Portugals Zweck heiligt Santos' Mittel

Portugiesen im Viertelfinale

Portugals Zweck heiligt Santos' Mittel

Von Michael Ostermann

War das wirklich Portugal? Mit einer ungewöhnlichen Defensivtaktik gelingt dem Team um Cristiano Ronaldo der Einzug ins EM-Viertelfinale. Schön anzusehen ist das nicht, aber erfolgreich.

Portugals Trainer Fernando Santos stand nach dem Schlusspfiff mitten auf dem Spielfeld und ruderte wie wild mit den Armen, um die portugiesischen Fans zu noch lauterem Jubel zu animieren. Es wirkte, als wolle er den eigenen Anhang beschwören, nicht nur den Zweck zu feiern, sondern auch die Mittel, die dieser Zweck geheiligt hatte. Auch wenn das Publikum in Lens sich tatsächlich gefragt haben dürfte, ob das tatsächlich Portugal gewesen war, dass da soeben die Kroaten in der Verlängerung mit 1:0 bezwungen und so das Viertelfinale klar gemacht hatte.

Adrien bremst Modric

Santos hatte vor der Partie ganz offenbar entschieden, dass seine Mannschaft in der Vorrunde und insbesondere beim 3:3 im letzten Gruppenspiel gegen Ungarn für genug Spektakel gesorgt hatte. 68 Torschüsse hatte seine Mannschaft in der Vorrunde abgegeben, so viele wie kein anderes Team. Gegen die Kroaten waren es nun in 116 Minuten lediglich drei. Keiner davon kam aufs gegnerische Tor.

Der Grund dafür war eine andere Erkenntnis der Vorrunde. Weil die Portugiesen bei nur 16 gegnerischen Torschüssen in den ersten drei Spielen gleich vier Gegentore kassierten, legte Santos sein Augenmerk im Achtelfinale auf defensive Stabilität. Dafür wechselte er bis auf Innenverteidiger Pepe nicht nur drei Viertel seiner Viererkette aus, sondern opferte auch noch seinen Mittelfeldmotor Joao Moutinho, der den gesamten Abend auf der Bank verbrachte. Stattdessen durfte Adrien Silva von Sporting Lissabon im defensiven Mittelfeld die Kreise von Kroatiens Antreiber Luka Modric stören.

Pfiffe nach 105 Minuten

Er tat das mit viel Einsatz erfolgreich. Die logische Konsequenz aus Santos' taktischen Maßnahmen, war, dass den Portugiesen im Spielaufbau die Ideen und die präzisen Pässe Moutinhos fehlten und Modric sich die Bälle so weit hinten abholen musste, dass er dem Offensivspiel der Kroaten nicht zur Blüte verhelfen konnte. Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass die Kroaten immerhin 17 Mal einen Torschuss versuchten. Präzise waren auch diese Versuche nicht. Einzig gefährlich war ein Kopfball von Ivan Perisic in der Verlängerung, der am Pfosten landete und in den Konter mündete, den Ricardo Quaresma in der 117. Minute zum Siegtreffer der Portugiesen nutzte.

"Wir hatten mehr Ballbesitz, wir hatten die besseren Chancen. Aber manchmal reicht das nicht - auch das macht den Fußball ja so populär", befand Kroatiens Trainer Ante Cacic und lag zumindest mit seiner Schlussfolgerung daneben. Denn das zähe Spiel animierte das Publikum eher nicht zu Begeisterungsstümen, sondern nach 105 Minuten geduldig ausgeharrten Minuten zu lautstarken Pfiffen. Zumal sich auch Cristiano Ronaldo bis zum entscheidenden Konter weder zu einer spektakulären Einzelaktion hinreißen lassen, noch mit beleidigten Blicken und Gesten das Feindbild für die gegnerischen Fans kultivieren konnte.

Ronaldo und Nani aus dem Spiel

Santos' Taktik hatte auch ihn genauso wie seinen Sturmpartner Nani schlicht aus dem Spiel genommen. Ronaldo kam in den 120 Minuten auf lediglich 41 Ballkontakte, Nani gar nur auf 38. Selbst der erst in der zweiten Halbzeit eingewechselte Renato Sanches hatte mehr Ballkontakte als die beiden Angreifer. Mit der Einwechslung des künftigen Bayern-Spielers hatte Trainer Santos das Offensivspiel nach der Pause fein dosiert belebt, ohne an der defensiven Grundhaltung etwas zu ändern.

Am Ende aber war es dann natürlich dennoch Cristiano Rondaldo, der die Entscheidung herbeiführte, als er den entscheidenden Konter nicht nur in der eigenen Hälfte einleitete und anschließend mit seinem ersten Torschuss - dem ersten portugiesischen, der aufs gegnerische Tor kam - dafür sorgte, dass Quaresma den von Kroatiens Torhüter Danijel Subasic abgewehrten Ball per Kopf abstauben konnte.

Die Portugiesen bekommen es im Viertelfinale nun mit Polen zu tun. Ob Santos auch dann wieder die am Ende erfolgreiche Defensivtaktik anwendet, wird man sehen. Die Frage, ob die Portugiesen nun auf einmal sogar wieder den Titel im Visier haben könnten, geht Santos auf jeden Fall zu weit. "Wir müssen in diesem Turnier weiter Spiel für Spiel sehen. Dann sehen wir, was dabei noch herauskommt." Die Erfahrung, dass der Zweck dabei die Mittel heiligt, haben die Portugiesen jetzt auf jeden Fall schon mal gemacht.

Stand: 25.06.2016, 23:58

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