Blaise Matuidi - Maschine im sensiblen Raum

Frankreichs heimlicher Star

Blaise Matuidi - Maschine im sensiblen Raum

Von Jörg Strohschein

Neben vielen namhaften Angreifern verfügt Frankreich mit Blaise Matuidi über einen defensiven Mittelfeldspieler, der ebenfalls Weltklasse-Niveau besitzt.

Vielen Fußballfans fallen beim Gedanken an die französische Nationalmannschaft wohl spontan Namen wie Paul Pogba, Olivier Giroud oder Antoine Griezman ein. Offensivspieler, die mit ihren Toren und Dribblings für Spektakel auf dem Spielfeld und Unterhaltung auf den Zuschauerrängen sorgen - und die die Fans mit ihren Aktionen in Begeisterung versetzen. Auch Blaise Matuidi gehört seit einigen Jahren wie selbstverständlich zu diesem französischen Spitzenensemble - in der öffentlichen Wahrnehmung nimmt er allerdings eher eine Nebenrolle ein.

Dabei besetzt der defensive Mittelfeldakteur eine der wichtigsten Positionen im Spiel der Franzosen. Als "Sechser" ist Matuidi dafür da, die Offensive mit der Defensive zu vereinen, das Spiel zu lenken und den Takt vorzugeben. Diese Aufgabe erscheint zumeist unspektakulär, beinhaltet viel Arbeit und Schweiß und hat wenig zu tun mit dem Glanz, den die Offensivkräfte so häufig versprühen.

Die Gruppe steht im Vordergrund

Aber die perfekte Umsetzung dieses Jobs ist im modernen Fußball überlebenswichtig geworden, weil er der Mannschaft, wenn die Aufgabe entsprechend lauf- und zweikampfstark interpretiert wird, Stabilität und Sicherheit verleiht. Spieler wie Matuidi legen damit erst die Grundlage für den Erfolg, weil sie den Offensivkräften mit Leidenschaft den Rücken freihalten. Und im Gegensatz zu den oft egoistisch geprägten Angreifern steht für Matuidi die Gemeinschaft im Vordergrund.

Selbst nach den ungewöhnlich vielen verletzungsbedingten Ausfällen der französischen Defensivspieler, wie etwa der seines eigentlich vorgesehen Nebenmanns Lassane Diarra von Olympique Marseille (entzündetes Knie) vor dieser Fußball-EM, beschwört Matuidi den Teamgeist. "Die große Kraft von Frankreich ist die Gruppe", sagt er.

Schlüsselrolle im 4-3-3

Matuidi scheint für die "Équipe Tricolore" die Idealbesetzung im wohl sensibelsten Raum auf dem Spielfeld zu sein. "Er ist immer da, er bearbeitet das gesamte Spielfeld, er ist beim Pressing stets zur Stelle", sagt Frankreich-Trainer Didier Deschamps über Matuidi. Einzig an seiner Torgefährlichkeit könnte der Mittelfeldspieler noch arbeiten. In 44 Länderspielen erzielte er acht Treffer.

"Er spielt eine Schlüsselrolle im 4-3-3-System von Deschamps", sagt Gernot Rohr. Der 62 Jahre alte Fußballlehrer, der einst beim FC Bayern als Profi engagiert war, lebt seit 40 Jahren in Bordeaux und schwärmt geradezu von den Fähigkeiten Matuidis. "Er ist mittlerweile einer der besten defensiven Mittelfeldspieler der Welt. Und ich hoffe, das wird er Frankreich und ganz Europa bei dem Turnier beweisen", sagt Rohr. "Er ist beidfüßig, technisch perfekt und hat unglaublich viel Power."

Ausbildung in Fußball-Akademie Clairefontaine

Matuidi ist einer der wenigen Franzosen, die auf höchstem Niveau agieren und in ihrer heimischen Liga geblieben sind. Der 29-Jährige spielt seit 2011 im mit dem Geld der Scheichs aus Katar zusammengestellten internationalen Starensemble von Paris St. Germain und hat sich trotz der hochklassigen Konkurrenz dort stets durchgesetzt. "Er ist eine Maschine. Er läuft und läuft und läuft. Ich würde nicht gerne gegen ihn spielen", sagt sein Teamkollege, der brasilianische Nationalverteidiger David Luiz.

Matuidi ist heimatverbunden, wurde in Toulouse geboren, besuchte als Jugendlicher die berühmte französische Fußball-Akademie in Clairefontaine südlich von Paris und hat seine berufliche Zukunft trotz einiger Angebote europäischer Spitzenklubs bislang stets in Frankreich gesehen. Mit seiner Frau und seinen drei Kindern lebt er in einem Vorort von Paris. "Die Familie ist mir heilig", sagt er.

Große Anerkennung bei den Fachleuten

Bei dieser EM will sich Matuidi einen sehnlichen Wunsch erfüllen. "Einen Titel im eigenen Land zu gewinnen, ist ein Traum. Wir haben 1998 erlebt, dass es funktionieren kann", sagt der Nationalspieler und erinnert an die französischen Weltmeister, die den Titel einst im Stade de France erkämpft hatten.

Womöglich würde auch das Publikum Matuidi nach einem möglichen EM-Gewinn an selber Stelle die eigentlich angemessene Anerkennung endlich zukommen lassen. Bei den Fachleuten besitzt er diese indes längst.

Im vergangenen Jahr hatte ihn eine Jury, besetzt mit Ex-Profis wie etwa Zinedine Zidane, Alain Giresse oder auch Jean-Pierre Papin, zum "Fußballer des Jahres" in Frankreich gewählt. Vor Spielern wie Pogba, Giroud oder Griezman.

Stand: 10.06.2016, 08:30

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