Draxler veredelt Löws Plan

Analyse zum Slowakei-Spiel

Draxler veredelt Löws Plan

Von Marcus Bark (Lille)

Deutschland zeigt die beste Leistung bei der Europameisterschaft, weil der Plan des Bundestrainers mit aller Konsequenz umgesetzt wurde. Gerade von Julian Draxler, der überraschend in der Startelf stand. Die Analyse.

Eckstoß für die deutsche Mannschaft. Vier Spieler haben sich auf der Fünfmeterlinie der Slowaken aufgestellt, dahinter lauert eine zweite Reihe, kurz hinter dem Strafraum eine dritte. Manuel Neuer läuft aus seinem Tor nach vorne. Die Szenerie deutet auf eine Schlussphase hin, in der ein Rückstand aufgeholt werden muss. Dabei steht es 1:0, denn Jérôme Boateng hatte in der achten Minute aus der dritten Reihe nach einem Eckstoß für das schnellste deutsche Tor bei einer Europameisterschaft gesorgt. Es wird dann im Stade Philip Mauroy von Lille auch jedem klar, als Neuer stoppt und an der Mittellinie stehen bleibt.

Möglichst viele weit nach vorne

Möglichst viele Spieler möglichst weit nach vorne, um auch in Abschlusspositionen zu bekommen, die tief stehenden Riegel der Slowaken in die Breite zu ziehen, um Räume entstehen zu lassen, in die dann mit Tempo gelaufen und gespielt werden kann - das war der Plan von Bundestrainer Joachim Löw für das Achtelfinale. Er wurde gerade in der ersten Halbzeit mit aller Konsequenz umgesetzt.

Die gesammelten Daten ergeben, dass nur Neuer und die beiden Innenverteidiger Boateng und der ebenfalls überragende Mats Hummels ihren hauptsächlichen Standort in der eigenen Hälfte hatten.

"Wir sind auf jeden Fall eher eine Turniermannschaft als eine Testspielmannschaft", sagte Toni Kroos mit einem Schmunzeln. Der Test gegen die Slowakei am 29. Mai war noch mit 1:3 in Augsburg verloren gegangen, bei der EM zeigte Deutschland die wahren Leistungsmöglichkeiten der beiden Mannschaften auf.

Kroos mit besten Packing-Werten

Kroos war wieder der Spieler mit den meisten Ballkontakten, er überspielte mit seinen Pässen 110 Gegner. Das waren mehr als bei den anderen deutschen Mittelfeldspielern zusammengenommen. Aber Kroos stach weniger hervor, weil auch die anderen deutschen Mittelfeldspieler positiv auffielen.

Mit einer Vorarbeit und seinem ersten Länderspieltor seit Juni 2013 bestimmte Julian Draxler die Schlagzeilen. Der Wolfsburger war überraschend für Mario Götze in die Startelf gekommen und und zeigte erstmals bei der WM, was ihn ausmacht: Tempo, Technik, Dribbling. "Der Bundestrainer hat in der Ansprache klar von mir gefordert, dass ich die Duelle eins gegen eins suche und mit Tempo in den Strafraum komme", sagte Draxler, der Löws Plan veredelte und sich selbst auch ganz gut fand: "Aber ob es jetzt mein bestes oder zweitbestes Länderspiel war, sollen anderen beurteilen."

Khedira diesmal dynamischer

Die Slowakei hatte den Plan gehabt, im sogenannten Tannenbaum-System, einem 4-3-2-1, das Zentrum des Spielfelds zuzustellen und in einem kompakten Verbund auf die deutschen Außenverteidiger zu verschieben, die systembedingt freie Räume vorfanden. Doch Deutschland verlagerte das Spiel durch schnelle Ballpassagen und präzise Pässe so gut, dass der slowakische Plan misslang.

Mesut Özil fand im Wechselspiel mit Thomas Müller, der sehr häufig zentral hinter Stürmer Mario Gomez zu finden war, immer wieder Standorte, an denen er gut anzuspielen war. Trotz seines verschossenen Elfmeters war auch bei Özil eine weitere Leistungssteigerung zu erkennen. Deutlicher fiel sie bei Sami Khedira aus, der dynamischer war als in den vorangegangenen Spielen, weiter vorne Einfluss nahm, zwei Torschüsse abgab und nur bei vier von 50 Pässen einen falschen Adressaten fand.

"Müssen uns steigern"

Die deutsche Mannschaft überzeugte auch mit einer ausgewogenen Balance bei ihren Angriffen: 26 wurden über die linke Seite vorgetragen, 23 über rechts, 21 durch die Mitte. In der zweiten Halbzeit, bei komfortablem Vorsprung und nach einigen Wechseln, sank das Niveau von hervorragend auf souverän.

Joachim Löw wusste, dass der Weltmeister nach dieser Leistung auch wieder als erster Anwärter auf den Gewinn der Europameisterschaft angesehen wird. Er sagte daher: "Bei aller Wertschätzung für den Gegner: Das war nicht der Maßstab, um als Tipfavorit zu gelten. Wir müssen uns weiter steigern." Wenn es enger wird, muss Neuer auch mal bis in den Strafraum des Gegners durchlaufen.

Stand: 27.06.2016, 08:15

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