Frankreich stellt sich eine neue Sicherheitsfrage

Ausschreitungen in Marseille

Frankreich stellt sich eine neue Sicherheitsfrage

Von Chaled Nahar

Die Angst vor Anschlägen war in Sachen Sicherheit das große Thema vor der EM. Das dürfte sich nun ändern, denn die Ausschreitungen in Marseille und auch in Nizza rücken die Gewalt durch Fans in den Vordergrund.

Der alte Hafen von Marseille ist eine der großen Sehenswürdigkeiten der Stadt. Er bietet außerdem eine Kneipenmeile, auf der sich seit Donnerstag tausende vor allem englische Fußballfans vor dem Spiel gegen Russland versammelten, um Bier zu trinken und zu singen - wenn auch nicht immer geschmacklich stilsicher.

31 Verletzte in Marseille, einer in Lebensgefahr

Drei Tage in Folge kippte die Stimmung jeweils in Gewalt. Mit dem Höhepunkt am Samstag, als vor und nach dem 1:1 zwischen England und Russland die Situation sogar im Stadion eskalierte. Nach dem Tor ihrer Mannschaft in der Nachspielzeit stürmten einige Dutzend russische Fans auf englische Zuschauer zu, es entstanden wilde Schlägereien. Viele Fans rannten panisch in Richtung eines Zaunes, sprangen über Absperrungen.

Nun sind nach den Ausschreitungen im Stadion und zuvor in der Stadt 31 Menschen verletzt, einer soll sich nach Angaben von Frankreichs Innenminister Bernard Cazeneuve in Lebensgefahr befinden. Drei Polizisten sollen leicht verletzt worden sein. Unklar ist, welche Folgen die Auseinandersetzungen zwischen Fans Nordirlands und Polen am Samstagabend vor deren Spiel am Sonntag in Nizza gehabt haben. Laut AFP soll es sieben Verletzte gegeben haben.

Englischer Fanvertreter sieht die Schuld bei anderen

Donnerstag kam es erstmals zu Auseinandersetzungen englischer Fans mit der Polizei. Auch am Freitag und am Samstag vor dem Spiel gab es ähnliche Szenen. Im Gegensatz zur Situation im Stadion wurde in der Stadt nicht immer klar, ob englische Fans, russische Anhänger oder Jugendliche aus Marseille die Gewalt angezettelt haben. Am Hafen war nach zwei Tagen mit Ausschreitungen die Anspannung spürbar.

Kevin Miles, Chef einer englischen Fanvereinigung sieht die Schuldfrage so: "Es waren Gruppen von Einheimischen und Gruppen von Russen, die hierherkommen und die Gewalt gestartet haben", sagte er laut dpa bei Sky Sports. "Es gibt englische Fans, die deutlich zu viel getrunken haben und nicht wissen, wie sie sich in solchen Situationen verhalten sollen." Andere Fans geben auch der Polizei eine Schuld an der Eskalation. In Internetvideos sind wüste Schlägereien von großer Brutalität zu sehen.

UEFA berät über Konsequenzen

Die Engländer haben in Sachen Fußball die wahrscheinlich reise-, trink- und sangesfreudigsten Anhänger hinter sich. Sie sind zahlenmäßig seit Jahren bei jedem Turnier praktisch jedem Gegner haushoch überlegen, gegen Russland betrug das Verhältnis im Stadion mindestens 70 zu 30. Dem Spiel gaben die englischen Fans wie so oft einen außergewöhnlichen Rahmen, die Lautstärke war enorm.

Doch der mitgereiste Heimvorteil könnte durch die Krawallmacher unter den Fans nun zum Nachteil werden, auch für Russland. Die UEFA steht nun unter Druck und muss mit den Behörden eine Antwort auf die Ausschreitungen geben, der europäische Verband berät bereits über Konsequenzen. In Qualifikationswettbewerben hat die UEFA schlechtes Fanverhalten schon mit sportlichen Strafen wie Punktabzügen belegt. Am Mittwoch spielt Russland in Lille gegen die Slowakei - nur 40 Kilometer entfernt in Lens treffen am Donnerstag England und Wales aufeinander.

Stand: 12.06.2016, 09:08

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