Russland schockt England in letzter Minute

UEFA Euro 2016, Gruppe B: England - Russland 1:1

Russland schockt England in letzter Minute

Von Frank Menke

Noch nie hatte England ein EM-Auftaktspiel gewonnen. Gegen Russland schien der Fluch gebannt - bis kurz vor dem Abpfiff.

England, das wie schon 2012 ohne "Legionäre" bei der EM antritt, versuchte die Sbornaja am Samstag (11.06.2016) im Marseiller Stade Velodrome vom Anpfiff weg zu überrollen. Es dauerte aber bis zur 73. Minute, eher Eric Dier für die Three Lions einen Freistoß direkt verwandelte. Russlands Vasili Berezutski traf in der zweiten Minute der Nachspielzeit zum nicht mehr für möglich gehaltenen und schmeichelhaften Ausgleich.

Hodgson: "Eine tiefe Enttäuschung"

"Klar ist man enttäuscht. Wir haben das ganze Spiel über gut gespielt, und dann kommt noch so ein Ding rein", ärgerte sich Englands Torschütze Dier nach dem Abpfiff. Der kürzlich eingebürgerte Schalker Bundesliga-Profi Roman Neustädter, der in der russichen Startelf stand, sagte: "Wenn man in der letzten Minute das 1:1 macht, ist die Freude riesengroß." Kritisch merkte er an: "Wir müssen noch mal genau gucken, was nicht funktioniert hat." Englands Teamchef Roy Hodgson sprach von "tiefer Enttäuschung", sein Kollege Leonid Sluzki meinte: "Ich danke meinen Spielern. Sie waren so gut wie k.o. - aber trotz des Drucks haben sie noch einen Treffer erzielt."

Englisches Chancen-Festival

Mit Kapitän Wayne Rooney in neuer Rolle im linken Mittelfeld, aber ohne Meister-Stürmer Jamie Vardy von Leicester City, der auf der Bank saß, drehte Engand im extrem offensiven 4-1-2-3-System mächtig auf. Delle Alli, vor zwei Jahren noch in der 3. Liga, hatte die erste Chance (3.), setzte seinen Distanzschuss aber rechts knapp neben das russische Tor. In der 7. Minute bediente Kyle Walker Adam Lallana im Strafraum – Sbornaja-Keeper Igor Akinfeev faustete dessen Schuss aus kurzer Distanz gerade noch auf die Latte. Nur zwei Minuten später verpasste der einschussbereite Harry Kane den Ball am langen Pfosten knapp. Wiederum drei Minuten später köpfte Chris Smalling aus acht Metern den Ball genau in die Arme von Akinfeev.

Russland mit Fünferkette

Die Sbornaja stand in der Anfangsphase angesichts des englischen Offensivwirbels extrem tief, verteidigte mit Fünferkette und versuchte zu kontern – mit bescheidenem Erfolg. Stürmer Artyom Dzyuba, mit acht Treffern bester Schütze in der Qualifikation, hatte in der 4. Minute seine erste Aktion im englischen Sechzehner, wurde aber von Gary Cahill gestoppt. Da die Außenstürmer Fjodor Smolow und Alexander Kokorin ständig defensiv aushelfen mussten, war Dzyba auch in der Folge ziemlich auf sich allein gestellt.

Erst in der 17. Minute kamen die Russen wieder vors englische Tor. Einen Freistoß vom rechten Flügel köpfte Sergej Ignaschewitsch aus zehn Metern in die Arme von Keeper Joe Hart. Dann wieder England: Nach einer herrlichen Ballstafette setzte Lallana den Ball nur knapp neben den langen Pfosten (22.).

Mangelhafte Verwertung

Weiter rollte Angriff auf Angriff aufs russische Tor, die Aktionen der Sbornaja wirkten allzu behäbig und ideenlos. In der 35. Minute hatte Rooney mit einem Vollspannschuss aus 16 Metern seine dicke Chance - Akinfeev bekam gerade noch die Fäuste hoch. Das 0:0 zur Halbzeit war aus russischer Sicht überaus schmeichelhaft. Den einzigen Vorwurf, den man dem Team von Roy Hodgson im ersten Durchgang machen konnte, war die mangelhafte Chancenverwertung.

Dier prüft eigenen Torwart

Nach dem Seitenwechsel begann England verhaltener. Russland wurde etwas aktiver, trat strukturierter auf, ohne jedoch an Tempo und Torgefährlichkeit zuzulegen. Die erste Chance im zweiten Durchgang hatten wieder die Engländer. Rooney setzte einen Freistoß vom rechten Strafraumeck knapp über das Tor (55.). Bezeichnend für Russlands Offensivqualitäten war auch, dass deren erste Chance in der zweiten Halbzeit aus einem Rück-Kopfball von Dier resultierte, der seinen Torhüter Hart zu einer Glanzparade zwang (59.). Der erste eigene Abschluss gelang Smolow, als er einen Schuss von der Strafraumgrenze knapp neben das Tor setzte (63.).

Ausgleich in der Nachspielzeit

Dann gab es schon wieder die nächste Riesenchance für England. Nach Zuspiel von Danny Rose zog Rooney aus 13 Metern ab - Akinfeev lenkte den Ball mit Glück an die Latte. Schließlich zirkelte Dier einen Freistoß von der Strafraumgrenze mit viel Effet in die Torwart-Ecke zur Führung (73.). Doch England freute sich zu früh: Berezutski machte in der Nachspielzeit (90.+2) die englischen Träume zunichte. Erst nach einigem Hin und Her wurde ihm das Tor zuerkannt. Kollege Denis Gluschakow war zwar auch noch am Ball, aber erst, als der die Linie passiert hatte.

Krawalle vor und nach dem Spiel

Unschöner Nachhall: Nach dem Abpfiff des ohnehin von Krawallen überschatteten Spiels gab es im Stadion von Marseille erneut heftige Ausschreitungen. Am Donnerstag (16.06.2016) trifft England nun zum "Bruderkampf" gegen Wales an. Russland spielt schon tags zuvor gegen die Slowakei.

Statistik

Fußball · Europameisterschaft · 1. Spieltag 2016

Samstag, 11.06.2016 | 21.00 Uhr

Flagge England

England

Hart – Walker, Cahill, Smalling, Rose – Dier – Alli, Rooney (78. Wilshere) – Lallana, Kane, Sterling (87. Milner)

1
Flagge Russland

Russland

Akinfejew – Smolnikow, Ignaschewitsch, V. Berezutski, Schtschennikow – Neustädter (80. Gluschakow), Golowin (77. Schirokow) – Smolow (85. Mamajew), Schatow, Kokorin – Dsijuba

1

Fakten und Zahlen zum Spiel

Tore:

  • 1:0 Dier (73.)
  • 1:1 V. Berezutski (90.+2)

Strafen:

  • gelbe Karte Cahill (1 )
  • gelbe Karte Schtschennikow (1 )

Zuschauer:

  • 62.343

Schiedsrichter:

  • Nicola Rizzoli (Italien)

Stand: Samstag, 11.06.2016, 23:11 Uhr

Stand: 11.06.2016, 23:51

Darstellung: