Kroatien - Wenn die eigenen Fans zum Feind werden

Ausschreitungen im Spiel gegen Tschechien

Kroatien - Wenn die eigenen Fans zum Feind werden

Kroatische Fans haben trotz Führung ihres Teams gegen Tschechien für einen Eklat gesorgt und sich untereinander eine wüste Schlägerei geliefert. Was steckt dahinter?

Dass gewaltbereite Fans im Stadion Ärger machen, wenn ihre Mannschaft zurück liegt, das sind wir leider gewöhnt. Dass sie jedoch eine Spielunterbrechung provozieren und sich dann noch untereinander wüste Schlägereien liefern, obwohl das eigene Team in Führung liegt, das ist neu. Und ein wenig verstörend ist es auch.

So geschehen am Freitag (17.06.16) beim EM-Spiel zwischen Kroatien und Tschechien. Die Kroaten führten nach Toren von Ivan Perisic (37.), Ivan Rakitic (59.) und einem Gegentreffer von Milan Skoda (76.) hochverdient mit 2:1. Dann flogen in der 86. Minute plötzlich mehrere bengalische Feuer und Knallkörper aus dem kroatischen Block auf das Spielfeld. Einer der Knallkörper explodierte direkt neben einem Ordner, als der gerade die brennenden Fackeln vom Rasen holen wollte. Danach gingen im Block Teile der kroatischen Anhänger mit Fäusten aufeinander los, die Partie wurde für rund vier Minuten unterbrochen.

Gezielte Sabotage

Was steckt dahinter? Experten sind sich einig, dass es den Störenfrieden primär um eines geht: Dem eigenen Verband zu schaden und ihn wieder und wieder vor aller Augen zu diskreditieren. Das ist ihnen offenbar wichtiger als der Erfolg des kroatischen Teams.

Wer genau für die Randale verantwortlich ist, ist nicht klar. Klar ist aber, dass einige  kroatische Fans den Verbandspräsidenten Davor Suker und seinem Vize Zdravko Mamic ablehnen. Mamic, ehemaliger Präsident des Serienmeisters Dinamo Zagreb, gilt als "Pate" und mächtigste Figur des kroatischen Fußballs. Der frühere Weltklassestürmer Suker wird als seine Marionette angesehen.

Ultras in Abneigung vereint

Vor allem bei den Fans von Dinamo Zagreb hat sich Mamic höchst unbeliebt gemacht. Denn er soll jahrelang beim Transfer von Dinamo-Spielern ins Ausland in die eigene Tasche und an der Steuer vorbei gewirtschaftet zu haben. Dinamos Hooliganszene ist berühmt-berüchtigt. Und was die Kritik an Mamic und Suker angeht, sind sie sich ausnahmsweise einig mit den Ultras aus Split und Rijeka. In Saint-Etienne kamen zahlreiche Anhänger mit T-Shirts ins Stadion, die durchgestrichene Fotos von Mamic oder durchgestrichene Logos des Verbandes  zeigten.

Schon seit Jahren macht ein Teil der Fans dem Verband mächtig Ärger. Immer wieder wird Pyrorechnik abgebrannt oder es kommt zu rassistischen Ausfällen. Ausbaden muss das der Verband - und damit Mamic und Suker. Es gab Geldstrafen, Zuschauer-Ausschlüsse und Punktabzüge. Auch jetzt verhandelt die UEFA-Disziplinarkommission. Genau wie das russische Team spielen die Kroaten demnächst wohl auf Bewährung, bei Wiederholung droht ein Ausschluss. Zu den Schlägereien kam es wohl, weil gemäßigte Fans dem Treiben im Block ein Ende setzen wollten.

Kroatien von der Rolle

Als Schiedsrichter Mark Clattenburg das Spiel wieder anpfiff, waren die Kroaten völlig aus dem Konzept gebracht. Die Tschechen kamen durch einen Handelfmeter von Tomas Necid (90.+3) noch zum 2:2.

 "Meine Spieler haben durch die Unterbrechung ihre Konzentration verloren", sagt Trainer Ante Cacic hinterher: "Auch sie hatten Freunde und Familie auf der Tribüne. Sie konnten das danach nicht einfach ausblenden und so weiterspielen, als wäre nichts geschehen." Die Ausschreitungen nannte er eine "Schande vor den Augen ganz Europas. Ich nenne das eine Art von Terror. Das sind für mich keine Fans, ich nenne sie Hooligans", sagt er. Und die Zeitung "Vecernji List" titelte: "Wer gibt ihnen das Recht, Modric, Rakitic und Perisic dieses Turnier zu stehlen?"

Sogar das Staatsoberhaupt ächtete die Krawallmacher von Saint-Etienne. "Das sind Staatsfeinde, die ihre Mannschaft und ihr Land hassen", sagte Präsidentin Kolinda Grabar-Kitarovic: "Schämt euch!"

red/sid/dpa | Stand: 18.06.2016, 13:00

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