Verlängerung, ohne Verlängerung wohl kein Tor von Mario Götze.

Auch bei der EM überzeugt Boateng wieder. Er legte gleich mit einer spektakulären Rettung auf der Linie gegen die Ukraine los, im Achtelfinale gegen die Slowakei gelang ihm sogar sein erstes Tor im Nationaltrikot, im 63. Länderspiel. In den vier bisherigen Partien bestritt Boateng erst 20 Zweikämpfe, sein Partner Mats Hummels hingegen 32 bei etwa einer Halbzeit weniger Einsatz. Vielleicht hat das schon etwas mit Kapitulation zu tun. Wer sich mit Boateng anlegt, hat derzeit schlechte Chancen.

Zu emotional für Tennis

Jérôme Boateng, 1988 in Berlin geboren, war schon früh viel Talent bescheinigt worden. Er wechselte von der Hertha zum Hamburger SV, wurde dort 2009 zum Nationalspieler. Da ahnte noch niemand, dass er später einmal als Kandidat für den besten Spieler eines Turniers gehandelt werden würde. Diese Diskussion kam vor dem Viertelfinale gegen Italien auf.

Boateng nahm sie mit stoischer Gelassenheit hin, wie er alles mit stoischer Gelassenheit hinnimmt, wenn er nicht gerade auf dem Fußballplatz spielt. Als Kind spielte er auch respektabel Tennis, wie er der Welt in einem Interview erzählte. Aber er sei "zu emotional" gewesen, wenn ein Schlag misslungen sei: "Dann ist so manches Mal der Schläger geflogen. Dann haben meine Eltern irgendwann gesagt, ich soll mal lieber einen Mannschaftssport machen."

Leistungssteigerung nach Deutschland-Rückkehr

In der Nationalmannschaft war Boateng lange einer von vielen, spielte mehr als Außenverteidiger denn innen, dort, wo seine Stärken viel besser zum Tragen kommen. Nachdem er 2010 zu Manchester City gewechselt war, war Boateng bei Löw meistens sogar raus.

Erst die Rückkehr nach Deutschland leitete den Leistungssprung ein. "Ich kenne viele Spieler bei Bayern München, das ist für mich einer der besten sechs Klubs Europas", sagte Boateng im Sommer 2011. Inzwischen hat auch er einen großen Anteil daran, dass der Deutsche Meister zu einem der drei besten Klubs der Welt gezählt wird.

Er gewann bislang acht Titel mit den Bayern, auch die Champions League. Den Weltpokal, die Krönung einer Karriere, ließ er sich in die rechte Wade tätowieren, um die es während der EM einige Sorgen gab. Dass Boateng in der ersten Jahreshälfte gut drei Monate wegen eines Muskelbündelrisses fehlte, ist schon in Vergessenheit geraten.

Spieleröffnung wird entscheidend sein

Auf Boateng wird es am Samstag (02.07.16) in Bordeaux mehr als zuvor bei dieser EM ankommen, auch in der Spieleröffnung. Möglich, dass die Italiener den bislang ebenfalls herausragenden Toni Kroos in eine enge Deckung nehmen werden.

Dann sind Boatengs scharfe Flachpässe ins Mittelfeld und die weiten Pässe gefragt, die oft wie ferngesteuert ihr Ziel finden. "Wichtig ist, dass wir unser Spiel durchdrücken. Wir müssen Lösungen finden gegen ihre starke Defensive, dürfen aber auch nicht blind anrennen", sagte Jérôme Boateng. Stoisch gelassen.

Stand: 01.07.2016, 11:18

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