Wales lehrt Belgien das Fürchten

UEFA Euro 2016, Viertelfinale: Wales - Belgien 3:1

Wales lehrt Belgien das Fürchten

Von Frank Menke

Das EM-Viertelfinale gegen Belgien sollte für Wales das größte Spiel der Verbandsgeschichte seit dem WM-Viertelfinale 1958 in Schweden werden. Es wurde sogar noch größer - die Waliser stehen im EM-Halbfinale.

Auch Belgien hat nicht das Schlusskapitel des Waliser EM-Märchens in Frankreich geschrieben. Das Team um Superstar Gareth Bale setzte sich im Viertelfinale gegen die Roten Teufel mit 3:1 (1:1) durch. Radja Nainggolan brachte die Belgier in Führung (13.), der walisische Kapitän Ashley Williams erzielte per Kopf den Ausgleich (30.). Hal Robson-Kanu machte das 2:1 (55.), der eingewechselte Sam Vokes besorgte Belgiens endgültigen Knockout (86.).

Coleman: "Wahnsinn, das wir jetzt hier stehen"

Waliser Torjubel mit Gareth Bale (oben)

Trainer Chris Coleman sagte zum größten Erfolg der Waliser Fußballgeschichte: "Wahnsinn, dass wir jetzt hier stehen. Jetzt wollen wir noch weiter. Es ist essenziell, es ist wichtig zu träumen." Torschütze Robson-Kanu rang nach Worten: "Das ist so schwer zu beschreiben, wir haben so hart dafür gearbeitet. Dass wir jetzt im Halbfinale eines großen Turniers stehen, ist unglaublich." Belgiens Axel Witsel war untröstlich: "Wir sind am Boden zerstört und haben uns das ganz anders vorgestellt."

Heimspiel für Rote Teufel

Heimspiel-Atmosphäre empfing die Belgier im Stade Pierre Mauroy in Lille nur rund 20 Kilometer von der belgischen Grenze entfernt. Mindestens 150.000 Fans der Roten Teufel waren in die Stadt gekommen, 12.000 von ihnen im Stadion. "Es wird sie ein Höllenspiel erwarten", hatte der Waliser Trainer der Mannschaft von Marc Wilmots gedroht. Er hatte den Mund nicht zu voll genommen, was viele walisische Anhänger live nicht mitbekamen, weil es bei der Anreise im Eurotunnel zu Verzögerungen von bis zu fünf Stunden kam.

Belgiens fatale Abwehrsorgen

Wilmots hatte die jüngste Startelf des Turniers mit einem Schnitt von 24,7 Jahren ins Rennen geschickt, nicht aber seine Stamm-Innenverteidigung. Thomas Vermaelen war nach seiner zweiten Gelben Karte gesperrt, Jan Vertonghen fehlte mit doppeltem Bänderriss. So kamen Jordan Lukaku, jüngerer Bruder von Romelu, und Jason Denayer zu ihrem EM-Debüt. Kapitän Eden Hazard, der sieben Jahre lang für den OSC Lille gespielt hatte, war nach seiner leichten Oberschenkelzerrung rechtzeitig wieder fit geworden. Bei den Walisern konnte Kapitän Williams nach seiner Schulterverletzung ebenfalls wieder auflaufen.

Triple-Chance vergeben

Wales operierte wieder mit Fünferkette und davor drei Sechsern, stand zunächst extrem tief und überließ den Belgiern die Handlungshoheit. Es dauerte sieben Minuten bis zur ersten belgischen Großchance. Nach einer Flanke von Romelu Lukaku parierte der walisische Keeper Wayne Hennessey zunächst Yannick Carrascos Schuss vom rechten Fünfereck. Den Nachschuss von Thomas Meunier kratzte Ben Davies von der Linie, Hazards dritten Anlauf blockte Neil Taylor. Die folgende Ecke spitzelte Romelu Lukaku knapp am rechten Pfosten vorbei (8.). Zwei Minuten später setzte Wales ein erstes Zeichen - Bale setzte einen Schuss von halblinks ans Außennetz.

Traumtor von Nainggolan

In der 13. Minute war es dann soweit. Nach Ballverlust von Jürgen Klopps Schützling Joe Allen vom FC Liverpool leitete Hazard die Kugel zu Nainggolan weiter. Dessen Schuss aus 20 Metern drehte sich perfekt in den linken Winkel zum 1:0. Wales leistete sich defensiv wie offensiv zunächst zu viele Fehler und tastete sich vorsichtig in die Partie. In der 26. Minute dann fast der Ausgleich: Nach Zuspiel von Aaron Ramsey jagte Taylor den Ball aus acht Metern aufs Tor - Keeper Thibaut Courtois rettete die Führung mit einem grandiosen Reflex.

Wales taut auf

Doch Wales wurde schnell frecher und investierte mehr in die Offensive. Mit Erfolg: Nach einer Ecke von rechts verloren die Belgier Ashley Williams aus den Augen, der aus sechs Metern zum Ausgleich einköpfte (30.). Belgien antwortete: Eine Hazard-Flanke von rechts lenkte Hennessey gerade noch am lauernden Romelu Lukaku vorbei. Das beeindruckte wiederum die "Drachen" nicht. Einen Konter schloss Bale selbst ab, fand in Belgiens Torhüter Courtois aber seinen Meister (34.). Die Roten Teufel wirkten irritiert ob der walisischen Offensivbereitschaft, die Männer von der Insel erkämpften sich zu diesem Zeitpunkt über 55 Prozent Ballbesitz.

Teufel mit großen Defensiv-Problemen

Im Vergleich zum ersten Viertelfinale zwischen Polen und Portugal boten beide Mannschaften geradezu Spektakel-Fußball. Allerdings waren den Belgiern ihre Defensivprobleme deutlich anzumerken. Nach einer Ecke kam erneut Ashley Williams frei zum Kopfball. Der blieb zwar ohne Folgen, entlarvte jedoch Belgiens Zuordnungs-Probleme nicht nur bei Standards. Einen Konter über Ramsey und Hal Robson-Kanu entschärfte erneut Courtois (45.). Wilmots wilde Gesten in der Coaching-Zone sprachen Bände. Die Belgier lauerten zwar darauf, ihr gefürchtetes Umschaltspiel aufzuziehen, doch die Waliser gaben ihnen den Raum nicht.

Kalte Dusche durch Robson-Kanu

Wilmots reagierte. Zur zweiten Halbzeit nahm er Rechtsaußen Carrasco raus und brachte den zusätzlichen Sechser Marouane Fellaini. Und plötzlich lief es kurioserweise auch wieder offensiv. Nach Flanke von Meunier köpfte Romelu Lukaku frei aus sechs Metern am walisischen Tor vorbei (49.). Kurz darauf setzte Kevin De Bruyne einen 18-Meter-Schuss nur knapp über die Latte (50.), dann zischte ein Hazard-Geschoss am rechten Pfosten vorbei (51.). Die kalte Dusche folgte prompt. Einen 50-Meter-Pass von Bale leitete Ramsey zu Robson-Kanu weiter, der Meunier und Fellaini im Strafraumzentrum ganz alt aussehen ließ und zum 2:1 einnetzte (55).

Alles oder Nichts

Belgien wirkte angezählt, die Angriffe wurden zu oft ideenlos und durch die Mitte vorgetragen. Und die Waliser piesackten die Roten Teufel zusätzlich mit offensiven Nadelstichen. Dann hatte Fellaini den Ausgleich auf dem Kopf, setzte den Ball aus vier Metern aber neben das Tor (74.). Belgien spielte jetzt Alles oder Nichts. Ein Distanzschuss von Witsel strich knapp über die Latte (79.). Dann fiel Nainggolan im walisischen Strafraum etwas zu schnell, es gab zurecht keinen Elfmeter (84.). Schließlich erlegte der eingewechselte Vokes nach Traumflanke von Chris Gunter die Roten Teufel endgültig (86.). Die Waliser treffen nun am Mittwoch (06.07.2016) um 21 Uhr im Halbfinale auf Portugal.

Fußball · Europameisterschaft 2016

Freitag, 01.07.2016 | 21.00 Uhr

Flagge Wales

Wales

Hennessey – Chester, A. Williams, Davies – Gunter, Allen, Ledley (78. King), Taylor – Ramsey (90. Collins) – Bale, Robson-Kanu (80. Vokes)

3
Flagge Belgien

Belgien

Courtois – Meunier, Alderweireld, Denayer, J. Lukaku (75. Mertens) – Witsel, Nainggolan – Carrasco (46. Fellaini), De Bruyne, Hazard – R. Lukaku (83. Batshuayi)

1

Fakten und Zahlen zum Spiel

Tore:

  • 0:1 Nainggolan (13.)
  • 1:1 A. Williams (31.)
  • 2:1 Robson-Kanu (55.)
  • 3:1 Vokes (86.)

Strafen:

  • gelbe Karte Davies (2 )
  • gelbe Karte Chester (1 )
  • gelbe Karte Gunter (1 )
  • gelbe Karte Fellaini (2 )
  • gelbe Karte Ramsey (2 )
  • gelbe Karte Alderweireld (1 )

Zuschauer:

  • 45.936

Schiedsrichter:

  • Damir Skomina (Slowenien)

Stand der Statistik: Freitag, 01.07.2016, 22:55 Uhr

Wappen Wales

Wales

Wappen Belgien

Belgien

Tore 3 1
Schüsse aufs Tor 7 4
Ecken 7 8
Abseits 1 2
gewonnene Zweikämpfe 84 72
verlorene Zweikämpfe 72 84
gewonnene Zweikämpfe 53,85 % 46,15 %
Fouls 9 6
Ballkontakte 552 602
Ballbesitz 47,83 % 52,17 %
Fehlpässe 40 51
Passquote 88,54 % 87,89 %
Flanken 9 17
Alter im Durchschnitt 27,8 Jahre 25,1 Jahre

Stand: 01.07.2016, 23:35

Darstellung: