Neuer und Boateng retten EM-Auftakt

UEFA Euro 2016, Gruppe C: Deutschland - Ukraine 2:0

Neuer und Boateng retten EM-Auftakt

Von Frank Menke

Die deutsche Nationalmannschaft ist gegen die Ukraine erfolgreich in die Euro 2016 gestartet - trotz zuweilen chaotischer Zustände in der neuformierten Abwehr-Viererkette.

Noch nie ist Deutschland mit einer Niederlage in eine EM gestartet. Daran änderte sich am Sonntag (12.06.2016) auch in Lille nichts. 2:0 (1:0) siegte das DFB-Team bei seinem Einstieg in die Euro 2016 gegen die Ukraine. Die Führung erzielte Shkodran Mustafi (19.), das 2:0 besorgte der kurz zuvor eingewechselte Bastian Schweinsteiger (90.+2) nach einem Konter mit einem Schuss in den Winkel.

Schweinsteiger: "Alles ist sehr gut"

Schweinsteiger strahlte nach seinem zweiten Kurzeinsatz seit Mitte März, nach seinem ersten Treffer im DFB-Dress nach fast fünf Jahren und seinen überwundenen Knieproblemen: "Alles ist sehr gut. Meine Verletzung ist ausgeheilt, ich fühle mich gut. Der Weg nach dem Jubel war lang, ich bin ein bisschen außer Atem. Unglaublich, dass es sowas gibt." Torhüter Manuel Neuer analysierte treffend: "Wir haben nicht all das zeigen können, was wir schon gezeigt haben. Wir werden uns noch steigern."

Neuer mit Kapitänsbinde

Neuer führte die Elf als Kapitän an. Joachim Löws Aufstellung überraschte nicht. Mustafi ersetzte Mats Hummel in der Innenverteidigung neben Jerome Boateng, Benedikt Höwedes verteidigte rechts, Jonas Hector links. Mit dieser Viererkette hatte die Mannschaft zuvor noch nie gespielt, was man ihr deutlich anmerkte. Mario Götze gab die falsche Neun, Stoßstürmer Mario Gomez saß nur auf der Bank.

Fast eiskalt erwischt

Die deutsche Mannschaft bemühte sich vom Anpfiff weg um Handlungshoheit. Die erste Chance hatte Julian Draxler nach Zuspiel von Mario Götze schon in der 4. Minute, sein Schuss aus zehn Metern war aber zu harmlos. Im Gegenzug setzte Yevhen Konoplyanka, der mit Andriy Jarmolenko die gefürchtete ukrainische Flügelzange bildet, nach Ballverlust von Mustafi das erste Ausrufezeichen für sein Team. Seine Direktabnahme von der Strafraumgrenze wischte Neuer mit einer Weltklasse-Parade aus dem Winkel.

Treffer nach Freistoß – eine Rarität

Unbeirrt drückte die deutsche Mannschaft weiter auf die Führung - und kam dabei immer wieder über die Außen. In der 12. Minute passte Draxler im ukrainischen Strafraum auf Thomas Müller. Dessen Kopfball-Ablage setzte der unbedrängte Hector aus elf Metern neben das Tor. Sieben Minuten später zirkelte Kroos von halbrechts einen Freistoß zum zweiten Pfosten, Mustafi stieg am höchsten und drückte den Ball per Kopf wuchtig ins Tor (19.). Endlich mal wieder ein Treffer nach einem Freistoß - das war dem deutschen Team in der gesamten EM-Qualifikation nicht gelungen.

Khedira vergibt das 2:0

Die Ukraine zeigte sich vom Rückstand nur mäßig beeindruckt – nicht zuletzt deshalb, weil Deutschland immer wieder große Abstimmungs- und Zuordnungsprobleme in der Abwehr offenbarte. Nach einer Ecke setzte sich Khacheridi im deutschen Strafraum gegen Mustafi durch - Neuer entschärfte den Kopfball-Torpedo erneut mit einer weltmeisterlichen Parade (27.). Dann hatte Sami Khedira nach einem langen Pass das 2:0 auf dem Fuß, scheiterte aber völlig frei an Ukraines Torhüter Andriy Pyatov (30.).

Boatengs artistische Rettungstat

Die Ukrainer standen trotz des Rückstands weiter tief, wurden aber eingedenk der zuweilen chaotischen Verhältnisse in der deutschen Abwehr immer mutiger. Wie in der 37. Minute: Jarmolenko flankte nach links auf den freistehenden Konoplyanka, der in die Mitte passte, wo Boateng erst im zweiten Anlauf den Ball vor dem lauernden Roman Zozulya von der Linie kratzte, wie die Goal-Line-Technology bewies.

Der Bundestrainer kommentierte die Szene nach dem Abpfiff mit Fein- und Hintersinn. "Es ist gut, wenn man einen Jerome als Nachbarn hat in der Abwehr", sagte er in Anspielung an Äußerungen des stellvertretenden Vize der rechtspopulistischen AfD, Alexander Gauland. Der hatte sich zu der Behauptung verstiegen, dass Boatengs Mitmenschen ihn wegen seiner ghanaischen Wurzeln als fremd empfänden und nicht als Nachbarn haben wollten.

Kroos-Kracher touchiert die Latte

Insgesamt hatte das DFB-Team mächtig Glück, ohne Gegentreffer in die Pause gehen zu dürfen.Die ersten Offensivaktionen im zweiten Durchgang gehörten wieder der deutschen Mannschaft. In der 48. Minute zog Draxler links am Strafraumeck ab - Pyatov faustete den Ball zur Seite weg. Vier Minuten später legte Passmaschine Toni Kroos mit einem Distanzschuss aus 20 Metern nach - der Ball rasierte die Latte. Dann aber musste auch schon wieder Neuer retten - diesmal bei einem Distanzschuss von Rakitskyi aus 22 Metern (58).

Özil schwach

Insgesamt agierte die deutsche Mannschaft im zweiten Durchgang bissiger als im ersten, gewann deutlich mehr Zweikämpfe, hatte mehr Spielanteile, wirkte ballsicher und war weiterhin torgefährlich. Wenig dazu steuerte allerdings der von Löw so hoch gelobte Mesut Özil bei. Von ihm war bis auf das geniale Zuspiel auf Schweinsteiger vor dem 2:0 so gut wie nichts zu sehen. Mehr Akzente setzten andere: Nach Zuspiel von Draxler zog Khedira aus 20 Metern ab, Pyatov fischte den Ball aus dem rechten Eck (61.).

Ukrainer am Ende platt

Am Ende feierte die deutsche Elf einen Arbeitssieg, zumal die Ukrainer mit zunehmender Spieldauer körperlich immer mehr abbauten. Zuvor gab es aber noch eine Schrecksekunde zu überstehen, als Mustafi eine Rückgabe über Neuer aufs eigene Tor brachte und der Ball nur knapp am Pfosten vorbeitrudelte (88.).

Fazit: Große Abwehrsorgen

Fazit: Was die Offensive betrifft, muss einem nicht bange sein um das DFB-Team. Der Zustand der nicht eingespielten Abwehr treibt einem allerdings tiefe Sorgenfalten ins Gesicht. Die Hoffnungen ruhen nun darauf, dass Innenverteidiger Hummels am Donnerstag (16.06.2016) gegen Polen, den wohl ärgsten Rivalen im Kampf um den Gruppensieg, endlich wieder mitmischen kann. Drei Stunden früher misst sich die Ukraine in Lyon mit den unbequemen Nordiren.

Statistik

Fußball · Europameisterschaft · 1. Spieltag 2016

Sonntag, 12.06.2016 | 21.00 Uhr

Flagge Deutschland

Deutschland

Neuer – Höwedes, Boateng, Mustafi, Hector – S. Khedira, Kroos – T. Müller, Özil, Draxler (78. Schürrle) – Götze (90. Schweinsteiger)

2
Flagge Ukraine

Ukraine

Pjatow – Fedezki, Chatscheridi, Rakizki, Schewtschuk – Stepanenko, Sidortschuk – Jarmolenko, Kowalenko (73. Sintschenko), Konopljanka – Sosulja (66. Selesnew)

0

Fakten und Zahlen zum Spiel

Tore:

  • 1:0 Mustafi (19.)
  • 2:0 Schweinsteiger (90.+2)

Strafen:

  • gelbe Karte Konopljanka (1 )

Zuschauer:

  • 43.035

Schiedsrichter:

  • Martin Atkinson (England)

Stand der Statistik: Montag, 27.06.2016, 17:37 Uhr

Stand: 13.06.2016, 00:15

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