Polen ärgert DFB-Auswahl

UEFA Euro 2016, Gruppe A: Deutschland - Polen 0:0

Polen ärgert DFB-Auswahl

Von Frank Menke

Deutschland und das ominöse zweite Turnierspiel: Gegen Polen hat die DFB-Auswahl den vorzeitigen EM-Achtelfinaleinzug verpasst.

Bei ihrer ersten Rückkehr ins Stade de France nach den Pariser Terroranschlägen vom 13. November 2015 schaffte die deutsche Mannschaft nach zähem Abnutzungskampf nur ein torloses Remis gegen die Polen. Damit ist der Achtelfinaleinzug der Truppe von Joachim Löw vertagt. Erkenntnis des Spiels: Diesmal stand die Abwehr souverän, dafür schwächelte die Offensive.

Boateng froh über das 0:0

Thomas Müller (vorne) im Zweikampf mit Robert Lewandowski

Thomas Müller (vorne) im Zweikampf mit Robert Lewandowski

Hart ins Gericht mit dem deutschen Angriff ging nach dem Abpfiff Jerome Boateng: "Wir können froh sein, dass wir 0:0 gespielt haben. Wir haben kein Eins-zu-Eins-Duell in der Offensive gewonnen. Wir haben uns als Mannschaft gut defensiv verhalten, besser als gegen die Ukraine. Aber offensiv hat viel gefehlt." Kollege Toni Kroos sah es ähnlich: "Vorn fehlte einfach was."

Der Bundestrainer komplettierte: "Insgesamt ist das Unentschieden vollkommen gerecht. Im Spiel nach vorn haben wir nur wenige Lösungen gefunden." Sein polnischer Kollege Adam Nawalka gab selbstbewusst zu Protokoll: "Ich bin nicht vom Spielausgang überrascht. Wir haben das Spiel kontrolliert."

Bei all seinen großen Turnieren hatte der Bundestrainer im zweiten Spiel stets derselben Anfangs-Elf vertraut wie in der ersten Partie - diesmal nicht. Für Shkodran Mustafi, der gegen die Ukraine zwar die Führung erzielte, defensiv aber einige Male alt aussah, rückte der von seinem Muskelfaserriss genesene Mats Hummels in die Innenverteidigung. Stoßstürmer Mario Gomez saß zunächst auf der Bank. Mario Götze, der beim 3:1-Sieg in der EM-Qualifikation gegen Polen zwei Treffer erzielt hatte, gab erneut die falsche Neun.

Früheste Gelbe Karte für Khedira

Die deutsche Mannschaft demonstrierte vom Beginn weg Präsenz - auch körperlich. Sami Khedira sah schon nach zweieinhalb Minuten nach Foul an Arkadiusz Milik die Gelbe Karte. Es war die bislang früheste dieser Euro. Die erste Chance hatte die DFB-Elf wie schon gegen die Ukraine in der 4. Minute. Nach Flanke von Julian Draxler köpfte Götze den Ball aus elf Metern knapp über die Latte. In der Folge drückte die deutsche Elf weiter auf die Führung, während die meist tief stehenden Polen ausschließlich auf Konter lauerten.

Linkslastige Angriffe

Deutschland dominierte die Partie, ließ es aber offensiv an Entschlossenheit mangeln. Erst in der 16. Minute hatte die DFB-Elf ihre zweite Chance: Thomas Müller tankte sich links in den polnischen Strafraum und legte den Ball zu Toni Kroos rüber, der das Tor aus zwölf Metern verfehlte. Auffällig: Die meisten deutschen Angriffe liefen über die linke Seite, Linksverteidiger Jonas Hector hatte zu diesem Zeitpunkt über doppelt so viele Ballkontakte als sein Pendant auf rechts, Benedikt Höwedes.

Mit Hummels an der Seite von Boateng wirkte die deutsche Innenverteidigung deutlich stabiler als mit Mustafi gegen die Ukraine. Auch Höwedes und Hector hielten ihre Seiten dicht. So dauerte es bis zur 21. Minute, ehe die Polen überhaupt mal vors deutsche Tor kamen: Höwedes blockte den 18-Meter-Schuss von Robert Lewandowski souverän ab, eine Minute später blockte Hummels gegen Milik ebenfalls stark.

Polen mit zwei Viererketten

Deutschland kombinierte sich einige Male schön bis an den polnischen Strafraum, hatte aber weiter Probleme damit, gegen die beiden dicht gestaffelten polnischen Viererketten Räume zu schaffen und Torchancen zu kreieren. In der 38. Minute setzte Götze den Ball aus 17 Metern an den rechten Pfosten, Passgeber Müller hatte aber zuvor abseits gestanden. Ein Khedira-Distanzschuss landete deutlich neben dem polnischen Tor (44.).

Die zweite Halbzeit begann gleich mit einer Schrecksekunde für Deutschland und der ersten echten Chance für die Polen. Boateng unterlief eine Flanke von rechts, Milik köpfte aus drei Metern am Tor vorbei (46.). Überhaupt wurden die Polen jetzt mutiger. Lewandowski legte einen Freistoß Kollege Milik auf - dessen Schuss aus 18 Metern touchierte noch leicht das Außennetz (59.). Zehn Minuten später trat der frei postierte Milik in aussichtsreicher Position über den Ball.

Fabianski entschärft Özil-Torpedo

Im deutschen Spiel fehlten Tempowechsel und Überraschungsmomente. Das Löw-Team musste sich auch den Vorwurf gefallen lassen, zu wenig aufs Tor zu schießen. Immerhin: Ein Distanzschuss von Taktgeber Kroos strich knapp über die Latte (65.), einen weiteren von Mesut Özil lenkte Polens Keeper Lukasz Fabianski gerade noch übers Tor (69.). In der 72. Minute brachte der Bundestrainer schließlich Gomez für Draxler.

Achtelfinale verschoben

Doch auch mit dem Stoßstürmer entwickelte Deutschland nicht jene Zielstrebigkeit im polnischen Strafraum, um das Abwehrbollwerk zu knacken. Eine Traumvorlage von ihm auf Höwedes legte sich der Schalker im polnischen Sechzehner zu weit vor (85.). Am Ende musste sogar noch ein bisschen gezittert werden, bis das 0:0 feststand. Das DFB-Team hat unter Cheftrainer Löw nur eine von fünf zweiten Turnierpartien gewonnen. In diesem Fall heißt das: Der Achtelfinaleinzug ist verschoben. Rang drei hat Deutschland aber sicher, unklar bleibt, ob es auch einer der vier besten Gruppendritten sein wird.

Deutschland bestreitet sein letztes Gruppenspiel nun am Dienstag (21.06.2016) um 18 Uhr in Paris gegen Nordirland. Die Polen, die den besten Turnierstart seit der WM 1986 hingelegt haben, spielen zur selben Zeit in Marseille gegen die Ukraine.

Statistik

Fußball · Europameisterschaft · 2. Spieltag 2016

Donnerstag, 16.06.2016 | 21.00 Uhr

Flagge Deutschland

Deutschland

Neuer – Höwedes, Boateng, Hummels, Hector – S. Khedira, Kroos – T. Müller, Özil, Draxler (71. Gomez) – Götze (66. Schürrle)

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Flagge Polen

Polen

Fabianski – Piszczek, Glik, Pazdan, Jedrzejczyk – Blaszczykowski (80. Kapustka), Krychowiak, Maczynski (76. Jodlowiec), Grosicki (87. Peszko) – Lewandowski, Milik

0

Fakten und Zahlen zum Spiel

Strafen:

  • gelbe Karte S. Khedira (1 )
  • gelbe Karte Özil (1 )
  • gelbe Karte Maczynski (1 )
  • gelbe Karte Grosicki (1 )
  • gelbe Karte Boateng (1 )
  • gelbe Karte Peszko (1 )

Zuschauer:

  • 73.648

Schiedsrichter:

  • Björn Kuipers (Niederlande)

Stand der Statistik: Montag, 27.06.2016, 17:37 Uhr

red/dpa/sid | Stand: 17.06.2016, 00:00

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