Viel Schmäh fürs Team Austria

UEFA Euro 2016, Gruppe F: Island - Österreich 2:1

Viel Schmäh fürs Team Austria

Von Frank Menke

Nach der Pleite gegen Island und dem blamablen EM-Vorrunden-Aus erwartet die österreichischen Kicker wohl ein Spießrutenlaufen bei ihrer Rückkehr in die Heimat. Auch Trainer Marcel Koller wird sich unangenehmen Fragen stellen müssen.

Nach der souveränen EM-Qualifikation mit neun Siegen und einem Remis war Österreich als Geheimfavorit zur Euro nach Frankreich gereist. Den hochtrabenden Träumen folgte der brutale Absturz. Die folgenschwere 1:2-Pleite am Mittwoch (22.06.2016) gegen Island und das Vorrunden-Aus wecken in der Alpenrepublik Erinnerungen an eine der größten Schmähungen des österreichischen Fußballs überhaupt: an das 0:1 gegen Fußballzwerg Faröer 1990, das die Qualifikation zur EM 1992 kostete.

"Defensiv-Koma" und "inferiore Leistung"

Die Kronenzeitung etwa ging in ihrer Online-Ausgabe hart ins Gericht mit dem Team Austria: "Eine nach allen Regeln der Fußball-Kunst verpatzte erste Spielhälfte inklusive Defensiv-Koma sowie vergebenem Elfmeter brachte die Elf von Teamchef Marcel Koller früh ab vom Kurs in Richtung K.o.-Runde." Die "Wiener Zeitung" machte bereits Koller als Schuldigen aus, der sich gegen Island "mit Strategie-Umstellung auf Dreierkette verpokert" habe. Der "Standard" ätzte: "Die Basis für das EM-Out wurde mit einer phasenweise inferioren Leistung in der ersten Hälfte gelegt."

Wie 2008 - alles wie gehabt

Österreich bleibt das einzige Land mit mehr als einer EM-Teilnahme, das noch kein Spiel bei einer Europameisterschaft gewonnen hat. Magere zwei Punkte aus insgesamt sechs Partien stehen zu Buche. Wie bei der zuvor einzigen EM-Teilnahme 2008, bei der man Co-Gastgeber war, schied Österreich auch 2016 mit nur einem Punkt in der Vorrunde aus.

Nicht auf Touren gekommen

Während der gesamten Gruppenphase wirkten die Österreicher merkwürdig gehemmt. Ihr gefürchtetes Umschaltspiel kam weder beim 0:2 gegen Ungarn noch beim 0:0 gegen Portugal und auch nicht gegen Island trotz phasenweise drückender Überlegenheit wirklich auf Touren. Was wohl auch daran lag, dass David Alaba auf der für ihn ungewohnten Zehner-Position schwer fremdelte.

Fink: "Alaba ist kein Zehner"

Nicht nur Austria Wiens deutscher Trainer Thorsten Fink outete sich als erklärter Gegner des Alaba-Experiments. "Er ist kein Zehner. Darum habe ich auch nicht verstanden, warum man mit seinem besten Mann Experimente macht. Im Team spielte er immer auf der defensiven Sechserposition. Die soll er auch wieder gegen die Isländer einnehmen", sagte er vor dem Gruppenfinale. Koller hielt an seiner Idee auch gegen Island fest - zumindest eine Halbzeit lang. Als er den Bayern-Profi, der im Verein meist linker Verteidiger spielt, nach der Pause auf die Sechser-Position beorderte, lief es plötzlich beim Team Austria deutlich besser.

Dreierkette ein Flop

Kopfschütteln erntete Koller, der seit 2011 den damals darniederliegenden österreichischen Fußball überhaupt erst wieder salonfähig gemacht hat, von etlichen Kritikern auch für seine taktische Variante, gegen die Isländer mit einer Dreierkette zu spielen. Laut "Standard" wurde das vorher gerade einmal geprobt - beim 14:0-Test gegen den Schweizer Sechstligisten Schluein.

Koller: "Derzeit läuft es in die falsche Richtung"

Koller selbst zog folgendes Fazit: "Die Spiele bei so einer Endrunde sind sehr intensiv. Im Fußball braucht es Selbstvertrauen. Derzeit läuft es in die falsche Richtung. Das muss man stoppen." Bleibt für ihn zu hoffen, dass der österreichische Fußballverband (ÖFB) nicht die Nerven verliert und den Schweizer Trainer in Ruhe weiterarbeiten lässt. Ungemütlich wird es in den nächsten Tagen aber mit Sicherheit für alle Beteiligten bei der Aufarbeitung des Euro-Desasters. Der ÖFB sollte bei aller Kritik nicht vergessen, dass Koller der einzige Trainer ist, unter dem sich Österreich jemals sportlich für eine EM qualifiert hatte.

Stand: 22.06.2016, 22:00

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