Portugal schickt Polen nach Hause

UEFA Euro 2016, Viertelfinale: Polen - Portugal: 4:6 n.E.

Portugal schickt Polen nach Hause

Von Christian Hornung

Es war die erwartet schwere Kost, auch wenn der Beginn ein Spektakel erhoffen ließ: Portugal hat in einem zähen Viertelfinale Polen nach Elfmeterschießen niedergerungen - und steht damit als erstes Team unter den Top-Vier dieser Europameisterschaft.

6:4 hieß es am Ende für die glücklichen Portugiesen, nachdem alle Schützen die Nerven behielten. Der tragische Held bei Polen war der Ex-Dortmunder Jakub Blaszczykowski, der mit seinem Versuch am portugiesischen Torhüter Rui Patrício scheiterte. Dem eingewechselten Ricardo Quaresma, der bereits die Partie gegen Kroatien in der 117. Minute entschieden hatte, war es vorbehalten, den letzten und entscheidenden Elfmeter zu versenken.

"Das tut sehr weh, wir waren das bessere Team, es ist traurig, dass wir im Elfmeterschießen verloren haben", sagte Polens Stürmer Robert Lewandowski tieftraurig. "Sie hatten mehr Ballbesitz, wir hatten mehr Chancen. Das schmerzt und es wird noch länger schmerzen."

Blitz-Tor nach 100 Sekunden

Die große Befürchtung vieler Fans, am Donnerstag (30.06.16) eine ähnlich schreckliche Darbietung miterleben zu müssen wie zuletzt beim Achtelfinalduell zwischen Portugal und Kroatien, hatte sich bereits nach exakt 100 Sekunden in Wohlgefallen aufgelöst - zumindest vorübergehend.

Nach einem wunderbaren Flankenwechsel von Lukasz Piszczek verschätzte sich der portugiesische Rechtsverteidiger Cédric dramatisch, öffnete damit die Außenbahn für Kamil Grosicki, und der bediente in der Mitte Lewandowski mit einem perfekt dosierten Zuspiel. Der Bayern-Stürmer legte in seinen Abschluss den kompletten Frust seiner vier torlosen Partien zuvor - und ließ Rui Patricio keine Chance.

Lewandowski befreit

Lewandowski war danach anzusehen, wieviel Last dann doch bei allem Lob für seinen Fleiß und seine Laufbereitschaft von ihm abgefallen war. Nach einer guten Viertelstunde ließ er Innenverteidiger Pepe so alt aussehen wie einst im April 2013 beim Dortmunder 4:1 in der Champions League gegen Real Madrid, als der Pole alle vier Tore erzielte. Doch diesmal verhinderte der portugiesische Torhüter Schlimmeres.

Seine Vorderleute wirkten aber angesichts des Rückstands vollkommen ratlos. Irgendwie schien der Matchplan von Trainer Fernando Santos das 0:1 nicht beinhaltet zu haben, ein Plan B war lange Zeit nicht erkennbar. Cristiano Ronaldo war in der ersten halben Stunde wie schon mehrfach in diesem Turnier auf Tauchstation, und dann kam auch noch Pech dazu. Erst scheiterte der ehemalige Weltfußballer mit einem Flachschuss an Lukasz Fabianski, dann verweigerte ihm das deutsche Schiedsrichtergespann um Felix Brych nach einem Schubser des polnischen Innenverteidigers Michal Pazdan einen klaren Elfmeter.

Ausgleich durch Sanches

Die Wut über diese Fehlentscheidung half dann aber offenbar den Portugiesen, besser in die Partie zu kommen. Der Lohn folgte in der 33. Minute: Nach einem Pass in den Rückraum von Nani brachte sich der künftige Bayern-Profi Renato Sanches an der Strafraumgrenze in Position, zog mit links ab und überwand Fabianski - auch weil der polnische Mittelfeldspieler Grzegorz Krychowiak den Schuss noch unhaltbar abfälschte.

"Das war der bestmögliche Zeitpunkt für mein erstes Länderspiel-Tor", freute sich Sanches später - und verwandelte auch seinen Elfmeter nervenstark in den Winkel. In München dürfte man mitgejubelt haben: Der erst 18-jährige Sanches gilt als eines der größten Mittelfeld-Talente Europas und ist dem Rekordmeister 35 Millionen Euro Ablöse an Benfica Lissabon wert - sieht so aus, als wäre das Geld bestens angelegt.

Wenig Tempo, viel Ballgeschiebe

Die zweite Hälfte begann dann zunächst mit wenig Tempo, viel Ballgeschiebe und gegenseitigem Belauern. Räume für die Offensivspieler gab es nur nach Stellungsfehlern der Abwehrspieler, und die waren selten. In der 55. Minute hatte Ronaldo mal Platz auf der halblinken Position, schloss aber viel zu eigensinnig aus spitzem Winkel ab - und traf nur das Außennetz. Nach gut einer Stunde versuchte es Cédric aus der Distanz, verfehlte das polnische Tor aber ganz knapp.

Die Polen selbst taten in dieser Phase nur noch sehr wenig für die Offensive. In der 69. Minute setzte sich Artur Jedrzejczyk auf der linken Seite durch, brachte den bis dahin völlig abgemeldeten Arkadiusz Milik in Stellung. Pepe im Zentrum war mal wieder einen Schritt zu langsam, doch Rui Patrício parierte den Versuch aus kurzer Distanz.

Weinerlicher Ronaldo

Je näher das Ende der regulären Spielzeit kam, desto unansehnlicher wurde die Partie. Auch Ronaldo zuzuschauen, tat regelrecht weh: Immer wieder winkte er mit weinerlichem Gesicht gestenreich ab, wenn ihm die Mitspieler den Ball nicht zentimetergenau servierten oder seine Laufwege perfekt antizipierten - und das taten sie ausgesprochen selten.

Eine Ausnahme gab es in der 85. Minute. Der eingewechselte Joao Moutinho hebelte mit einem brillanten Lupfer-Pass die komplette polnische Abwehr aus, Ronaldo hatte in zentraler Position frei vor Fabianski den ersten Matchball - und trat kläglich am Ball vorbei. Immerhin: Mit der theatralischen Frust-Geste danach meinte er tatsächlich mal seinen eigenen Patzer. Grund zur Aufregung gab es in der darauf folgenden Verlängerung keine mehr, mit einer Ausnahme: Gleich zehn Ordner brauchte es in der 110. Minute, um einen Flitzer zu stellen und vom Feld zu befördern. Danach ruhte das Spiel wieder in Frieden - bis zum Elfmeterschießen.

Fußball · Europameisterschaft 2016

Donnerstag, 30.06.2016 | 21.00 Uhr

Flagge Polen

Polen

Fabianski – Piszczek, Glik, Pazdan, Jedrzejczyk – Krychowiak, Maczynski (98. Jodlowiec) – Blaszczykowski, Grosicki (82. Kapustka) – Lewandowski, Milik

4
Flagge Portugal

Portugal

Patricio – Soares, Pepe, Fonte, Eliseu – W. Carvalho (96. Pereira), Sanches, A. Silva (73. Moutinho) – Nani, Mário (80. Ricardo Quaresma), Cristiano Ronaldo

6

Fakten und Zahlen zum Spiel

Tore:

  • 1:0 Lewandowski (2.)
  • 1:1 Sanches (33.)
  • 1:2 Cristiano Ronaldo (122./Elfmeterschießen)
  • 2:2 Lewandowski (123./Elfmeterschießen)
  • 2:3 Sanches (124./Elfmeterschießen)
  • 3:3 Milik (125./Elfmeterschießen)
  • 3:4 Moutinho (126./Elfmeterschießen)
  • 4:4 Glik (127./Elfmeterschießen)
  • 4:5 Nani (128./Elfmeterschießen)
  • 4:6 Ricardo Quaresma (130./Elfmeterschießen)

Strafen:

  • gelbe Karte Jedrzejczyk (2 )
  • gelbe Karte Glik (1 )
  • gelbe Karte A. Silva (1 )
  • gelbe Karte Kapustka (3 )
  • gelbe Karte W. Carvalho (2 )

Zuschauer:

  • 62.940

Schiedsrichter:

  • Dr. Felix Brych (München)

Stand der Statistik: Mittwoch, 06.07.2016, 16:34 Uhr

Wappen Polen

Polen

Wappen Portugal

Portugal

Tore 1 1
Schüsse aufs Tor 5 5
Ecken 2 7
Abseits 3 3
gewonnene Zweikämpfe 108 98
verlorene Zweikämpfe 98 108
gewonnene Zweikämpfe 52,43 % 47,57 %
Fouls 16 11
Ballkontakte 838 767
Ballbesitz 52,21 % 47,79 %
Fehlpässe 99 68
Passquote 82,93 % 86,53 %
Flanken 10 29
Alter im Durchschnitt 27,9 Jahre 28,1 Jahre

Stand: 01.07.2016, 00:04

Darstellung: