EM-Auftakt einer Turniermannschaft

DFB-Elf siegt gegen Ukraine

EM-Auftakt einer Turniermannschaft

Von Marcus Bark (Evian)

Deutschland bestätigt beim Sieg gegen die Ukraine den Ruf einer Turniermannschaft. Einiges hat schon gut ausgesehen, manches kann im Laufe der kommenden Wochen noch erheblich verbessert werden.

Es war schon fast vier Uhr, als der deutsche Mannschaftsbus am Montag (13.06.16) vor dem Hotel in Evian vorfuhr und die Spieler in ihre Betten konnten. Müde, aber zufrieden kehrten sie aus Lille zurück. Beim 2:0-Sieg zum Auftakt der Europameisterschaft gegen die Ukraine zeigte sich, dass die Nationalmannschaft gut präpariert in das Turnier ging, dass es aber auch noch erhebliches Steigerungspotential gibt.

Das war gut: Toni Kroos

Er ist der Boss im deutschen Mittelfeld. Das war vorher schon abgemachte Sache, das bewies Toni Kroos im Stade Pierre Mauroy. Bei nahezu allen Spieleröffnungen war Kroos eingebunden, er war 119 Mal am Ball, 114 Pässe kamen an. Drei Torschüsse und die Vorlage zum 1:0, ein Freistoß auf den Kopf von Shkodran Mustafi, standen am Ende zu Buche.

Die UEFA wählte schon häufiger einen Spieler nur wegen seines Namens zum Man of the Match, in diesem Fall war die Auszeichnung angebracht. Vor allem, weil die Qualität vieler Pässe wieder herausragend war: mit Schärfe nach vorne. "Es war unser Ziel, in die Zwischenräume zu kommen. Das haben wir ganz gut hinbekommen", sagte Kroos, bevor es mit der Propellermaschine zurück ins Quartier ging.

Das war gut: die Innenverteidigung

Mats Hummels noch mit Trainingsrückstand, Antonio Rüdiger schwer verletzt: Wer wird neben Jérôme Boateng verteidigen? Bundestrainer Joachim Löw beantwortete die Frage mit Shkodran Mustafi. Zu Beginn ließ der sich den Ball abnehmen und beschwor damit eine gefährliche Situation herauf. Diese Szene hinterließ aber keine Spuren, Mustafi fand auf ein gutes Niveau, das er bis zum Schluss hielt. Mustafi gewann zwar nur 64 Prozent seiner Zweikämpfe und damit deutlich weniger als Boateng (100 Prozent), aber der führte auch nur vier.

Bei Mustafi waren es 14, Höchstwert in der deutschen Mannschaft. Sein erstes Länderspieltor brachte die Führung für Deutschland, auch am 2:0 war er entscheidend beteiligt. Mit einer recht spektakulären Flugeinlage verhinderte Mustafi ein Zuspiel in den Strafraum, damit leitete er den Konter ein, den Bastian Schweinsteiger mit dem 2:0 vollendete.

Das war gut: die Steigerung in der Defensive nach der Halbzeit

Eine famose Rettungsaktion von Jérôme Boateng, mehrere Rettungsaktionen von Manuel Neuer: Zurecht sprach Toni Kroos davon, dass "wir gut den Ausgleich hätten kassieren können". Er meinte besonders die kritische Phase vor dem Halbzeitpfiff. Nach der Pause hatte die Ukraine viel weniger gute Chancen, was durch eine bessere Staffelung in der Defensive bedingt war. Die Räume wurden besser zugestellt, die Abstände zwischen den deutschen Spielern waren in horizontaler wie vertikaler Richtung besser.

Das ist ausbaufähig: die Außenverteidiger

Ein leidiges Thema. Nach vorne kam von Benedikt Höwedes (rechts) und Jonas Hector wenig, in der Defensive kamen die beiden schnellen
Außenspieler der Ukraine, Jarmolenko und Konopljanka, häufiger zum Zug. Allerdings auch deshalb, weil die vor Höwedes und Hector postierten deutschen Spieler, Thomas Müller (rechts) und Julian Draxler, zu wenig Unterstützung boten. Bei Müller wurde das nach der Pause deutlich besser, Draxler hingegen sparte sich einige Meter, die er hätte leisten müsse. Dass er als erster deutscher Spieler (gegen André Schürrle)
ausgewechselt wurde, war folgerichtig.

Das ist ausbaufähig: Manuel Neuers Zurückhaltung

Manuel Neuer war neben Toni Kroos wegen seiner Rettungstaten im Fünfmeterraum der herausragende deutsche Spieler. Trotzdem bleiben zwei Szenen in Erinnerung, in denen der Torwart (mal wieder) zuviel wollte und aus dem Strafraum eilte, obwohl dort Feldspieler bereit standen, um die Situation zu klären. Nach dem Kopfball von Mustafi, der Neuer auch nicht so nah bei ihm erwartet hatte, und der Rettungsaktion des deutschen Torwarts hätte Schiedsrichter Martin Atkinson auch auf einen Elfmeter entscheiden können. Er hätte die Chance zum 1:1-Ausgleich bedeutet.

Das ist ausbaufähig: die Verteidigung von Standards

Der Bundestrainer hatte mehrmals gesagt, dass die Verteidigung von Standardsituationen ein Schwerpunkt in der direkten Vorbereitung auf das erste Spiel sein wird. Doch gerade bei den Eckstößen von Konopljanka war die Gefahr eines Gegentores groß, weil die Zweikämpfe aus der Raumdeckung heraus (5-3-2-Staffelung im Strafraum) verloren gingen.

Stand: 13.06.2016, 10:00

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