Spanien - Dominanz ohne Durchschlagskraft?

UEFA Euro 2016

Spanien - Dominanz ohne Durchschlagskraft?

Von Robin Tillenburg

Etwas überraschend verzichtete Spaniens Nationaltrainer Vicente del Bosque für die EM auf die Topstürmer Diego Costa und Fernando Torres. Im letzten Test gegen Georgien fehlte dem Team die Durchschlagskraft - droht das auch bei der Euro?

Ein 0:1 gegen "Fußballzwerg" Georgien - für einen Titelverteidiger und erneuten Anwärter auf den Europameistertitel ist das nicht gerade die Generalprobe, die man sich wünschen würde. Die "Furia Roja" erhielt somit kurz vor dem Start ins Turnier gegen die Tschechien einen Dämpfer.

Spaniens altes Problem - viel Kontrolle, kaum Gefahr

Dabei offenbarte sich ein Problem, das man dem Team in Fachkreisen bereits nach der Kader-Bekanntgabe prophezeit hatte. Eine Klage, die das auf Ballkontrolle fokussierte spanische Spiel schon lange begleitet: Die Mannschaft hatte gefühlt über die kompletten 90 Minuten den Ball, kreierte aber gegen einen tief stehenden Gegner kaum Torchancen. Ein Pfostenschuss aus der Distanz vom Münchner Thiago - das war es dann auch schon mit echten Hochkarätern. Man wurde das Gefühl nicht los, dass ein Torres oder Costa im Mittelsturm durchaus die eine oder andere Lücke hätten reißen können.

Aduriz lässt Gefahr vermissen

Doch del Bosque ließ nicht, wie man angesichts des drögen Spielverlaufs hätte meinen können, mit "falscher Neun" agieren, die er mit Cesc Fabregas bereits bei der EM 2012 salonfähig gemacht hatte. Vielmehr setzte er in vorderster Front auf einen echten Mittelstürmer, den 35 Jahre alten Aritz Aduriz von Athletic Bilbao. Der hat zwar in der abgelaufenen Saison 20 Tore für den Tabellensechsten erzielt, in seiner langen Karriere aber nie den Sprung in die Weltklasse geschafft. Dies haben ihm Costa und auch Torres unbestreitbar voraus.

Umso unverständlicher erscheint der Verzicht auf die beiden Stoßstürmer, schließlich will der erfahrene Coach ja sogar mit einem echten Angreifer in vorderster Front spielen. Dass del Bosque anstelle von Costa und Torres einen noch älteren Stürmer mit zudem ähnlicher Spielanlage berief, warf bereits im Vorfeld in den spanischen Medien viele Fragen auf.

Morata schon die Lösung?

So droht den Spaniern schon vor dem Turnierauftakt am Montag (13.06.2016) gegen Tschechien wieder einmal die Debatte um die fehlende offensive Durchschlagskraft. Zerstreuen könnte diese Bedenken wohl nur ein Mann: Alvaro Morata. Morata bekleidete im vorletzten Test, beim 6:1 gegen Südkorea, die Position im Sturm, erzielte dabei zwei Treffer und gab einen Assist. Der 23-Jährige von Juventus Turin ist einer der begehrtesten Spieler auf dem europäischen Markt und gilt trotz seines noch relativ jungen Alters als "kompletter" Stürmer - schnell, kopfballstark, technisch versiert und konsequent im Abschluss.

Dass ihm mit erst neun Länderspielen bei seinem ersten großen internationalen Turnier noch ein wenig die Erfahrung fehlt, könnte angesichts seiner Nebenmänner in der Offensive schnell zur Nebensache werden. Pedro Rodriguez, David Silva, Cesc Fabregas, Andres Iniesta, Sergio Busquets und auch die Kollegen in der Hintermannschaft haben genug Spiele mit der iberischen Auswahl hinter sich gebracht, um einem jungen und immerhin schon mit 26 Champions-League-Spielen ausgestatteten Mittelstürmer die Nervosität zu nehmen.

Die "falsche Neun" im Hinterkopf

Sollte Morata dem ansonsten etwas in die Jahre gekommenen Team auch die nötige Portion Frische bescheren und die Vorlagen von Iniesta und Co. nutzen können, dann hätten die Spanier gute Chancen, den angepeilten Titel-Hattrick zu vollenden. Findet der Jungstar allerdings nicht richtig ins Turnier, steht del Bosque vor einem Problem.

Dass Aduriz im gestandenen Alter von 35 noch einmal eine Leistungsexplosion erlebt, erscheint eher unwahrscheinlich. Dann bliebe dem Trainerfuchs nur noch die "falsche Neun". Die ist zwar in Europa fast schon ein alter Hut, führte 2012 allerdings zu einem sehr überzeugenden Titel - die Furia Roja hat also trotz des schwachen Auftritts gegen Georgien und der vermeintlich fehlenden Durchschlagskraft noch den ein oder anderen Pfeil im Köcher.

Stand: 13.06.2016, 08:30

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