Polen mit besseren Nerven im Elfmeterschießen

UEFA Euro 2016, Achtelfinale: Schweiz-Polen 5:6 n.E.

Polen mit besseren Nerven im Elfmeterschießen

Von Martin Schaffeld

Die polnische Nationalelf hat das erste Achtelfinale der EURO 2016 im Elfmeterschießen für sich entschieden.

Das Führungstor in Saint-Étienne erzielte Jakub Blaszczykowsi mit seinem zweiten Turniertreffer für Polen (39.). Für die Eidgenossen traf Xherdan Shaqiri zum Ausgleich (82.). Im Elfmeterschießen erzielte Grzegorz Krychowiak den letzten Treffer, nachdem Granit Xhaka kläglich verschossen hatte. Mit dem polnischen Viertelfinaleinzug am Samstag (25.06.16) ist das Turnier für die Schweiz einmal mehr früh beendet: Bereits zum sechsten Mal in Folge scheitert sie in einem K.o.-Spiel eines großen Turniers.

"Es war ein großer Kampf", sagte Polens starker Torhüter Lukasz Fabianski, "am Ende war es sehr emotional, zum Glück haben wir gewonnen." Sein Gegenüber Yann Sommer dagegen beklagte fehlendes Glück: "Das ist unglaublich bitter. Wir hätten es verdient gehabt."

"Meine Spieler haben über die gesamte Spielzeit hervorragend gearbeitet", lobte Polens Trainer Adam Nawalka. "Das stimmt mich zuversichtlich für das nächste Spiel. Wir haben Elfmeterschießen geübt, die Schützen hatte ich schon vorher bestimmt."

Polnische Dominanz

Die Nati änderte ihre Startelf nur in Person von Stürmer Haris Seferovic, der wieder von Beginn an dabei war. Die Polen liefen nach vier Umstellungen mit Nawalkas "Wunsch"-Anfangsformation aus dem Deutschland-Spiel auf: Die Stammspieler um den Dortmunder Lukasz Piszczek, Blaszczykowsi, Kamil Grosicki und Krzysztof Maczynski rotierten wieder rein. Und es ging munter los: Der Schweizer Stammkeeper Yann Sommer musste schon nach 30 Sekunden und einem Patzer von Johan Djourou eingreifen und gegen das flinke Sturmduo Lewandowski/Milik und in höchster Not klären.

Auch im Anschluss machte Polen Druck und suchte die Initiative. Nati-Antreiber Shaqiri dagegen fiel im ersten Durchgang eher mit dem gewohnten Bild auf: mit Ballverlusten. Teamkollege Blerim Dzemaili traf wenigstens das Außennetz (10.). Die Mehrheit der Zweikämpfe ging an die defensivstarken Polen, die immer dominanter wurden: Grzegorz Krychowiaks Kopfball segelte knapp übers Tor (29.) - einige Konter über Grosicki und Arkadiusz Milik sorgten für Gefahr. Kaum wurden die Schweizer etwas mutiger, schlugen die Polen per Konter zu: Grosicki sah Blaszczykowski auf der ballfernen Seite, seinen Pass konnte der Ex-BVB-Profi in Seelenruhe annehmen - und er tunnelte Keeper Sommer zur Führung (39.).

Schweizer Schwung

Den zweiten Durchgang nutzen engagierte Eidgenossen, die mit viel Schwung aus der Kabine kamen: Lukasz Fabianski & Co. klärten eine Chance von Granit Xhaka nach Eckball (46.), Shaqiris Schuss wurde pariert (51.). Eine halbe Stunde vor Schluss brachte Schweiz-Trainer Vladimir Petkovic in Sturm-Joker Breel Embolo (für Dzemaili) weitere Offensivpower. Denn die Polen zogen sich verständlicherweise zurück und verlagerten sich noch mehr auf Konter. Die Nati zeigte indes viel mehr Dynamik und Flexibilität.

In der Schlussphase kam auch noch Eren Derdiyok von der Schweizer Bank. Der "Joker" erlebte gleich einen brandgefährlichen Freistoß von Ricardo Rodriguez mit, den Keeper Fabianski glänzend aus dem Winkel kratzte (73.). Die Schweizer drängten weiter: Seferovic setzte einen Schuss an die Latte (79.). In der 82. Minute trug die Schlussoffensive Früchte: Nach Querpass von links leitete Seferovic per Hacke weiter - und ausgerechnet Shaqiri traf mit einem spektakulären Seitfallzieher ins rechte untere Eck zum Ausgleich. Es war sein erster Länderspieltreffer seit rund einem Jahr - und der erste Gegentreffer für Polen in diesem Turnier.

Viel Vorsicht in der Verlängerung

Während der Verlängerung wurden die Polen nicht wirklich aktiver. Deshalb kamen die Ersatzspieler Tomasz Jodlowiec und Slawomir Peszko in die Partie. Auf der Gegenseite sorgte in Reihen der viel frischer wirkenden Schweizer unter anderem Derdiyok für viel Unruhe beim Gegner. Zwingend wurden die Chancen aber erst spät: Seferovic wurde im Strafraum abgeblockt (106.). Das Schweizer Powerplay um Torschütze Shaqiri nahm mit zahlreichen Eckbällen immer mehr Fahrt auf. Der freistehende Derdiyok zwang per Kopfball aus kurzer Distanz Keeper Fabianski zu einer Glanzparade (113.). In der 118. Minue rutschte Derdiyok am kurzen Eck knapp am Ball vorbei. 9:2 lautete die Schweizer Torschuss-Bilanz der Verlängerung - die Polen zeigten sich nur noch einmal bei einer Chance von Piszczek (120.).

Das anschließende Elfmeterschießen brachte die lang ersehnte Entscheidung: Lewandowski glich mit Schuss in den Winkel Lichtsteiners Führung aus. Xhaka verfehlte den Kasten um beinahe zwei Meter. Sommer parierte fast den Versuch von Milik. Und Shaqiri zog locker mit seinem zweiten Treffer nach. Kamil Glik legte wieder vor. Der Hoffenheimer Schär glich aus. Blaszczykowski traf souverän; Rodriguez ebenso. Der zehnte Schütze Grzegorz Krychowiak machte den Sack zu.

Shaqiri Packing-König der Partie

Die statistische Auswertung der sogenannten Packing-Rates zeigt ein leichtes Übergewicht für die Schweiz vor dem Tor (29:26 überspielte Verteidiger), Shaqiri überwand dabei mit seinen Pässen die meisten Verteidiger (8). Nati-Coach Pektovic sagte: "Es ist sehr schade, die Jungs haben alles gegeben. Am Ende mussten wir eigentlich ein Tor schießen. Am Anfang war die Nervosität zu groß. Meine EM-Bilanz ist sehr positiv, wir müssen lernen, jeden Tag besser zu werden."

Der wahrlich glückliche Sieger Polen trifft nun im Viertelfinale am Donnerstagabend (30.06.16, 21 Uhr) auf den Sieger der Partie zwischen Geheimfavorit Kroatien und Portugal um Superstar Cristiano Ronaldo.

Fußball · Europameisterschaft 2016

Samstag, 25.06.2016 | 15.00 Uhr

Flagge Schweiz

Schweiz

Sommer – Lichtsteiner, Schär, Djourou, Ricardo Rodriguez – Behrami (77. Fernandes), G. Xhaka – Shaqiri, Dzemaili (58. Embolo), Mehmedi (70. Derdiyok) – Seferovic

5
Flagge Polen

Polen

Fabianski – Piszczek, Glik, Pazdan, Jedrzejczyk – Krychowiak, Maczynski (101. Jodlowiec) – Blaszczykowski, Grosicki (104. Peszko) – Lewandowski, Milik

6

Fakten und Zahlen zum Spiel

Tore:

  • 0:1 Blaszczykowski (39.)
  • 1:1 Shaqiri (82.)
  • 2:1 Lichtsteiner (122./Elfmeterschießen)
  • 2:2 Lewandowski (123./Elfmeterschießen)
  • 2:3 Milik (125./Elfmeterschießen)
  • 3:3 Shaqiri (126./Elfmeterschießen)
  • 3:4 Glik (127./Elfmeterschießen)
  • 4:4 Schär (128./Elfmeterschießen)
  • 4:5 Blaszczykowski (129./Elfmeterschießen)
  • 5:5 Ricardo Rodriguez (130./Elfmeterschießen)
  • 5:6 Krychowiak (131./Elfmeterschießen)

Strafen:

  • gelbe Karte Schär (2 )
  • gelbe Karte Jedrzejczyk (1 )
  • gelbe Karte Pazdan (1 )
  • gelbe Karte Djourou (1 )

Zuschauer:

  • 38.842

Schiedsrichter:

  • Mark Clattenburg (England)

Stand der Statistik: Samstag, 25.06.2016, 17:49 Uhr

Wappen Schweiz

Schweiz

Wappen Polen

Polen

Tore 1 1
Schüsse aufs Tor 8 4
Ecken 13 5
Abseits 2 2
gewonnene Zweikämpfe 89 99
verlorene Zweikämpfe 99 89
gewonnene Zweikämpfe 47,34 % 52,66 %
Fouls 16 13
Ballkontakte 852 714
Ballbesitz 54,41 % 45,59 %
Fehlpässe 59 59
Passquote 89,21 % 85,64 %
Flanken 26 12
Alter im Durchschnitt 26,7 Jahre 28,8 Jahre

Stand: 25.06.2016, 17:38

Darstellung: