Grandiose Isländer blamieren England

UEFA Euro 2016, Achtelfinale: England - Island 1:2

Grandiose Isländer blamieren England

Von Christian Hornung

Der nächste "Brexit" ist perfekt. Island, die Nation mit weniger Einwohnern als Bielefeld, hat das Mutterland des Fußballs mit Herz und Hingabe aus der EM befördert. Die Engländer leisteten sich eine Blamage von historischem Ausmaß - Coach Roy Hodgson stellte sein Amt zur Verfügung.

Die englische Stürmerlegende Alan Shearer hatte vor dem Anpfiff eine mögliche Achtelfinal-Pleite gegen Island und das mit verbundene EM-Aus als "größte Peinlichkeit in der Geschichte unserer Nationalmannschaft" bezeichnet. Er hielt dieses Szenario allerdings für "undenkbar". Jetzt müssen er und sein Land sich genau damit befassen. England und Europa - damit trennt sich nun auch fußballerisch, was seit dem "Brexit" vor vier Tagen bereits politisch nicht mehr zusammengehört. Der Trainer zog schon 25 Minuten nach dem Schlusspfiff die Konsequenzen - und kündigte seinen Rücktritt an: "Es ist Zeit für jemand anderen, um zu übernehmen. Ich hätte gerne noch zwei Jahre weitergemacht, aber Fußball ist ein Ergebnissport."

Birkir Bjarnason gab sich nach der Partie ebenso cool wie zuvor in den 90 Minuten: "Es ist großartig, Teil dieser Geschichte zu sein. Aber wir wussten schon vor dem Anpfiff, was für alle möglich ist. Wir kennen schließlich unsere Mentalität." Ragnar Sigurdsson jubelte: "Die Engländer sind Spieler, denen wir sonst am Fernseher zuschauen. Ich kann es nicht fassen. Die Zuschauer waren unser zwölfter Mann."

Immer wieder Nadelstiche

Island, das in der Qualifikation bereits die Niederländer auf dem Gewissen hatte und jetzt im Viertelfinale am Sonntag (03.07.2016) auf Gastgeber Frankreich trifft, verdiente sich den 2:1 (2:1)-Erfolg mit einer leidenschaftlichen Abwehrschlacht. Aber sie setzten auch immer wieder Nadelstiche nach vorne, die die hochbezahlten Superstars nicht verarbeiten konnten.

Die Partie am Montagabend (27.06.2016) in Nizza begann einigermaßen wild. Schon nach drei Minuten rannte Islands Keeper Hannes Halldórsson im Strafraum Raheem Sterling um, den fälligen Elfmeter verwandelte Wayne Rooney sicher. Doch die Führung der Engländer hielt keine 120 Sekunden. Kárí Árnason verlängerte einen weiten Einwurf von Aaron Gunnarsson auf den zweiten Pfosten, wo sich Ragnar Sigurdsson mit Urgewalt durchsetzte - und aus kurzer Distanz Joe Hart keine Chance ließ.

Hart mit Riesenpatzer

Die Mannschaft von Roy Hodgson reagierte mit wütenden Angriffen, wurde aber außer durch zu hoch angesetzte Distanzschüsse von Dele Alli und Harry Kane nicht gefährlich. Die Isländer ließen die Welle einigermaßen unbeeindruckt über sich ergehen und schlugen eiskalt zurück. In der 18. Minute hielt Kolbeinn Sighthórsson nach einem Querpass von Jón Dadi Bödvarsson einfach mal aus 14 Metern flach aufs Tor drauf - und Hart schaffte es, diesen eher harmlosen Roller unter seiner linken Hand zum 1:2 durchflutschen zu lassen.

Die erste gute Torwartaktion dieser Partie gab es nach knapp einer halben Stunde. Daniel Sturridge bediente von der rechten Außenbahn Harry Kane, der volley mit dem Vollspann abzog. Doch Halldórsson reagierte hervorragend und lenkte die Kugel noch über die Latte.

Spektakulärer Fallrückzieher

Im zweiten Durchgang versuchte Hodgson mit der Hereinnahme von Jack Wilshere für Eric Dier, seiner immer ratloser wirkenden Mannschaft mehr Spielkultur zu verleihen. Doch es half zunächst wenig. Stattdessen hatte Island sogar das 3:1 vor Augen: Ragnar Sigurdsson, nach seinem Ausgleichstreffer vor Selbstvertrauen strotzdend, zauberte in der 55. Minute einen spektakulären Fallrückzieher auf das Tor von Hart, den der umstrittene Goalie aber entschärfen konnte. Auch der aufgerückte Rechtsverteidiger Birkir Saevarsson scheiterte mit einem Distanzschuss in der 72. Minute.

Bei den Engländern machte sich in der letzten halben Stunde die pure Verzweiflung breit. In den Gesichtern von Rooney und Kane war die nackte Angst zu bestaunen - entsprechend verzweifelt fielen ihre Fernschussversuche aus, die teilweise der Eckfahne näherkamen als dem Tor von Halldórsson. Eingreifen musste der Schlussmann in der 80. Minute, aber Kanes Kopfball flog ihm genau in die Arme.

Packing-Rate eine Ohrfeige

Danach kam bis auf eine knapp verpasste Kopfballchance des eingewechselten Jamie Vardy nichts mehr von den Engländern - die auch der "Packing"-Statistik nach zu Recht unterlagen: Island stand zwar oft unter Druck, schaffte es aber, insgesamt mehr gegnerische Verteidiger zu überspielen als die optisch überlegenen Engländer (41:28) - eine Ohrfeige für den haushohen Favoriten. Der Jubel der Nordmänner, die damit ihre Idole aus der Premier League geschlagen haben, war am Ende nicht nur grenzenlos, sondern auch hochverdient.

Statistik

Fußball · Europameisterschaft 2016

Montag, 27.06.2016 | 21.00 Uhr

Flagge England

England

Hart – Walker, Cahill, Smalling, Rose – Dier (46. Wilshere) – Alli, Rooney (87. Rashford) – Sturridge, Kane, Sterling (60. Vardy)

1
Flagge Island

Island

Halldorsson – Saevarsson, Arnason, R. Sigurdsson, Skulason – Gudmundsson, Gunnarsson, G. Sigurdsson, B. Bjarnason – Bödvarsson (89. Traustason), Sigthorsson (76. E. Bjarnason)

2

Fakten und Zahlen zum Spiel

Tore:

  • 1:0 Rooney (5./Foulelfmeter)
  • 1:1 R. Sigurdsson (6.)
  • 1:2 Sigthorsson (18.)

Strafen:

  • gelbe Karte G. Sigurdsson (1 )
  • gelbe Karte Sturridge (1 )
  • gelbe Karte Gunnarsson (1 )

Zuschauer:

  • 33.901

Schiedsrichter:

  • Damir Skomina (Slowenien)

Stand der Statistik: Montag, 27.06.2016, 22:55 Uhr

Stand: 27.06.2016, 23:27

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